"Israel riskiert viel"

5. Jänner 2009, 09:32
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"La Croix": Offensive nützt Extremisten und schürt Hass gegen Israel - "Le Figaro": Ägypten oder Syrien als Vermittler

Paris/Berlin/Warschau - Internationale Tageszeitungen kommentieren die Geschehnisse im Gazastreifen (Gaza-Streifen) in ihren Montag-Ausgaben.

"La Croix" (Paris):

"Die israelische Bodenoffensive wird Menschenleben kosten, vieler palästinensischer Zivilisten, die auf diesem winzigen Stück Land leben und nicht von den Kämpfern getrennt werden können. Sie wird auch israelische Menschenleben kosten, Leben der Soldaten und der Zivilisten, die durch Raketenangriffe oder Selbstmordanschläge bedroht werden. Und schließlich wird die Bodenoffensive dem Weltfrieden teuer zu stehen kommen, da der Nahe Osten neuralgischer Punkt des internationalen Gleichgewichts ist. Was heute im Gazastreifen passiert, und was davon in den öffentlichen Meinungen der arabisch-muslimischen Länder kursiert, stärkt die Extremisten und schürt den Hass gegen Israel und die westliche Welt."

"Le Figaro" (Paris):

"Die Bodenaktion zeigt, dass die Israelis es nicht eilig haben, ihre Kampagne gegen die palästinensischen Islamisten rasch zu beenden. Eines der wichtigsten militärischen Ziele Israels ist es, die Lieferung von Waffen in den Gazastreifen von Ägypten aus zu unterbinden, um die Raketenangriffe auf israelisches Gebiet zu beenden. Bei einer Feuereinstellung wird es das größte Problem sein, Gesprächspartner im Gazastreifen zu finden, da die westlichen Länder keine Verbindung zur Hamas unterhalten, die für die EU ebenso wie für die USA eine Terrororganisation ist. Man wird dieses Hindernis umgehen müssen, indem man als unverzichtbaren Vermittler Ägypten einsetzt, oder Syrien, wo die Führung der Hamas Aufnahme gefunden hat."

"Münchner Merkur" (München):

Es wird ein langer Krieg, und es droht ein blutiger Krieg zu werden. Ein Kampf, in dem die israelischen Streitkräfte die beherrschende Macht sind und dennoch nicht gewinnen können. Ein Krieg, der die Fronten verhärten, neuen Hass erzeugen und den Hardlinern in die Hand arbeiten wird auf arabischer Seite und auch in Israel, wo am 10. Februar ein neues Parlament gewählt werden soll. Auch die jüngste Bodenoffensive der israelischen Armee im Gazastreifen wird als Dokument dafür in die Geschichte eingehen, dass die Probleme des Nahen Osten mit Waffengewalt nicht gelöst werden können.

"tageszeitung" (Berlin):

"Zu befürchten ist, dass der Krieg im Gazastreifen die kommende Generation der Palästinenser weiter radikalisieren wird. Die Hamas könnte dann von einer Generation al-Qaida abgelöst werden. Die USA und die Europäer werden sich dann ganz anders engagieren müssen. Sicher ist nur: der Hass, der aus den Ruinen dieses Krieges wächst, wird die Welt weiter in Atem halten."

"Stuttgarter Zeitung" (Stuttgart):

Formal übt Israel mit der Bodenoffensive sein Recht auf Selbstverteidigung aus. Doch das Recht allein wird dieses Land nicht an sein Ziel bringen, ebenso wenig wie militärische Erfolge den Frieden bringen. In der globalisierten Welt braucht eine Demokratie Freunde und Verbündete, um seinen Bürgern eine gedeihliche Zukunft zu eröffnen. Die USA haben diese Lektion mit der Wahl Obamas gelernt, Israel muss sie nachholen.

"Frankfurter Rundschau" (Frankfurt):

"Wie es weitergehen kann, wenn die Waffen wieder schweigen, weiß niemand. Ein Ausweg könnte eine arabisch-türkische Schutztruppe sein. Doch bislang sind weder Ankara noch irgendeine arabische Hauptstadt bereit, sich für eine solche Initiative stark zu machen. Ähnlich agiert die Europäische Union. Sie hält sich auffallend zurück. Die Politik der Isolierung von Hamas ist gescheitert. Sie hat alle Beteiligten immer tiefer in die Sackgasse und die betroffenen Menschen in eine humanitäre Katastrophe geführt."

