Der Fluch des Standorts . . .

6. März 2003, 11:45
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Das Salzburger Stadion im Landschaftsschutzgebiet vor Schloss Kleßheim ist ein "Modellbauvorhaben" für die fatalen Folgen falscher Standortwahl

Entweder Landschaftsschutzgebiet oder Großbauvorhaben, so lautet die landläufige Meinung. Nicht so im Grüngürtel von Salzburg. Das 210 mal 180 Meter große Fußballstadion entstand 2001 bis 2003 im Schutzgebiet.

Das mächtige Triumvirat aus dem einflussreichen Bürgermeister von Wals-Siezenheim, Ludwig Bieringer (Bauherr und Baubehörde), dem Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger (beide ÖVP) und dem Sportlandesrat Othmar Raus (SPÖ) sicherte im Sommer 1998 den Standort vor dem Baudenkmal Schloss Kleßheim.

Im Regionalprogrammentwurf Salzburg-Stadt und Umgebung war das Areal Teil des Grüngürtels rund um die Stadt. Das Land reklamierte dann den Stadionbau hinein und demonstrierte damit die Bedeutungslosigkeit der Regionalplanungsebene in der Praxis. Das Fußballstadion Kleßheim verweist auf verschiedene, die Stadtregion immer wieder (be)treffende Problemfelder, eine bei der Standortsuche überforderte Stadtpolitik, das entschiedene Vorgehen eines potenten Umland-Bürgermeisters (Bieringer) im Verein mit hohen Landespolitikern, eine umstrittene Ad-hoc-Entscheidung ohne Verankerung in der übergeordneten Entwicklungsperspektive der Stadtregion, einen rückgratlosen Landesumweltanwalt sowie fehlenden architektonischen Anspruch trotz eines internationalen Architekturwettbewerbs.

Landesinteresse . . .

Im späten 17. Jahrhundert hatten die in Stadtnähe einzigartige landschaftliche Großräumigkeit und die Weitung zur Saalach hin mit ihrer natürlich erhöhten Geländekante diese Gegend für ein barockes Lustschloss prädestiniert. Johann Bernhard Fischer von Erlach, der Architekt des Erzbischofs Johann Ernst Graf Thun, errichtete hier 1700 bis 1709 seinen einzigen Schlossbau in Salzburg, der im Sinne barocker Landnahme zu einer Neudefinition der ihn umgebenden Landschaft führte.

Große Gewerbebetriebe der letzten Jahrzehnte bedrängen seitlich den Schlosspark von Kleßheim. Nun bekam auch das Landschaftsschutzgebiet, das zumindest das Vorfeld des Schlosses sichern sollte, die rote Karte. Der Naturschutzbund Salzburg kritisierte die "zusammengebastelte naturschutzrechtliche Bewilligung" und den "Konkurs des Kultur- und Landschaftsschutzes".

Die Befürchtungen des Naturschutzbundes, dass der Landesumweltanwalt den "Anpfiff" auf die Zerstörung der Landschaftsschutzgebiete ermöglichte, trat ein. Am Verfahrensbeginn lehnte Umweltanwalt Wolfgang Wiener den Standort "naturschutzfachlich absolut ab". Wenig später schloss er sich "dem Landesinteresse an" (aus der Naturschutzrechtlichen Bewilligung vom 24. Juli 2000). Er schöpfte die rechtlichen Möglichkeiten bis zur Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof nicht aus.

Wenig später genehmigte Wiener große Gewerbe- und Technologieparks in der Urstein-Au, einem sensiblen, Salzach-begleitenden Grünzug im Süden der Stadt, und beteuerte in den Salzburger Nachrichten seine Machtlosigkeit. Seine Mitarbeiterinnen mussten ihn via Leserbrief vom 25. 3. 2002 daran erinnern, dass er in seiner rechtlichen Situation keineswegs machtlos, sondern "weisungsfrei und unabhängig" sei.

Protest

Nicht der überfällige Stadionneubau, sondern die falsche Standortwahl führte zu breitem Protest. Er reichte vom Architekturpublizisten Friedrich Achleitner, vom Gestaltungsbeirat der Stadt Salzburg über (kultur)historische und landeskundliche Gesellschaften und Vereine bis zum Salzburger Landeskonservator und der Unesco sowie 30.000 Unterschriften Salzburger Bürger. Beim Erzbischof wurde interveniert, um den Denkmalpfleger der Erzdiözese, Prälat Johannes Neuhardt, "zu domestizieren".

