Brillanter Rhetoriker, leicht zerstreut

4. Jänner 2009, 18:13
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Thomas Mayr-Harting vertritt Österreich im Sicherheitsrat - Der Kopf des Tages

Den ersten großen Auftritt in der Zentrale der Weltpolitik hat Thomas Mayr-Harting bereits hinter sich: Nur drei Tage nach Beginn der österreichischen Mitgliedschaft im UNO-Sicherheitsrat am 1. Jänner repräsentierte der neue Missionschef an der Vertretung in New York Österreich erstmals bei einer Dringlichkeitssitzung zur Gaza-Krise. Ein turbulenter Start, den Mayr-Harting schon kurz vor dem Jahreswechsel mit den Worten kommentierte: "Wir sind gut vorbereitet."

Kollegen im Außenministerium beschreiben den 54-Jährigen vor allem als rhetorisch brillant. "Er kann stundenlang ohne Unterlagen reden", sagt einer. In seiner vorherigen Funktion als Politischer Direktor, die er bis November ausübte, sei er bei Ressortsitzungen "immer hervorgestochen", wenn es darum ging, die wichtigsten Themen zu präsentieren. Nur manchmal, meint ein anderer, "neigt er ein bisschen zur Zerstreutheit". Auch "etwas chaotisch" ist eine Charakterisierung, die einige Kollegen wählen.

Seine ehemalige Chefin, Ex-Außenministerin Ursula Plassnik, gestand beim Abschiedsempfang Ende November jedenfalls ein, Mayr-Harting stets für gescheiter gehalten zu haben als sich selbst. "Er kam mit dem Dackel seiner Mutter in die Universität und hat uns die Welt erklärt", erinnerte sich die ehemalige Studienkollegin, die mit ihm zusammen in Wien Jus studierte. Als Plassnik, wie zuvor schon Mayr-Harting, ein Stipendium für das College of Europe im belgischen Bruges anstrebte, habe sie diese Messlatte für sich als zu hoch angesehen.

In den Diensten des Außenministeriums steht der Spitzendiplomat seit 1979, wo er sich unter anderem als Westbalkan-Spezialist einen Namen gemacht hat: Von 2002 bis 2004 fungierte er als Sonderbeauftragter. Sein Beruf führte den dreifachen Vater als Botschafter nach Brüssel, wo er Wien bis 2003 auch bei der Nato vertrat. Dem vorangegangen war etwa ein Aufenthalt in Moskau (1986 bis 1990). Bis 1995 gehörte er dem Kabinett der Ex-Außenminister Alois Mock und Wolfgang Schüssel an, während der Vorbereitung auf den EU-Beitritt.

Verheiratet ist Mayr-Harting mit Marie Elisabeth Gräfin zu Stolberg-Stolberg. Auch er selbst - voller Name: Thomas Ritter von Mayr-Harting - kommt aus einer aus Tirol stammenden Adelsfamilie. Das habe er aber nie als charakteristisch empfunden und würde es am liebsten nicht in der Zeitung lesen, sagt er. "Aber wenn Sie es schon erwähnen wollen, dann schreiben Sie: aus einer Familie, die im 19. Jahrhundert geadelt wurde." (Julia Raabe/DER STANDARD Printausgabe, 5./6. Jänner 2009)

  • Mayr-Harting: "Wir sind gut vorbereitet".
    foto: standard/hendrich

    Mayr-Harting: "Wir sind gut vorbereitet".

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