"Einige Vermögen werden halbiert sein"

4. Jänner 2009, 17:40
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Massive Wertverluste an den Börsen und kriminelle Machen­schaften à la Madoff: Bei den Reichen bleibt nichts wie es war, so Vermögensforscher Thomas Druyen im Gespräch

STANDARD: Sie unterscheiden bei Ihrer Forschung zwischen Reichen und Vermögenden - und nur Letztere zeigen nach Ihrer Definition auch gesellschaftliche Verantwortung. Gilt das noch immer? Wir lernen täglich, wer sich aller verspekuliert hat, weil möglichst hohe Renditen lukriert werden sollten.

Druyen: Diese Einteilung habe ich vorgenommen, weil unter dem Begriff der Reichen und Reichsten viele unterschiedliche Personenkreise umfasst werden: Hollywoodstars und Topmanager, Sportidole und alter Geldadel. - Es zeigt sich, dass alle spekuliert haben oder haben spekulieren lassen. Die Grundfrage bleibt also: Gibt es Reiche, die etwas Konstruktives, Nachhaltiges für die Gesellschaft mit ihrem Geld tun? Und Selbstverständlich gibt es Leute, die ich eben Vermögende nenne, die ihre Verantwortung wahrnehmen.

STANDARD: Welche Verantwortung?

Druyen: Den, ihren persönlichen Reichtum auch zu investieren in gesellschaftliche und gemeinschaftliche Fondsprojekte. Denn es zeigte sich ja, dass die Zahl der Reichen immer größer wird. Man muss also diese Gruppe von Menschen dazu bewegen, ein höheres Maß an Verantwortung zu übernehmen. Wenn das gelingt, ist viel gewonnen.

STANDARD: Trotzdem es im letzten Jahr eine gigantische Abschöpfung bei den Reichen gegeben hat?

Druyen: Gerade der Fall Madoff zeigt, dass da auch kriminelle Energie im Spiel war. Aber viel entscheidender war davor die Abkoppelung einer unkontrollierbaren Spekulationswirtschaft von der Realität. Man muss nun sorgfältig schauen, wo die Leute sind, die trotzdem Verantwortung übernehmen.

STANDARD: Sie glauben also nicht, dass die Finanzkrise die philanthropische Ader einiger Vermögender beschneiden wird?

Druyen: In den letzten 30 Jahren ist die Schere zwischen Arm und Reich exorbitant auseinandergegangen. Trotzdem muss man zur Kenntnis nehmen, dass es in den letzten Jahren immense Fortschritte gegeben hat in Bezug auf Spendenbereitschaft, humanitäres Engagement und soziale Investments.

STANDARD: Welche Umschichtungen erwarten Sie bei den Reichtumslisten, die alljährlich von Magazinen herausgegeben werden?

Druyen: Da wird es sicherlich zu spektakulären Veränderungen kommen. Kein Zweifel. Man kann es derzeit nur vermuten, aber zuletzt ist die Zahl der Multimilliardäre und Milliardäre ja exponentiell angestiegen. Das hat nun vorläufig ein Ende. Auch bei den Größenordnungen. Einige Vermögen werden mehr als halbiert sein.

STANDARD: Wenn sich das unvorstellbar hohe Vermögen einer Person binnen eines Jahres halbiert, zum Beispiel auf 15 Milliarden. Unsereiner denkt sich da: So what - aber was fühlen die Reichen?

Druyen: Überwiegend beobachten wir zurzeit noch eine überraschende Ruhe. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die endgültigen Konsequenzen, die sich aus der Finanzkrise für sie ergeben, noch nicht absehbar sind. Je klarer und endgültiger die eigene Situation, desto stärker kommt es zu emotionalen und privaten Belastungen. Aber grundsätzlich hat die Stressresistenz viel mit dem eigenen Charakter, der familiären Atmosphäre und den kulturellen Rahmenbedingungen zu tun.

STANDARD: Beispiele?

Druyen: Diejenigen, die in sehr kurzer Zeit zu viel Geld gekommen sind, scheinen sich durchschnittlich schneller auf drastische Veränderungen einzustellen. Handelt es sich dagegen um traditionsreiche Lebensgewohnheiten, gestaltet sich der Anpassungsprozess vielfach weit schwieriger. Auf jeden Fall ist Schadenfreude vollkommen deplatziert, nicht zuletzt, weil unternehmerische Konsequenzen immer auch viele andere Lebensentwürfe beeinträchtigen.

STANDARD: Zurück zum sozialen Engagement der Reichen, das Sie immer betont haben. Stellt sich das jetzt nicht als Chimäre heraus, als etwas, auf das eine Gesellschaft nicht setzen kann?

Druyen: Bis zum Sommer 2008 war eindeutig zu beobachten, dass die Zahl der humanitären Stiftungen und Projekte kontinuierlich zugenommen hatte. Gerade bei jüngeren Leuten, die zum Beispiel in der Internetbranche erfolgreich waren, wuchs ein Bewusstsein hin zu sozialunternehmerischen Aktivitäten. International sprach man schon von einem neuen Zeitalter der Philanthropie, alles andere also eine Chimäre. Dann allerdings kam die Zäsur. Viele Ausgaben sind im Moment gestoppt, gerade der Bereich der Kulturförderung ist betroffen. In welche Richtung sich das mittelfristig bewegen wird, ist aber noch nicht absehbar. Da ist sicherlich auch eine Gefahr.

STANDARD: Wieso Gefahr?

Druyen: Mit der Vermögensforschung versuchen wir bewusst zu machen, wie wichtig es ist, dass Reiche und Vermögende gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Diese Bereitschaft des Teilens war gewachsen. Es wurde immer deutlicher, dass der abgekoppelte Reiche, der nur an Profit und an sich selbst orientiert ist, keine Brücke in die Zukunft baut. Nun bedarf es trotz der Krise eines Einsehens, dass diese Haltung langfristig nicht nur dem sozialen Frieden dient, sondern auch solche spekulativen Katastrophen verhindern kann. (Johann Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2009)

Zur Person

Thomas Druyen ist Soziologie-Professor und Vermögensforscher. Seit 2007 ist der 50-jährige Deutsche Leiter des Lehrstuhls für Vermögenskultur an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Davor arbeitete er als Direktor bei der Privatbank der Fürstenfamilie von Liechtenstein.

  • Sponsoring ade? Vermögensforscher Thomas Druyen befürchtet, dass
soziales, humanitäres und gesellschaftliches Engagement der Reichen und
Superreichen von der Finanzkrise weggefegt wurde.
    foto: horst stassny

    Sponsoring ade? Vermögensforscher Thomas Druyen befürchtet, dass soziales, humanitäres und gesellschaftliches Engagement der Reichen und Superreichen von der Finanzkrise weggefegt wurde.

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