Maßregelungsversuche von Ministerin Elisabeth Gehrer ereilten Landeskonservator Walter Schlegel: Er hatte Schausberger vorgeworfen, mit "Sturheit und Verbissenheit an diesem Projekt festzuhalten", und seinem Bedauern Ausdruck verliehen, dass das Denkmalschutzgesetz nicht zur Verhinderung des "Wahnsinns" ausreiche.

"Verschwindungsästhetik"

Auch die Architektur wurde vom Platz verwiesen. Der Standort provozierte eine "Verschwindungsästhetik", wie der Gestaltungsbeirat der Stadt Salzburg analysierte. Das enorme architektonische und städtebauliche Potenzial einer so großen, öffentlichen Freizeitanlage wurde ebenso ignoriert wie die Chance zur Setzung neuer prägnanter Akzente im Stadt- und Landschaftsbild.

Derartige Voraussetzungen für ein selbstsicheres Zeichen des Sports hätte der eindeutig besser geeignete Ersatzstandort Liefering - nördlich der Autobahn, westlich der Salzach - bieten können. Dies zeigen seit Herbst 1998 die von Planungs-Ressortchef Johann Padutsch (Bürgerliste) beauftragten Studien von Wimmer Zaic Architekten.

Alle fachlich relevanten Faktoren hätten für Liefering gesprochen, darunter eine deutlich bessere Verkehrserschließung und ein leicht über den Autobahnzubringer kanalisierbarer Individualverkehr. Eine temporäre Sperre der einzigen vorhandenen Zufahrtsstraße - ausgenommen Anrainer - wäre problemlos zu bewerkstelligen gewesen. Das benachbarte Salzburger Ausstellungszentrum hätte eine Parkplatzmitbenutzung ermöglicht.

Zudem ist das Erholungsgebiet Salzachseen benachbart. Der vernachlässigte, bevölkerungsstarke Norden der Stadt hätte deutlich aufgewertet werden können. Allerdings sprach sich die in der Stadionfrage besonders chaotisch agierende Stadtpolitik gegen den Standort Liefering aus. Dort wäre die Kreativität der Architekten eines Wettbewerbs nicht allein auf den Erfindungsreichtum beim Verstecken von Kubatur beschränkt gewesen.

Den internationalen Architektenwettbewerb Kleßheim Ende 1999 überschattete die Standortproblematik. Lob erhielt das siegreiche Stadionrechteck von Schuster Architekten aus Düsseldorf: Durch Eingraben bis zum Grundwasserspiegel wurde die vorgegebene Maximalhöhe deutlich unterschritten. Ein äußerer böschungsartiger, begehbarer Erdwall sollte Land-Art-Qualitäten suggerieren: "Der herkömmliche Begriff ,Bauwerk' wird der konzeptuellen Idee und dem Wettbewerbsprojekt nicht gerecht, vielmehr handelt es sich um ein archetypisches, der Topografie verwandtes Artefakt, das Land-Art-Konzeptionen und kultischen sowie natürlichen, aus der Historie bekannten Gestaltungen Referenz erweist." (Juryprotokoll, siehe auch schusterarchitekten.de

. . . gegen Naturschutz

Bauherren- und Baubehördenvertreter Alfred Denk lobte das Siegerprojekt, da es die "erhaltenswerten Besonderheiten der Salzburger Kulturlandschaft" bewahren würde. Wenig später lehnte er die Idee des Erdwalls mit den Hauptargumenten Kosten und Belichtungsproblematik ab.

Schusters massive Überarbeitungen ohne Konsultation der Jury führten zu einem konventionellen Vierkanter mit schräg verkleideten Außenwänden. Schuster selbst degradierte seine Wettbewerbsidee zur Worthülse: Ein mit Lärchenholz verkleideter "stilisierter ,Wall'" sollte nun das große Volumen in den "sensiblen Kontext" einbinden. Die Jury mit Max Rieder als stellvertretendem Vorsitzenden distanzierte sich: "Wir haben einige der namhaftesten Architekten Europas eingeladen. Und jetzt kommt diese Blamage, dass ein Projekt realisiert werden soll, das sicher keinen Preis erhalten hätte, wenn es so vorgelegt worden wäre. (. . .) Diese Baubewilligung entspricht vom Typus her in keinster Weise dem ursprünglichen Projekt. (. . .) Es ist eigentlich eine peinliche Verkleidungssache. Man hätte sich das ganze Verfahren, den Wettbewerb, die Aufwendungen ersparen können, weil das ein dekorierter Schuppen ist." --->ZU TEIL ZWEI
(DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 6. März 2003, Norbert Mayr)

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    Ein neues Schmuckkästchen für Salzburg.

  • (Grafik zum Vergrößern)

    (Grafik zum Vergrößern)

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