"Die Ukraine hat eine starke Position"

6. Jänner 2009, 18:30
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Der schwedische Ökonom Anders Aslund im Interview

Standard: Im Vorfeld des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine gingen die meisten Experten davon aus, dass es zu einer raschen Einigung kommen wird. Wieso ist der Streit eskaliert?

Aslund: Ich habe immer damit gerechnet, dass es zu einem Lieferstopp kommt. Gasprom hat eigens eine Internetseite erstellt, die gegen die Ukraine gerichtet ist. Dort wurde der Lieferstopp angekündigt. Das spricht dafür, dass dieser Streit eher einen politischen als wirtschaftlichen Hintergrund hat.

Standard: Also geht es Russland gar nicht um einen höheren Gaspreis und um die unbezahlten Rechnungen?

Aslund: Ich glaube, dass das Hauptziel von Premierminister Wladimir Putin darin besteht, die ukrainische Demokratie in den Augen der russischen Bevölkerung schlecht dastehen zu lassen. Im Gegensatz dazu geht es für die Ukraine um wirtschaftliche Dinge. Der Gaspreis und die Transitgebühren sind sehr wichtig für die ukrainische Wirtschaft.

Standard: Welche Rollen spielt der Zwischenhändler RosUkrEnergo?

Aslund: Der Zwischenhändler RosUkrEnergo dient der Bereicherung einiger Leute im Kreml und finanziert auch eine große Anzahl ukrainischer Politiker. Die ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko wollte dieses korrupte Krebsgeschwür daher loswerden.

Standard: Warum wollte die Ukraine den von Gasprom gebotenen Preis von 250 Dollar nicht akzeptieren? Er liegt unter dem Niveau, dass z. B. das ebenfalls krisengeschüttelte Ungarn zahlen muss?

Aslund: Die Ukraine hat eine starke Verhandlungsposition und die Gaspreise fallen. Warum sollte die Ukraine also diese massive Preiserhöhung akzeptieren? Russland hat sich niedrige Transitgebühren gesichert, die erhöht werden müssen. (Verena Diethelm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2008)

Zur Person: Der schwedische Ökonom Anders Aslund (57) ist Senior Fellow am Peterson Institute in Washington. Zuvor leitete er das Russland- und Eurasienprogramm der Carnegie Stiftung. Er beriet die Regierungen in Kiew und Moskau.

  • Anders Aslund, Wirtschafts- und Russlandexperte.
    foto: epp-ed

    Anders Aslund, Wirtschafts- und Russlandexperte.

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