Gert Jonke über die Uraufführung von "Insektarium": Atlas mit Sprache am Buckel

4. Jänner 2009, 15:30
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Das Wiener Volkstheater bringt ein neues Jonke-Sprachgewitter zur Uraufführung. Ronald Pohl interviewte den Dichter.

Wien - Michael Kreihsl träumt davon. Vor der sonntägigen Uraufführung von Gert Jonkes Szenenfolge Insektarium am Volkstheater (19.30 Uhr) stürzen die Satzkatarakte des Dichters, erzählt Kreihsl, zur späten Stunde urgewaltig durch seinen Regisseurskopf. Jonkes Wortfälle versetzen Dinge und Lebewesen in hypnotische Bewegungen. Dabei ähnelt Jonke einem Mikrophysiker, der die Geheimnisse der Dingwelt phantastisch ergründet.

Zirkusseile, die sich in der Luft geheimnisvoll zusammenklappen; Vögel, die auf Gedankenzuruf ihre Flugbahn verändern - Jonkes Szenen sind eine maßlose Aufgabe für jedes Theater. Im Interview besinnt sich der Autor auf Techniken und Ansprüche seines Schreibens.
Jonke: "Es ist sehr schwierig, über die einzelnen Nummern zu reden, denn jedes Erklären ist komplizierter als die Sachen selbst. Jeder Versuch, die Sachen zu erzählen, macht sie länger. Deswegen habe ich den Verdacht, daß die Sachen für sich selber sprechen, sodaß man, wenn man sehr viel vorher über sie redet, ihnen etwas wegnimmt. Man kann zwar viele Sachen in die Texte hineinschauen. Wenn ich aber wegschaue, bewegen sie sich - es handelt sich ja um Textinsekten - und schauen anders aus, wenn ich wieder hinschaue. Die Sachen leben, glaube ich."

Spinnen und Weben

Sprachlich, durch die insektenhafte Bewegung der Sprache, wie man versucht ist einzuwerfen, durch ein Wuchern des Textes, der sich selbst fortspinnt, der sich in bestürzender Exaktheit über sich selbst hinausträgt. . .

Jonke: "Wie man die Sachen hintereinander reiht, so kann man für den jeweiligen Abend eine jeweils immer andere Geschichte oder einen jeweils anderen Faden erzeugen."
Wie erzeugt man aber diese wahnwitzige Exaktheit? Die von Jonke beschriebenen Dinge werden vom Autor, wie wir einwerfen, förmlich dazu angestiftet, etwas zu tun, was man niemals für möglich gehalten hätte.

In einer Szene treten steinerne Atlanten und Karyatiden unter ihrer tonnenschweren Last der Balkone, Portale und Gesimse hervor, um zu den Küstenklippen heimzueilen, aus denen sie herausgehauen wurden, womit man sie, die selber einmal Klippen waren, um eine glückliche Kindheit betrog. Was aber nun die Exaktheit betrifft ... Jonke: "Sie meinen wahrscheinlich, was im zweiten Wärmelehre-Hauptsatz die Entropie ist. Wenn ich ein System mit sich selber berechne, führt das dazu, daß es entweder implodiert oder explodiert. Wenn ich beispielsweise im juristischen System Gerechtigkeit haben will, dann explodiert es, weil ich es mit sich selber multipliziere. Diese Entropie habe ich häufig. Das ist ein Naturgesetz, das mich treibt! Wenn alles Geschehbare geschehen ist, dann geschieht alles und nichts mehr gleichzeitig, und der Ort ist entzeitet, und die Zeit ist entortet." Und wie behauptet sich die Poesie politisch, am Ort des Theaters? Jonke: "Ich glaube, die Politiker müßten heutzutage, um halbwegs etwas klären zu können, sich der Genialität von Künstlern bedienen. Aber nicht in dem Sinne, daß jetzt Künstler regieren, sondern daß die Politiker in ihrer Politik künstlerische Maßnahmen, also politische Kunst machen, und nicht die Künstler politische Kunst machen." Nachtrag: "Wenn Künstler Politik machen, ist es genauso fürchterlich, wie wenn Politiker Poesie machen würden. Aber die Politiker würden die Mittel der Kunst, also der künstlerischen Genialität, benötigen, um etwas zu lösen."

Das ist nur zu wahr. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.1999)

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