Viechswut im Herzen des Schlägers

5. März 2003, 19:56
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Herbert Föttinger, ab Donnerstag in der Titelrolle des "Liliom" im Josefstädter Theater zu sehen, im Porträt

Der Schauspieler Herbert Föttinger, ab Donnerstag, den 6.3., in der Titelrolle des "Liliom" im Josefstädter Theater zu sehen, genießt die letzten Sonnenstrahlen der Ära Helmuth Lohner. Ab Herbst weht ihm dank Hans Gratzer ein anderer, neuer Wind ins Gesicht.


Wien - Es war einmal ein Rummelplatz-Ausrufer, den nannten sie Liliom. Der balzte und schrie im Budapester Stadtwäldchen. Er half Mädchen eigennützig auf die Ringelspielpferdchen, besah sich, was sie unter ihren Bundfaltenröcken versteckt hatten, erduldete es aber, dass ihn die Wiener bald als einen der ihren erkannten.

Liliom litt es sogar, dass ihm der Molnár-Übersetzer Alfred Polgar ein Wiener Vorstadtgewand anheftete. Unter seiner Maske versteckten sich Wiener Volkstheaterdirektoren und Voralpenkönige wie Josef Meinrad oder Karlheinz Hackl.

Nun hat sich aber kürzlich eine unerhörte Liliom-Entwendung begeben: eine Art Mundraub als hanseatisches Meisterverbrechen! Michael Thalheimers Thalia-Inszenierung von Franz Molnárs Liliom weilte 2002 gerade zwei Tage lang gastweise hier - in Wien, der angeblich naturwüchsigen Brutstätte aller Strizzis.

Betäubender Lärm schwoll damals an, und ein Mannsbild (Peter Kurth), groß wie ein Auerochse mit Hosenträgern, schrie sich und den Wienern alle Lieblichkeit aus dem Leib. Seither gehört der Liliom nicht mehr nach Budapest und nicht nur nach Wien. Er ist das sprachlose Bild eines vermassten Menschen, der, weil er mangels Konsumkraft nichts taugt und nichts gilt, die Faust in der Hosentasche ballt, ehe er sie seinem Mädchen gewaltsam ins Gesicht streckt. Das ist wohl seine leibeigene Weise, Liebe unter Beweis zu stellen.

Dem Wiener Josefstadt-Schauspieler Herbert Föttinger (41) ist vor der Premiere des Liliom (Regie: Janusz Kica, 6. 3., 19.30 Uhr) ein gesunder Trotz ins Gesicht geschrieben: Er muss den Kurth vergessen machen.

Auch er möchte mit der Faust etwas machen: Er beschränkt sich erst einmal darauf, sinnbildlich auf den Tisch zu hauen: "Die Welt des Rummels, des Praters, des Budapester Vorstadtwäldchens - die hat Thalheimer doch eher vernachlässigt!" Er habe ein "Vieh" gesehen, ein "höchst beachtliches", wie er hinzufügt. Jetzt zeigt die wienerischste aller Bühnen, wo sich der von eigener Hand erstochene Liliom auf dem himmlischen Polizeirevier sein bisschen Gnade abholt.

Auch das Wiener Josefstadt-Theater ist eine Art himmlisches Revier: Die Direktion Lohner zeigt ausgerechnet zum Abschied ihre mit Abstand zauberhafteste Saison. Hans Gratzer, der neue Direktor, sitzt derweil schon im Hause und arbeitet verbissen an einem Spielplan, der zwar wenig kosten, aber ansonsten alles beinhalten soll, was (an) diesem schwer verschuldeten Haus kostbar ist. Da nimmt man es auch in Kauf, dass sich die Parlamentäre der beiden Theaterleitungen, wenn sie einander auf der Stiege treffen, ignorieren.

Der Druck weicht

Föttinger: "Vielleicht ist in dieser Abschiedssaison von uns allen ein Druck abgefallen. Plötzlich gilt es nicht mehr als ,rückständig', hier zu arbeiten." Föttinger spricht Wienerisch. Er muss sich das Viehische erst erarbeiten.

Er ist aber immerhin auf dem Wege, ein echter Alpenkönig zu werden - spätestens bei der Machtübernahme im Herbst, wenn Gratzer persönlich Raimund inszeniert und ein bunter Strauß von Premieren die Geldkalamitäten verbergen helfen soll. Die alte Mannschaft wird nahezu geschlossen ins Lager der Machtübernehmer wechseln. Bühnenbaumeister wie der erfolgreich in Deutschland arbeitende Alexander Lintl sollen auf der lachhaft kleinen Josefstadt-Bühne ganze Zauberreiche einrichten. Lintls Regiepartner Christian Pade wird zum Beispiel Grillparzers Der Traum ein Leben inszenieren: Es ist, als müsste man das exotische Samarkand auf der Fläche einer Briefmarke installieren. Gratzer und sein Dramaturg Cnut Boeser wollen gespielt sehen, was im Reclam-Heft gedruckt steht.

Föttinger hat derweil noch die unmittelbare Gegenwart im Auge: "Liliom ist doch besser, als den Jedermann zu spielen." Warum? "Weil er sich nicht ansch ... " Der Jahrmarktsausrufer zeigt sich vorteilhaft gerüstet.
(DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2003)

Von Ronald Pohl
  • Herbert Föttinger
    foto: standard/cremer

    Herbert Föttinger

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