Wenn das Kleingeld ausgeht

6. Jänner 2009, 18:38
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Der FC Chelsea ist von der Finanz­krise am härtesten betroffen. Generell muss im europäischen Kick gespart werden, in Österreich fällt das aber kaum auf

London/Wien - Die weltweite Finanzkrise lässt natürlich auch den Fußball nicht aus. Besonders arm sind in erster Linie jene Vereine, die das Geld gleichsam abgeschafft haben. Zum Beispiel und vor allem Chelsea. Weil das Vermögen von Klubbesitzer Roman Abramowitsch angeblich um 14 Milliarden Euro geschrumpft ist (von 17 auf drei), steht den Blues ein schmerzhaftes Sparprogramm bevor. Erstes Indiz: Womöglich muss der englische Vizemeister ohne Neuzugang im Jänner auskommen. "Es ist eine andere, eine schwierigere Zeit für Chelsea" , klagte Trainer Luiz Felipe Scolari. Er muss dieser Tage förmlich um einen Neuzugang betteln: "Wenn sich keiner mehr verletzt, dann werden sie höchstens noch einen Neuen holen, denn ich brauche ja einen neuen Spieler. Nur einen. Einen Stürmer."

Die Auswirkungen der Finanzkrise haben die englische Premier League, die mit rund 3,2 Milliarden Euro verschuldet ist, voll erwischt. Statt Millionen-Transfers zu tätigen, üben sich die Großkopferten in Zurückhaltung. Meister Manchester United verpflichtete lediglich den 21-jährigen Serben Zoran Tošić. "Das war es erst einmal mit unseren Neuzugängen. In diesem Monat werden wir definitiv nicht mehr aktiv" , erklärte ManU-Teammanager Sir Alex Ferguson.
Dabei wurde auf der Insel erst vor einem Jahr die Rekordsumme von umgerechnet rund 240 Millionen Euro in die Jänner-Transfers gesteckt. Fünf Jahre zuvor waren es im Vergleich dazu nur 50 Millionen gewesen. Bezeichnend für die allgemeine Tristesse auf dem europäischen Spielermarkt ist, dass aktuell ein knapp dreimonatiges Ausleihgeschäft die Schlagzeilen bestimmt. David Beckham sorgt zumindest bis 8. März 2009 beim AC Mailand für Glamour.

Marktpreisregulierung

Franz Beckenbauer sieht die schwierige wirtschaftliche Situation auch als Chance für eine Regulierung der Marktpreise. "Gott sei Dank trägt die allgemeine Finanzkrise als Nebeneffekt dazu bei, dass die absurde Preistreiberei in Europa aufhört. 20 oder mehr Millionen Euro für Durchschnittsspieler? Das war Wahnsinn und wird sich hoffentlich ändern" , sagte der Präsident des FC Bayern. Sein Coach Jürgen Klinsmann: "Es wird spannend sein zu verfolgen, was bei den großen Klubs passiert, wenn die Investoren sagen, dass sie nicht mehr das nötige Kleingeld haben."
Neun der 20 Premier-League-Klubs sind derzeit im Besitz ausländischer Investoren. Vor allem West Ham United droht Ungemach, denn Chef Björgolfur Gudmundsson ist dummerweise Isländer, und Island ist bankrott. Der Klub steht zum Verkauf. Abramowitsch, der seit der Übernahme des FC Chelsea vor fünfeinhalb Jahren rund 500 Millionen Euro in die Londoner investiert haben soll, hat den Rotstift bereits angesetzt. Im November wurden 15 der 25 Talentspäher freigestellt, darunter der ehemalige deutsche Nationalspieler Rainer Bonhof. "Mir wurde lediglich mitgeteilt, dass aus Kostengründen Länder wie Deutschland und Italien nicht mehr systematisch beobachtet werden" , sagte Bonhof. Chef-Scout Frank Arnesen verdeutlichte: "Roman hat die finanzielle Bremse gezogen." Derzeit belastet ein Schuldenberg von rund 1,1 Milliarden Euro die Blues. Bei rund 870 Millionen Euro handelt es sich um Kredite. Diese muss der Klub an Abramowitsch zurückzahlen.

Ruhe in Österreich

In Spanien, Italien und Deutschland wird im Winter auch kaum eingekauft, lediglich Real Madrid investierte ein bisserl (Diarra, Huntelaar). Österreich, das bekanntlich zu den fußballerischen Armutschkerln in Europa und auf der Welt zählt, ist von der Finanzkrise nur minimal betroffen. Es war nämlich auch schon vor dem Crash kein Geld da. Am heimischen Transfermarkt tut sich praktisch nichts. Dass Roman Wallner vom LASK verpflichtet wurde, dürfte schon der Heuler gewesen sein. Schlusslicht Altach versucht, den übergewichtigen Kugelblitz Ailton zu halten, Tabellenführer Red Bull Salzburg möchte den Kader verkleinern, ungefähr fünf teure Kicker loswerden (Ilić, Pamić, Dudić etc.). Die wehren sich allerdings. Das hat auch mit der Finanzkrise zu tun. Denn anderswo würden sie weit weniger verdienen. (sid, red, DER STANDARD Printausgabe, Mittwoch, 7. Jänner 2009)

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    Der Russe Roman Abramowitsch schaut drein, wie einer halt dreinschaut, wenn er 14 Milliarden Euro verloren hat.

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