Der Wald kommt zurück

4. Jänner 2009, 20:31
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Sowohl die Waldfläche als auch die Holzsubstanz nimmt zu - nicht immer zur Freude derer, die in dicht bewaldeten Gebieten leben - Ihnen wächst der Wald über den Kopf

St. Pölten - Waldsterben? Das war einmal. Vom Dorfsterben, da könnte man eher berichten. Martin Ploderer zum Beispiel. Er ist geboren und aufgewachsen in Rotmoos, einer Ortschaft im Salzatal am nördlichen Abhang des Hochschwabs, die in seiner Kindheit Heimstatt für 90 Bewohner geboten hat. "Heute leben da noch genau drei Leute. Und das ist kein Einzelfall. Es gibt in unserer Region viele Orte wie Neuhaus, Nestelberg und Taschelbach am Zellerrain, wo es kaum noch Bewohner gibt", erzählt Ploderer.

Und was kommt, wenn der Mensch geht? Es kommt der Wald, der in vielen Gegenden Österreichs die natürliche Bodenbedeckung wäre - hätten ihn nicht Bauern vor Jahrhunderten gerodet und im Acker- und Grünland umgewandelt. Aber es sind eben vor allem die bäuerlichen Betriebe, die keine Nachfolger finden. Wo die jungen Leute eine bessere Zukunft in höherer Bildung und dementsprechenden Arbeitsplätzen in regionalen oder überregionalen Zentren sehen, werden Landwirtschaften aufgegeben, Flächen an Nachbarn weitergegeben und in erheblichem Maße aufgeforstet.

Ploderer sieht das durchaus kritisch: "Bei uns ist jetzt schon 80 Prozent der Fläche Wald, viel mehr geht nicht mehr." Vor allem: Es wäre nicht mit dem Tourismus verträglich. Touristen suchen keine dichten Wälder sondern den sogenannten Waldrandeffekt als Landschaftselement. Und Ploderer weiß, wie wichtig der Tourismus ist, schließlich ist er Bürgermeister von Lunz am See. Diese Gemeinde hatte bei der Volkszählung 2001 noch 2045 Einwohner, aktuell sind es nur mehr 1850. Und das liegt im Trend: Pro Jahrzehnt verliert Lunz rund 200 Bewohner.

Wenn's so weitergeht, Herr Bürgermeister, dann gibt es im Jahr 2100 in Lunz gar niemand mehr? Nein, so weit werde es nicht kommen, ist Ploderer überzeugt. Da ist ja zunächst einmal der Tourismus: Ploderer kommt gerade "vom schönsten Eislaufplatz der Welt", wie er es nennt, dem Lunzer See, der solide zugefroren ist. Er erzählt genauso begeistert vom Schigebiet Maiszinken, der derzeit optimale Pistenverhältnisse aufweise. Nein, sagt Ploderer, es gebe hier nicht nur Probleme, "wir haben hier auch Vorteile". Und, nicht zu vergessen: Lunz am See hat gut 400 Zweitwohnsitzer, die zwar für den im Finanzausgleich wichtigen Bevölkerungsschlüssel nicht mitzählen - die aber sehr wohl Geld in die lokale Wirtschaft pumpen.

Pendeln muss jeder

Diese Zweitwohnsitzer sind oft sehr gut verwurzelt mit der Gemeinde - denn viele sind von hier. Und irgendwann abgewandert, weil das Pendlerdasein doch nicht ideal ist.

Aber Pendler sind hier ohnehin die meisten: Lunz hat keinen einzigen Großbetrieb, viele Arbeitnehmer pendeln in Nachbargemeinden ein. Andererseits beschäftigen die lokalen Gewerbebetriebe - darunter ein Autohaus, eine Schlosserei, ein Zimmermann, Gastronomiebetriebe und ein Tischler - etliche Bewohner von Nachbarortschaften.

Pendeln müssen auch die Schüler, wenn sie eine höhere Bildung anstreben. Der neue Winterfahrplan kam wie ein Schock: "Um - immer noch mit ein paar Minuten Verspätung - zum Unterricht nach Waidhofen zu kommen, hätten unsere Schüler hier um fünf Uhr 28 wegfahren müssen."

Ploderer, selber ein Lehrer, organisierte Proteste - und einen Autobus als "Notwehraktion": Jetzt kommen die Kinder immerhin pünktlich zur Schule.

Das jedoch wäre eigentlich nicht Aufgabe der Gemeinde, die sich von Bund und Bundesbahn im Stich gelassen fühlt. Der Bund hatte zugesagt, dass die Ybbstalbahn saniert und beschleunigt werde - aber das Gegenteil passiere.

"Ruinieren uns vorsätzlich"

Am Stammtisch hört Ploderer das auch von den Eisenbahnern, "die sagen: Die Trotteln ruinieren uns vorsätzlich." Also zuckelt die Ybbstalbahn weiterhin auf ihrer landschaftlich schönen Strecke dahin - wer kann, nimmt das Auto und fährt aus dem Tal hinaus.

Zurück bleiben schrumpfende Gemeinden, nicht nur im Ybbstal. Derweil wachsen die freien Flächen, die agrarisch nicht genutzt werden, langsam mit Wald zu. Immerhin mit einem in seiner Substanz immer gesünderen und in seiner Baumarten-Zusammensetzung immer vielfältigeren Wald. In diesem läge noch Potenzial, wenn mehr Holz genutzt würde. Deswegen war die Bahn vor 110 Jahren ursprünglich gebaut worden. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 5.1.2009)

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    Touristen suchen keine dichten Wälder sondern den sogenannten Waldrandeffekt als Landschaftselement.

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