"Untätige Politik" bringt die Welt um ihr Trinkwasser

6. März 2003, 12:28
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Mitte dieses Jahrhunderts werden rund drei Viertel aller Menschen unter Wasserknappheit leiden - prognostiziert der erste "Welt-Wasser-Bericht"

Paris - Im schlimmsten Fall sieben Milliarden Menschen, im günstigsten zwei Milliarden werden zur Mitte dieses Jahrhunderts mit Wasserknappheit kämpfen. - Das ist die düstere Prognose des am Mittwoch veröffentlichten ersten "Welt-Wassser-Berichts", den die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) erstellt hat. Sieben Milliarden Menschen sind mehr als derzeit die Welt bevölkern, nach UN-Schätzungen werden zur Jahrhundertmitte knapp mehr als neun Milliarden auf der Welt leben.

Die Unesco fordert deshalb eine energische Politik zum Schutz des immer knapper werdenden Trinkwassers. Durch die "Untätigkeit der Politik" werde in zahllosen Regionen dieser Welt das Wasser "in bisher ungeahntem Ausmaß" knapp, heißt es in dem Bericht. Dagegen steige der Bedarf dramatisch an. Der Verbrauch habe sich bereits in den vergangenen 50 Jahren fast verdoppelt.

Das weltweit beste Wasser hat dem UNO-Index zufolge Finnland, in Belgien ist es am fauligsten. Österreich landete am 18. von insgesamt 122 Plätzen (siehe Tabelle links unten), was prompt vom österreichischen Umweltministerium kritisiert wurde.

Folgekrankheiten

Zu den Folgen des Wassermangels weist die Unesco darauf hin, dass täglich weltweit etwa 6000 Kinder unter fünf Jahren an Krankheiten sterben, die durch verschmutztes Wasser übertragen werden. Insgesamt sind verschmutztes Wasser und mangelhafte Abwasserentsorgung die Ursache für 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern.

Beste Abhilfe zur Linderung der Wasserknappheit ist laut Unesco der verstärkte Bau von Kläranlagen. Die "größte Herausforderung" sei aber eine Verbesserung der Bewässerungstechniken in der Landwirtschaft. Bisher würden etwa 60 Prozent des in diesem Bereich verwendeten Wassers verschwendet.

Hohe Verschmutzung

"Unter allen Krisen der Menschheit betrifft die Wasser-Krise das wichtigste Element unseres Überlebens", sagte Unesco-Generaldirektor Koichiro Matsuura. Besorgnis erregend sei nicht nur die zunehmende Verschmutzung des Wassers sondern auch die Erhöhung seiner Temperatur.

Während in reichen Industriestaaten Wasser verschwendet wird, bringt das Bevölkerungswachstum in den trockenen Gebieten der Erde - in Südasien, im Nahen Osten und in Nordafrika - akute Wasserknappheit mit sich. Eine einzige Toilettenspülung in den Industrieländern verbraucht dem Bericht zufolge so viel Wasser, wie ein Mensch in einem Entwicklungsland pro Tag für Waschen, Trinken und Kochen zur Verfügung hat.

Abwasser-Problem

40 Prozent der Weltbevölkerung verfügen nicht über eine ordentliche Abwasserentsorgung; 1,1 Milliarden Menschen, etwa ein Sechstel, haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. In den Entwicklungsländern versickern rund 90 Prozent der Abwässer ungeklärt oder werden in Flüsse abgeleitet.

Die größte Gesundheitsgefahr droht in Großstädten mit schlechter oder nichtexistenter Abfall- und Abwasserwirtschaft. Besonders betroffen sind afrikanische Städte, wo in 116 untersuchten Metropoen nur knapp 20 Prozent der Behausungen an eine Kanalisation angeschlossen sind.

Der Klimawandel werde zur weiteren Verknappung des Wassers zu etwa 20 Prozent beitragen. Die Qualität sinke mit steigenden Wassertemperaturen und zunehmender Verschmutzung. Derzeit würden jeden Tag zwei Millionen Tonnen Abfall in Flüsse und Seen geleitet. 12.000 Kubikkilometer Frischwasser seien jetzt schon verschmutzt. 2050 dürften es schon 18.000 sein, wenn die Verschmutzung im gleichen Maße wie die Weltbevölkerung wachse. (AFP, dpa, kps) Kommentar der anderen

Österreich hat Zu 96% gefüllt Zweifel am Zu 73% gefüllt Wasserbericht Zu 95% gefüllt Versorgung weiter Zu 72% gefüllt in öffentlicher Hand Zu 79% gefüllt

---- Textbeginn ---- 1. Spalte Wien - Nur an 18. Stelle beim Unesco-Test zu liegen, der die Qualität des Wassers in 122 Ländern untersucht - das tut den Österreichern weh. Sind doch Bürger und sie regierende Politiker so stolz auf die sauberen Quellen im Land.

Prompt zweifelt man seitens des Umweltministeriums an der Aussagekraft des Wasserberichts. Bewertung und Reihung durch die Unesco seien nicht nachvollziehbar.

So sei darauf zu verweisen, dass renommierte US-Universitäten das österreichische Wasser im Vorjahr als das fünftbeste auf dieser Welt erkannt hätten. Zudem dokumentiere der Österreichische Gewässerschutzbericht 2002 bei der Abwasserentsorgung - einem Unesco-Bewertungskriterium - einen Anschlussgrad von 86 Prozent an öffentliche Abwasseranlagen, während für den Rest dezentrale Anlagen gesetzlich vorgeschrieben seien, so die Experten. Österreich beziehe sein Trinkwasser zudem zu über 99 Prozent aus Grund- und Quellwasser und verfolge das Ziel, Grundwasser flächendeckend als Trinkwasser zu erhalten.

Autonomie bleibt

Die im Rahmen von GATS diskutierte Liberalisierung der Trinkwasserversorgung sorgt auch hierzulande für Unruhe. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (VP) hat bekräftigt, dass die Wasserversorgung "völlig in unserer Autonomie" bleiben werde. Österreich werde seine Wasserversorgung als Ausnahme vom GATS-Abkommen definieren (siehe Artikel unten).

In den Ländern werden derweil Versorgungskonzepte erarbeitet, Landesgesellschaften bemühen sich, ins Geschäft mit der Wasserversorgung einzusteigen. Wiener Wasserwerke, die niederösterreichische Nösiwag oder die OÖ Ressourcen GmbH bedienen alleine fast drei Millionen Menschen betreffend Wasserbereitstellung und -entsorgung.

Mit dem im Vorjahr abgewickelten Verkauf elf österreichischer Seen durch die Bundesforste gab es immer wieder Sorge, dass damit die Trinkwasserversorgung in Österreich gleich mitverkauft werde, die Bereitstellung von Wasser von der öffentlichen Hand in jene privater Investoren komme.

Nächste Woche wird im Landwirtschaftsministerium der "Hydrologische Atlas" präsentiert, darin gibt es Daten und Karten zum Wasser. (aw, DER STANDARD Printausgabe 6.3.2003 )

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