"Mehr Gründe für den Widerstand"

6. Jänner 2009, 18:13
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Der Krieg in Gaza werde dazu führen, dass mehr Palästinenser zu den Waffen greifen, sagt der Hamas-Führer Osama Hamdan

STANDARD: Was bezweckt Israel mit dem Krieg? Soll die Hamas militärisch geschwächt werden oder geht es um eine Wiederbesetzung Gazas?

Hamdan: Ich denke nicht, dass Israel den Gazastreifen wiederbesetzen will, obwohl das passieren könnte. Israel will die Palästinenser brechen, weil die Friedensgespräche mit Mahmud Abbas in eine Sackgasse geführt haben. Das wichtigste Resultat des Krieges wird aber sein, dass Israel noch mehr Gründe für die Fortsetzung des palästinensischen Widerstandes schafft. Ich glaube nicht, dass es nach diesem Krieg noch irgendeine Hoffnung auf einen Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern gibt.

STANDARD: Welche Bedingungen stellt die Hamas für eine Waffenruhe?

Hamdan: Unsere Positionen sind klar: Die Israelis müssen die Invasion stoppen, die Blockade des Gazastreifens vollständig aufheben und alle Übergänge, besonders Rafah, müssen geöffnet werden.

STANDARD: Müsste die Hamas nicht gerade wegen der zivilen Opfer eine bedingungslose Waffenruhe anbieten und auf die Öffnung der Grenzen vorerst verzichten?

Hamdan: Bisher haben die Israelis mehr Zivilisten als Hamas-Kämpfer getötet. Allein Montagnacht starben mehr als 100 Palästinenser, 90 von ihnen waren Zivilisten, ein Drittel Kinder. Aber niemand sollte vergessen: Israel hat bereits durch seine Blockade Menschen getötet. 300 Palästinenser starben allein dadurch, dass keine medizinischen Güter in den Gazastreifen gelassen wurden. Bisher haben sie die Palästinenser sanft getötet, jetzt machen sie es hart.

STANDARD: Derzeit befindet sich eine Hamas-Delegation in Kairo und verhandelt über die Möglichkeiten eines Waffenstillstands. Was kann dabei herauskommen?

Hamdan: Unsere Delegation verhandelt nicht. Die Ägypter haben uns angerufen und gesagt, dass sie einige Ideen hätten, und diese hören wir uns jetzt einmal an. Bis jetzt hat es aber keinen soliden Vorschlag der Ägypter gegeben, der zu einer Waffenruhe hätte führen können. Bisher hat Ägypten durch die Sperre der Grenze zum Gazastreifen überhaupt nur Israel geholfen. Wir arbeiten derzeit daran, dass sie die Grenzen zumindest für medizinische Güter und Freiwillige, die den Palästinensern im Krieg helfen wollen, öffnen.

STANDARD: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gibt der Hamas eine Mitschuld am Krieg. Wie sehen Sie seine Aussagen?

Hamdan: Abbas Präsidentschaft läuft in drei Tagen aus. Er hat seine letzte Chance verpasst, mit einem guten Image in die palästinensische Geschichte einzugehen. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 07.01.2009)

Zur Person
Der 1965 im Gazastreifen geborene Osama Hamdan ist Mitglied des Hamas-Politbüros und Vertreter der Hamas im Libanon. DER STANDARD erreichte Hamdan telefonisch in Beirut.

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    Osama Hamdan.

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