Lernen beim Waldspaziergang

7. März 2003, 11:08
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Sylvia Englert in einem Interview mit Horst Siebert, Professor für Erwachsenenbildung an der Universität in Hannover, über die Transformation der Wissensgesellschaft zur Bildungsgesellschaft, über selbst gesteuertes Lernen und neue Lernkulturen

STANDARD : Wir sind zwar eine Wissensgesellschaft, aber die Lernbereitschaft lässt noch zu wünschen übrig. Was für Möglichkeiten sehen Sie, das zu ändern?

Siebert: Unser Lernbegriff ist zu sehr auf traditionellen Unterricht und Wissensvermittlung ausgerichtet ist. Wir müssen die Perspektive ändern. Lernen ist ein sehr biografie- und erfahrungsabhängiger, individueller Prozess. Gelernt wird längst nicht nur in Seminaren, sondern auch im sozialen Umfeld, im Job, in Bürgerinitiativen, in Elterngruppen. All das sollte gefördert werden.

STANDARD:Welche Rolle spielt dabei das Konzept "Selbst gesteuertes Lernen"?

Siebert: Beim selbst gesteuerten Lernen übernimmt der Lernende die Initiative, er selbst bestimmt das Lernziel, Lerninhalt und Lernform, statt didaktisch aufbereitete Inhalte zu konsumieren. Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass dieses Konzept jetzt so in Mode gekommen ist. Einer davon ist die Unzufriedenheit mit schulischem Lernen. Auch Seminare bringen nicht immer den erhofften Effekt. Und wir wissen durch die Neurobiologie und Kognitionswissenschaft inzwischen sehr viel mehr über die Prozesse des Lernens. Die Selbststeuerung des Lernens ist ausgeprägter, als wir das bisher angenommen haben.

STANDARD: Aber wird gelernt, was nützt, oder versandet selbst bestimmtes Lernen in Hobby und Spielerei?

Siebert: Entscheidend ist meist nicht das Faktenwissen. Man hat beispielsweise die Lernbiografien von Topmanagern untersucht, um herauszufinden, was für Qualitäten sie erfolgreich gemacht haben. Es waren weniger schulische Leistungen oder Weiterbildungsseminare, sondern ihre Fähigkeit, mit Problemen umzugehen und mit eigenen Fehlversuchen klarzukommen. Selbst gesteuertes Lernen heißt also auch, neugierig zu sein, Interesse an anderen und an Entwicklungen zu zeigen und das zu lernen, was einen fasziniert.

STANDARD : Klingt wie Montessori für Erwachsene. Man lernt vor allem das, was einen interessiert, und hat Spaß dabei.

Siebert: Die neuere Diskussion ist noch viel radikaler. Sie basiert auf der Theorie, dass wir unsere Wirklichkeit permanent konstruieren. Wissen ist etwas, was in meinem Kopf entsteht, eine eigene Leistung. Das alles führt dazu, dass man sagt: Wir können Lernprozesse nicht durch Unterricht direkt steuern, sondern müssen anregende Lernsituationen und Lernumgebungen schaffen. Damit kann jeder so lernen, wie es ihm individuell am besten passt. Setzt sich das durch, wäre es eine Wende in der gesamten Bildungspraxis und Didaktik.

STANDARD Wie kann man das umsetzen?

Siebert: Indem man die Lernenden berät und unterstützt, ihnen beibringt, wie sie ihren Wissensstand kontrollieren können, wie man mit Wissen umgeht und seine eigene Motivation stärkt. Das alles sind neue Aufgaben für Pädagogen und Pädagoginnen. Sie werden zu Lernberatern im weitesten Sinne. Es gilt, Lernmöglichkeiten zu schaffen, die Spaß machen, die man als Bereicherung empfindet, wo man viele neue Ahaerlebnisse hat, die lustbetont sind. Lernsituationen ohne Humor sind demotivierend.

STANDARD: Selbst gesteuertes Lernen heißt nicht, allein daheim vor sich hin zu pauken. Einen Lernberater braucht man trotzdem noch.

Siebert: Ja, das ist ein ganz neues pädagogisches Berufsbild, das nicht mehr identisch ist mit dem klassischen Lehrer beziehungsweise Dozenten. Es liegt eher zwischen Lehrer und Therapeuten. Ein Lernberater muss moderieren und coachen können. Aber er sollte auch Schwächen erkennen und Tipps geben können, wenn es in Arbeitsgruppen stockt, weil sich die Beteiligten gegenseitig blockieren. Wissen vermittelt er nur in Ausnahmefällen.

STANDARD Die Forderung nach lebenslangem Lernen ist omnipräsent . . .

Siebert: In der bildungspolitischen Diskussion wird im Moment zu viel über Quantitäten diskutiert: längere Schulzeit, mehr Ganztagsschulen, lebenslanges Lernen und so weiter. Aber die Verlängerung der Schulzeit ist meiner Meinung nach kein erstrebenswertes Ziel. Auch nicht, dass alle Leute ununterbrochen in Seminare laufen. Oft ist es sinnvoller, einen Waldspaziergang zu machen oder mit den Enkelkindern zu spielen. Man sollte lieber die Frage nach dem sinnvollen Lernen stellen - und lernen, wie man mit Nichtwissen umgeht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1./2.3.2003)

Sylvia Englert ist Journalistin, Buchautorin und Redakteurin bei changeX.

Horst Siebert "
Selbstgesteuertes Lernen und Lernberatung",

Luchterhand Verlag

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ChangeX

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