Haltet den Dieb

4. Jänner 2009, 17:57
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Ein gewiefter Dieb schreit bekanntlich am lautesten "Haltet den Dieb" und zeigt dabei auf andere - Von Verena Diethelm

Ein gewiefter Dieb schreit bekanntlich am lautesten "Haltet den Dieb" und zeigt dabei auf andere. Dieser Methode scheinen sich derzeit Russland und die Ukraine zu bedienen, die sich im Streit um höhere Gaspreise mit gegenseitigen Anschuldigungen überbieten. Russland habe die Gaslieferungen nach Europa um 50 Millionen Kubikmeter zurückgefahren, heißt es in einer Mitteilung des ukrainischen Gasversorgers Naftogaz. Stimmt nicht, folgt prompt die Entgegnung seitens der russischen Gasprom. Die Ukraine habe das für Europa bestimmte Gas gestohlen.

Da es keine unabhängigen Beobachter gibt, die den Gasdruck in den Pipelines kontrollieren, können Moskau und Kiew ungehindert ihre Nebelbomben zünden. Dazu kommt, dass der Gashandel zwischen beiden Ländern über ein kompliziertes System mit dubiosen Zwischenhändlern abgewickelt wird. Selbst für Insider ist es schwierig, über die einzelnen Vertragswerke und Lieferbeziehungen einen Überblick zu behalten. Immer wieder tauchen Gerüchte auf, diese Strukturen dienten allein der Bereicherung Einzelner, die der ukrainischen und russischen Elite nahestehen.

Während russische und ukrainische Delegationen derzeit quer durch Europa reisen, um für sich Stimmung zu machen, herrscht am Verhandlungstisch Stillstand. In dieser verfahrenen Situation wäre die Europäische Union gefragt. Noch lehnt die tschechische EU-Ratspräsidentschaft eine Vermittlerrolle ab. Das könnte sich schnell ändern, wenn der Gasdruck in den europäischen Pipelines weiter abfällt. (Verena Diethelm, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2009)

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