Ansprachen an einen Wellensittich

4. Jänner 2009, 20:07
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Thomas Bernhards "Der Schein trügt" ging in Nicolas Briegers Inszenierung am Burgtheater jeder Spannkraft verlustig. Martin Schwab und Michael König können dies nicht ändern.

Wien - Von seiner Artistik hat der pensionierte Tellerjongleur Karl (Martin Schwab) schon einiges eingebüßt. Die Bewegungen, mit welchen er nunmehr einzig der täglichen Körperpflege beizukommen versucht, missraten ihm zu störrischen Turnübungen. Die Zehennägel gehören leider Gottes geschnitten! Darauf setzt es zornige, alles verachtende Grimassen, die der an eine richtige Künstlergarderobe erinnernde Waschtischspiegel ins Publikum zurückwirft.

Dieser Karl aus Der Schein trügt, einer der großen greisenhaften, alles absolut setzenden Monologisierer im Werk Thomas Bernhards, hält in seiner von dunkel vergilbten Wänden markierten Wohnkatakombe (Bühne: Mathias Fischer-Dieskau) Ansprachen an einen Wellensittich. Am Burgtheater mimt ihn ein orangefarbener Zwergfink: Maggi (gesprochen wie das Gewürz) thront naturgemäß recht unbeteiligt im goldenen Käfig an der Rampe. Und dabei gäbe es für das Federviechlein vieles anzuhören.

Den pensionierten Zirkusartisten, einen von sich selbst am meisten überzeugten Kunst- und Geistesschnofel, plagt das Testament seiner verstorbenen Lebensgefährtin Mathilde. Diese hat das Wochenendhaus nicht ihm, sondern seinem Halbbruder Robert (Michael König), dem Schauspieler, hinterlassen. Warum? Ein Affront.

Die oft mit barocken Kompositionsprinzipien verglichene Technik Bernhards, unnachgiebig und in steigender Intensität kategorische Behauptungen aufzustellen, leiert in der Inszenierung Nicolas Briegers allerdings aus. Die Kurzatmigkeit der Sätze, oft nur nachgeworfene Fragmente des bereits Gesagten, behandelt Brieger als lange und vor allem gleichatmige Listen. Ihre Kapazität geht dadurch verloren. Martin Schwab kann davon nur wenig gutmachen.

In der dem 71-jährigen Burgschauspieler ureigenen Unruhe führt er das Rasiermesser drohend wie ein Florett, aber freilich und vergnüglicherweise am eigenen Hals! Und überhaupt, der allerschönste Widerspruch: Alles Gesagte, mit großem Bemühen Hinausgeschmetterte verendet gleich beim Vogel Maggi.

Da bleibt von der großen Show, die Bernhard mittels vorgeschraubter Tiefsinnigkeit gerne zu verstecken trachtete, nur mehr punktuell etwas zu spüren. Vor allem im Vergleich zu den Uraufführungsdarstellern Bernhard Minetti und Traugott Buhre anno 1983.

Wachsen mit Voltaire

Mathildes Sommerkleider, die Karl nun in Verwahrung bringt, hakt er Hammerschlägen gleich auf die Stange des Kleiderschranks. Seine Lebensgefährtin hat er auf beherrschende Weise geliebt und sich gedacht, sie könne, wenn er ihr nur genügend Voltaire vorläse, irgendwann auch zu jener Geistesgröße werden, wie er selbst beansprucht, eine zu sein.

Von der Größe zumindest seines tellerjonglierenden Wirkens kündet dem Premierenpublikum im Burgtheater eine von unzähligen Erinnerungsfotos übersäte Wand in einem hinteren, nicht ganz einsehbaren Raum: "Paris, Manchester, Grenoble!" Heldenhafte Taten aus circensischen Zeiten! 22 Teller auf einmal! Meisterleistung!

Da steckt in dem ein wenig zu weiten, bordeauxfarbenen Anzug (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer) schon der Clown, geschlagen vom (österreichischen) Schicksal der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Die Begegnung mit dem doch souveräneren Bruder, den Michael König mit gnädiger Ruhe gegen die gallige Höflichkeit Karls vorgehen lässt, eröffnet im zweiten Akt dann auch nicht mehr als eine weitere bühnenbildnerische Herausforderung: Im hinteren Raum erhebt sich in einem goldenen Bilderrahmen das Schauspieler-Loft ...

Die Frequenz, mit der die Bruscons (Theatermacher), Ludwigs (Ritter, Dene, Voss) oder Roberts (Heldenplatz) in den Stücken Thomas Bernhards ihre anschwellenden Klagen führen, bleibt in Der Schein trügt hier unerreicht. Am Ende des sich von einer unbestimmten Trägheit nicht erholenden Abends stand auch bescheidener Applaus. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.1.2009)

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    Eine Beziehung in vorwurfsvoller Verbundenheit: Martin Schwab und Michael König (re.) als Brüderpaar in "Der Schein trügt".

     

     

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