Heiß, kalt, heißkalt, das Krisenjahr 2009

6. Jänner 2009, 19:38
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Krise ist keine Katastrophe, aber was sonst?

2009 wird ein Krisenjahr: heiss, kalt, heisskalt. Hochschaubahn des Lebens, ohne zuverlässige Bremsen. Sind Massenkarambolagen auf eisglatter Wirtschaftsautobahn ohne Sicht und Tempolimits vermeidbar? Müssen wir in die Nebelwände an Ungewissheit auf immer kürzere Sicht fahren und zuletzt stehen bleiben, oder wie gewohnt auf gut Glück weitereilen? Anhalten oder Weiterfahren: was wahrt eher sicheren Abstand, und was lässt uns in ab- und quergestellte Fahrzeuge knallen - oder andere in uns? Gibt es bewährte Autopilots, um Wolkenwände sicher blind zu durchfliegen?

Krise ist keine Katastrophe, sondern totale existienzielle Unsicherheit; weil wir bis zum Ende nicht wissen können, ob der ständige Wechsel von Schmerz und Euphorie den nahenden Tod oder Genesung ankündigt.

Selbstverschuldete Katastrophe hingegen ist, wenn man (wie beim AUA-Verkauf) unter extremem Zeitdruck, ungünstigsten Umständen, ohne ausreichend Information und Alternativen entscheiden muss, wo gar nichts mehr zu entscheiden ist. Nur Dummköpfe manövrieren sich und uns in hoffnungslose lose-lose-Situationen. Jede Krise vermehrt Verlierer und Gewinner - und polarisiert politisches und wirtschaftliches Führungspersonal um diese Erfolgs- und Überlebensachse.

Wachstumskrise ist, wenn niemand wissen kann, ob ein Schock sich als schwere, aber vorübergehende "Delle" oder als eine in chronische Stagnation und Deflation verschleppte Rezession herausstellen wird. So brach etwa 1975 aus einer dreifachen Inflation wie 2008 (Preisindex BNP: 10,5%, VPI 9,5%) das Wachstum um 6,1% auf minus 2% ein, um sich schon im Folgejahr wieder um real 5,2% zu erholen, was für 2009/2010 einfach nicht absehbar ist. Denn die erste und größte Gefahr ist, dass keine Depression als Depression beginnt.

2009 wird ein Jahr der Wachstumseinbrüche und "Rettungspakete", gleichzeitiger Realeinkommenszuwächse und Vermögensverluste wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ein Jahr konsolidierten Wohlstands neben Anwachsen von Arbeitslosigkeit und Armutsinseln. Ein Jahr spektakulärer Krachs, Konkurse, Korruptionsskandale, die nach 9/15 immer weniger schockieren werden.

Ein Jahr unerträglicher Ungewissheit über die Nähe zum Abgrund; die Bodenbildung an der Börse; den Wert von Immobilien, Aktien und anderer Vermögenswerte. Ein Jahr fortgesetzter Entzauberung nicht nur halbseidener Ratings, sondern aller Prognosen: Denn niemand kann wissen, ob der Ölpreis mehr bei 35 oder 150 Dollar das Barrel, der Dollar eher wieder bei 1,15 oder 1,65 Euro, ob 5 Millionen Arbeitslose in Europa mehr oder weniger, und ob in weiteren 10 Monaten weitere 5 Billionen Dollar Altersvorsorge verloren oder teilweise wieder gefunden sein werden. Nach der ersten Erdölkrise und weltweiten Rezession wurden die Erwartungsgrößen im Bundesfinanzgesetz 1975 bis zu 100% überschätzt*!

Und alle, gerade auch die kleinsten Marktteilnehmer, vom pfuschenden Kurzarbeiter bis zum (durch Timing der Tankfüllung) heizölpreis-"hedgenden" Reihenhausbesitzer, werden sich "spekulativ" anpassen müssen. Entscheidend sind Innovationskraft, solidarische Hilfe für Arbeitslose und Kurzarbeiter - und endlich die Mindestsicherung. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2009)

* Marin, Wagner, Wachstumskrisen in Österreich, 2 Bände, Wien 1979

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