"Rzeczpospolita" (Warschau):

"Mit der Bodenoffensive im Gazastreifen hat sich Israel für ein riskantes Spiel entschieden - sowohl militärisch, als auch politisch. Militärisch, weil im Gegensatz zu Luftangriffen seine Verluste bei Kämpfen gegen Palästinenser hoch sein können. Zudem ist der Kriegsausgang gar nicht sicher, besonders auf längere Sicht. (...) Politisches Risiko besteht darin, dass die Kriegshandlungen das Bild Israels im Ausland noch mehr beschädigen können. (...) Israel hat das Recht auf Verteidigung vor Terroristen, die vom Gazastreifen, versteckt hinter Kindern oder Krankenhauspatienten, Raketen auf israelische Städte abfeuern. Zivilopfer sind dabei nicht zu vermeiden. Wichtig ist allerdings die Größenordnung - mit jedem getöteten Zivilisten wird in der Welt die Abneigung gegen Israel wachsen. Die Geduld verlieren bereits jene, die bisher Verständnis für israelische Luftangriffe auf Gazastreifen zeigten."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Wie schon öfter in der Vergangenheit setzen die Israeli nun in Gaza erneut auf militärisches Kalkül statt auf eine Strategie der Versöhnung. Zur Sicherheit noch bevor Barack Obama in Washington sein Amt antritt. Nur Diplomatie aber ist erfolgversprechend und nachhaltig zugleich: Frieden oder zumindest Ruhe in Nahost kann es erst geben, wenn Israel, die schlagkräftigste Militärmacht der Region, den ersten Schritt macht - aus einer Position der Stärke und, wer weiss, aus humanitären Überlegungen, die ihm in Gaza angeblich so am Herzen liegen."

"The Times" (London):

"Die Präsidentschaft von Barack Obama wird im Schatten des Konflikts im Gazastreifen beginnen. Doch wie in jedem Konflikt sind es die streitenden Parteien, die den Schlüssel zu seiner Beendigung halten. Eine dauerhafte Lösung ist nicht möglich, solange die Hamas das Existenzrecht Israel nicht anerkennt. Natürlich müssen die Raketenangriffe auf israelisches Gebiet aufhören. Doch Israel könnte darüber nachdenken, ob eine Linderung der bitteren Armut und des Nahrungsmangels in Palästina nicht ein schnellerer Weg auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz wäre. Andere Länder können helfen, wenn sie ihre Worte mit Taten untermauern wollen. Was der Gazastreifen wirklich braucht ist eine Vereinbarung des UN-Sicherheitsrats mit Israel über einen Zeitplan für einen Rückzug der Truppen."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"Die Verhältnismäßigkeit von Gewalt ist keine sekundäre Frage. Zu Recht macht sich die internationale Gemeinschaft Sorgen über das Ausmaß von Tod und Verderben, das jetzt über den Gaza-Streifen gebracht wird. Auch Regierungen, die Verständnis für das israelische Vorgehen haben und Hamas als destruktive Kraft ansehen, können nicht wegschauen. Israel hat einen Waffenstillstand bisher abgelehnt, weil es keine ausreichende Gewähr dafür gebe, dass die Hamas dies nicht für eine Wiederbewaffnung nutzt. Vielleicht werden wirklich bessere Garantien benötigt. Doch im Gegensatz zu den Angaben aus Jerusalem erlebt Gaza jetzt täglich eine humanitäre Katastrophe. Deshalb muss alles daran gesetzt werden, die Waffen so schnell wie möglich zum Schweigen zu bringen."

"ABC" (Madrid):

"Bisher sind Zerstörung und sinnloser Tod das einzige Ergebnis dieser Offensive. Israel sagt, es wolle nur die Terroristen beseitigen, womit es auch den Palästinensern einen großen Gefallen täte. Es gibt aber Grund zu zweifeln, ob dies tatsächlich das Resultat der israelischen Machtdemonstration sein wird oder eher genau das Gegenteil. Die Intervention im Libanon hat seinerzeit die Situation dort nicht wesentlich verändert: Die Terroristen der Hisbollah halten immer noch israelische Soldaten als Geiseln, und die Regierung erlebte eine schlimme Erniedrigung. (...) Israel hätte nicht nur den militärischen Teil dieser Operation planen müssen, sondern vor allem auch den nächsten Schritt. Was wird geschehen, wenn seine Panzer und Truppen die Belagerung abgeschlossen haben? Wie wird Israel es schaffen, dass dieser Schmerz, den es den Palästinensern zufügt, nicht noch mehr Hass und weitere Generationen Friedensgegner hervorbringt?"

"La Stampa" (Rom):

"Es ist, als ob die Zeit der unendlichen kriegerischen Konflikte in Ex-Jugoslawien zurückgekehrt wäre. Die Zeit, als die UN nicht wussten, was sie machen sollten, Frankreich die Serben unterstützte, Deutschland die Kroaten und Italien zwischen den einen und den anderen hin- und herschwamm, während die Europäische Union - im Großen und Ganzen uneinig - auf die Entscheidungen der USA wartete, um die eigenen Kompasse danach zu richten. Auch heute - angesichts des Gaza-Streifens in Flammen - ist der UN-Sicherheitsrat nicht in der Lage, eine einstimmige Resolution zur aktuellen Kriegslage zu verabschieden. Und Europa wartet auf ein Machtwort Obamas ..."

"Libération" (Paris):

"Nicolas Sarkozy kommt heute in der Region an (...), aber sein Handlungsspielraum ist sehr begrenzt. Dabei ist Eile geboten. Die israelischen Panzer müssen unbedingt gestoppt werden. Es ist notwendig, einen Waffenstillstand durchzusetzen, die palästinensischen Raketenangriffe zu beenden und humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Mit seiner Bodeninitiative riskiert Israel vor allem, einen Konflikt weiter zu vergiften, der zu einer Stadtguerilla werden könnte."

(APA/AFP/dpa)

 

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