Die "Heinzelmännchen" der Skisaison

4. Jänner 2009, 21:11
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Pistenwalzenfahrer präparieren Hänge so, dass jeder glaubt, Ski fahren zu können - Für sie bedeutet "Après-Ski" Schwerarbeit im Dunkeln

Obergurgl - Bedankt? Gregor Schmidegon schüttelt den Kopf: Nein, bedankt hat sich in den sechs Jahren, in denen der 25-Jährige nun Pisten planiert, noch nie jemand. Aber damit, räumt der Obergurgler Pistenwalzenfahrer ein, rechne er auch gar nicht: "Wir sind die Heinzelmännchen." Freilich sind Schmidegon und seine Kollegen eigentlich auffälliger als Wichtel aus Sagen. Obwohl sie meist im Dunkeln arbeiten: Ihre knapp fünf Meter breiten, 12 Tonnen schweren, 400 PS starken, knallroten Kettenfahrzeuge sind einiges - nur nicht unsichtbar.

Auch nicht bei Nacht - und die ist die Hauptarbeitszeit der Pistenmacher: Allein in Obergurgl, oberhalb von Sölden, sind Nacht für Nacht 15 "Pistenbullys" im Dauereinsatz. Österreichweit, erklärt Hans-Peter Müller, Vertriebsleiter des deutschen Marktführers "Kässbohrer" in Laubheim (bei Ulm), "dürften es um die 2000 sein".

Rund 300.000 Euro kostet Schmidegons "Kässbohrer 600". Inklusive Schaufel (vorne) und Fräse (hinten) - aber ohne Winde und Radar: Mit Winde könnte der Bully Steigungen jenseits der 55 Grad meistern, das Radar verrät, wie viel Schnee liegt: "Das brauche ich aber nicht", erklärt Schmidegon, während er den Neuschnee wieder und wieder presst, Mulden zuschaufelt und Hügel wegschiebt, "ich kenne hier jeden Stein".

Eine gute Piste, erklärt der gelernte Baggerfahrer, der während der Wintersaison täglich von Liftschluss bis lange nach Mitternacht oder von sechs Uhr früh bis zum Beginn des Touristentages ("wenn es schneit, ist nach zwei Stunden wieder alles so wie vorher") unterwegs ist, habe heute eben so auszusehen "dass jeder das Gefühl hat, fahren zu können".

Tempo vor Können

Die Frage, ob er das für schlau hält, lässt Schmidegon unbeantwortet. Aber dass viele Skifahrer ihr Tempo und ihr Können falsch einschätzen und sich für unverwundbar halten, stimme: Tagsüber fahre man mit dem schweren Gerät ohnehin so selten wie möglich. Aber trotz Blinklicht und Warnpiepsen habe er oft ein mulmiges Gefühl: "Wenn mir einer über eine Kuppe entgegenkommt, kann ich gar nix mehr tun." Weder vor noch nach dem Crash: Kettenfahrzeuge stehen zwar praktisch ohne Bremsverzögerung - aber von jenem Handschuh, der beim Fotografieren aus dem Führerhaus fällt und bloß von drei Kettenblättern überrollt wird, bleiben nur Konfetti.

Das Thema ist dem Fahrer unangenehm: "Zum Glück ist mir so was noch nie passiert." Und obwohl er Liftstützen und anderes Pisteninventar im drei Zentimeter-Abstand umfährt, appelliert er an Touristen, "mindestens fünf Meter Abstand zu halten - und im Dunkeln gar nicht zu fahren".

Denn jene Stahltrossen, an denen sich die Zwölftonner an steilen Stellen den Hang hinauf- oder hinablassen, sind dann unsichtbar - und potenziell tödlich: Neulich, erzählt ein Liftwart, sei eine Maschine am Seil seitlich abgerutscht. Nur ein paar Meter. Das sei auch nichts Besonderes. Das Seil habe eine der Beschneiungslanzen am Pistenrand gestreift. "Die ging glatt durch. Wie durch Butter."

Kraftakt

Die Kräfte, mit denen man es am Berg zu tun hat, dürfe man in keinem Fall unterschätzen, betont daher Bully-Fahrer Schmidegon: Der Schneeberg, den er vor sich herschiebt, wiege zwar ein paar Tonnen ("Kunstschnee wäre noch schwerer, da muss die Maschine deutlich mehr arbeiten") - aber im Vergleich zur Natur ist das gar nichts. Ein Fahrer, der gerade zum Lawinensprengen unterwegs ist, meldet sich über Funk - ein Schneebrett habe den Zwölftonner meterweit versetzt. Mensch und Maschine seien aber okay.

"Die Maschinen halten das aus", sagt Gregor Schmidegon, fischt sein Handy aus der Tasche und zeigt Fotos. Einmal: Pistenwalze vor Lawinenkegel. Und: ein Blick aus dem Seitenfenster - in eine massive, weiße Wand: "Da hat mich eine Lawine komplett zugeschüttet. Ich habe mich mit der Fräse ausgraben können. Aber die Gäste kriegen davon nichts mit - für die ist es selbstverständlich, dass sie jeden Tag sicher über gut präparierte Pisten fahren können." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 5.1.2009)

  • Zwölf Tonnen, 400 PS und rund 20 Liter Diesel pro Stunde, um Tonnen von Schnee zu verfrachten und einzuplanieren ...
    foto: rottenberg

    Zwölf Tonnen, 400 PS und rund 20 Liter Diesel pro Stunde, um Tonnen von Schnee zu verfrachten und einzuplanieren ...

  • ... Für Gregor Schmidegon bedeutet "Après-Ski" Schwerarbeit im Dunkeln.
    foto: rottenberg

    ... Für Gregor Schmidegon bedeutet "Après-Ski" Schwerarbeit im Dunkeln.

  • Eine gute Piste, erklärt der gelernte Baggerfahrer, habe heute so auszusehen "dass jeder das Gefühl hat, fahren zu können".
    foto: rottenberg

    Eine gute Piste, erklärt der gelernte Baggerfahrer, habe heute so auszusehen "dass jeder das Gefühl hat, fahren zu können".

  • Mulmiges Gefühl: Kettenfahrzeuge stehen zwar praktisch ohne Bremsverzögerung - aber von jenem Handschuh, der beim Fotografieren aus dem Führerhaus fällt und bloß von drei Kettenblättern überrollt wird, bleiben nur Konfetti.
    foto: rottenberg

    Mulmiges Gefühl: Kettenfahrzeuge stehen zwar praktisch ohne Bremsverzögerung - aber von jenem Handschuh, der beim Fotografieren aus dem Führerhaus fällt und bloß von drei Kettenblättern überrollt wird, bleiben nur Konfetti.

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