Das Wild kommt zurück

4. Jänner 2009, 20:40
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Dünn besiedelte Landschaften werden zu idealen Erholungsgebieten für gefährdete Tierarten

Wien - Wolf und Elch sind wieder da. Und der Luchs. Und der Geier. Selbst die scheue Wildkatze, deren letztes heimisches Vorkommen 1910 erloschen ist, kann bei uns wieder nachgewiesen werden - verlässlicher als der Wolf, von dem es nur einzelne Sichtungen gegeben hat, wie Dagmar Breschar vom Naturschutzbund berichtet.

Die Wildkatze ("felis silvestris") ist ein entfernter Verwandter unserer Stubentiger, die allesamt von ägyptischen Katzen abstammen: "Die Wildkatze, auch wenn sie ähnlich aussieht, ist ein echter Europäer, das kann man genetisch nachweisen", erläutert Breschar. Und der Nachweis - er erfolgt durch Gen-Analysen von Haarproben, die man an mit Baldrian präparierten "Lockstöcken" sammelt - ist inzwischen an drei Orten in Österreich gelungen: Zweimal an der Nordgrenze, einmal im Kärntner Gailtal in der Nähe von Arnoldstein. Besonders im Bereich des Nationalparks Thayatal dürfte sich eine Wildkatzenpopulation verfestigen.

Das hat viel damit zu tun, dass die seltene Katze dort relativ ungestört ist: Wo wenige Menschen leben, kann das Wild wieder in seine angestammten Lebensräume zurückkehren. Und das tut es auch: "Wo früher eine Todeszone für Menschen war, entsteht ein Lebensraum für Wildtiere", sagt Breschar.

Aus Sicht des Naturschutzes ist es ein Segen, dass es wenig bewohnte Gegenden gibt, in denen sich das Wildtierleben mit relativ wenigen Störungen entwickeln kann. Diese Chance wurde 1990, unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erkannt: Vom Land Niederösterreich, das die Initiativen für die Schaffung des Nationalparks an der tschechischen Grenze aufgegriffen hat - in einem größeren Rahmen aber vor allem in Deutschland. Hier wurde mit einigem Erfolg versucht, ein "grünes Band" zu schaffen, in dem unter anderem die ehemalige Zonengrenze ein Biotopverbundsystem schafft, über das seltene Tiere für sie geeignete Lebensräume erreichen können.

Denn auch wenn Grenzräume und andere strukturell benachteiligte Landschaften wegen ihrer abnehmenden Bevölkerungsdichte geeigneten Lebensraum für Wildtiere bieten, können diese nicht immer leicht hin. Wenn die Planung von Straßen darauf keine Rücksicht nimmt, werden mögliche Wildwechsel zerschnitten - eine Straße ist für die meisten Wildtiere eine wesentlich größere Barriere als ein um ein mehrfaches breiterer Flusslauf.

Das bedeutet, dass vor allem im inneralpinen Kerngebiet Wildtierpopulationen "eingesperrt" beziehungsweise "ausgesperrt" sind. Deshalb gab es mehrfach Projekte, bereits ausgestorbenes Wild anzusiedeln. Als erfolgreich gilt etwa die Wiederansiedlung von Bartgeiern - diese Tiere konnten seit 1978 erfolgreich im Innsbrucker Alpenzoo gezüchtet werden, 150 wurden im Bereich des Nationalparks Hohe Tauern bereits ausgewildert und damit eine stabile Population begründet.

Neuer Name für Lämmergeier

Damit verbunden ist auch eine massive PR-Aktion: Der Bartgeier ("Gypaetus barbatus") war früher unter der Bezeichnung "Lämmergeier" bekannt - und als Schädling verschrien. Die Naturschutzorganisationen müssen viel Aufklärungsarbeit betreiben, um in der Bevölkerung Verständnis für die tierischen Zuwanderer zu wecken.

"In der Vorstellung mancher Leute ist ein Luchs zwei Meter groß", weiß Breschar über die Wissensdefizite bezüglich der nach 170 Jahren wieder heimisch gewordenen Tiere: "Dabei wird der 'normale' Bewohner eines solchen Lebensraums, wenn er nicht Jäger oder Bauer ist, diese Tiere nie sehen und schon gar keine Probleme haben. Selbst ein Wolf wird normalerweise keinem Menschen gefährlich." So seien die Märchen vom bösen Wolf im einsamen Wald eben bloß Märchen. (cs/DER STANDARD-Printausgabe, 5.1.2009)

  • Die Wildkatze: größer als Stubentiger
    foto: naturschutzbund/hofrichter

    Die Wildkatze: größer als Stubentiger

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