Inger Christensen 1935-2009

5. Jänner 2009, 12:59
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Weltbedeutende Lyrikerin, Vertreterin einer Abstrakten Moderne und Trägerin des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur

Kopenhagen - Ein Paradoxon der Dichtkunst: Wer, wie die gelernte Medizinerin und Mathematikerin Inger Christensen, das eigene poetische Werk dauerhaft gegen allen Zerfall imprägnieren will, muss sich mit der Welt verbünden.

Mag das Zustandekommen der Wirklichkeit und ihrer konkreten Erscheinungsformen auch dem Zufall unterliegen: Es gibt Gesetzmäßigkeiten und Formeln, die es ermöglichen, den Wust an Dingen so anzuordnen, dass ihm klare Strukturen zugrunde liegen.

In Inger Christensens Gedichtzyklen finden sich: Gittermuster; mathematische Ereignisfolgen; Satzreihen, die aus mikroskopisch kleinen Wachstumszellen organisch hervorgehen. Auch dem flüchtigen Betrachter erschließt sich bei der Lektüre von Inger-Christensen-Gedichten die Einsicht in das Walten einer höherwertigen Logik.

Christensen, 1935 in Vejle an der jütländischen Küste geboren, begann in den 1960er-Jahren, das Ideal einer "absoluten Dichtung" zu verwirklichen. Man dürfe die Wörter nicht verschrecken, schreibt Christensen. Man müsse ihnen vielmehr zugestehen, dass sie sich gleich einem Taubenschwarm "still setzen". Christensens poetischer Arbeit lag daher der Impuls der Angstabwehr zugrunde: Sie verspürte (etwa in dem Langgedicht Brief im April) "Angst um das Gedicht,/ das verschreckt/ auffliegt/ bei der geringsten/ Bewegung".

Und so entsprangen einem äußerlich zurückgezogenen Dichterinnenleben in Kopenhagen betörend sinnfällige Poeme, die noch in der deutschen Übersetzung das Geheimnis eines Uranfangs erahnen ließen. "Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es", tönt es beharrlich unnachgiebig am Anfang des Schlüsselwerks Alfabet. Sein verwirrend reichhaltiger Aufbau macht sich eine Formel des mittelalterlichen Mathematikers Fibonacci zunutze: Jedes Einzelgedicht setzt sich hinsichtlich der Anzahl seiner Verse aus der Summe der beiden vorangegangenen Gedichte zusammen. Und es ist vielleicht kein Wunder, dass Christensen in der Mitte dieses rätselhaften Zählwerks wieder zu schreiben aufgehört hat.

Die Poesie liefert Beispiele für Weltzusammenhänge; sie kann die Fülle der real vorhandenen Dinge aber auch nicht übertreffen. Sie kann sich, wie im Falle der Weltliteratin Christensen, bestenfalls um Präzision bemühen: um die Plausibilität ihrer Vorschläge zur behutsamen Neuordnung der als brüchig erkannten Welt. Ist es da noch nötig hinzuzufügen: für eine friedliche, mit sich und ihren Widersprüchen leidlich ausgesöhnte Welt?

Christensen, die auch zwei Romane sowie Essays und Libretti schrieb, war in deutschsprachigen Spezialistenzirkeln hoch geachtet. Übersetzungen ihrer Werke erschienen zunächst bei Kleinverlagen, ehe sich der Residenz Verlag und schließlich auch Hanser dieser stillen, kristallinen Werke annahmen. Christensens beharrliche Arbeit an der Umschichtung einer in sich selbst zerfallenen Existenz war höchster Auszeichnungen würdig (sie erhielt unter anderem den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur 1994). Ihr Name war auch verlässlich für den Nobelpreis im Gespräch.

Jetzt ist diese große Dame der europäischen Literatur 73-jährig am vergangenen Freitag in Kopenhagen gestorben. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2009)

 

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    Inger Christensen starb am 2. Jänner in Kopenhagen.

     

     

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