Das Kaiserreich als Dachrinne: "Vögel" und andere Nestbeschmutzer: Der Unterwanderungskünstler Gert Jonke

4. Jänner 2009, 15:28
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Das, was am wenigsten wahr ist, wird am meisten geglaubt. Dagegen entwickle ich meine irrationalen Rationalwelten. Du kannst mit der Sprache alles umdrehen.

Ein Dramatiker monologisiert gegen die Lügengesellschaft: Im Vorfeld der Klagenfurter Uraufführung seiner "Vögel" erzählt Gert Jonke im Gespräch mit Richard Reichensperger über Les- und Schreibarten nach Aristophanes im Wolkenkuckucksheim Österreich.
Wien/Klagenfurt - "Lüge ist das Zentrum. Aristophanes hatte in seinem Athen ja auch schon eine Koalition": Ein vertrackt politisches Jonke-Stück gelangt mit seiner Vögel-Travestie am Donnerstag im Stadttheater Klagenfurt zur Uraufführung. Denn ist der Generator im Zentrum der VP-FP-Koalition nicht eine riesige Schwindel-Windmaschine, die von falschen Donnerstags-Demonstrantenzahlen über falsche, doch als "wahr" hingedrehte, Spar- und Gesellschaftsziele (Kürzen bei Alten und Schwachen) bis hin zu sich vogelartig aufplusternder Bedeutung der eigenen Bedeutungslosigkeit reicht?

Zwingend wohl ist das Umkreisen von "Lüge" bei dieser Vorlage, wo im Athen des Sizilischen Feldzugs 413/14 den Vögeln wie dem Volk eingeredet wird, sie müssten sich abgrenzen, neue Reiche bilden, sich durch Absperrungen des Luftraums zu einem Königreich aufblasen und in ihrem Wolkenkuckucksheim sogar die Götter und den Opferdampf mit Einreisevisa belegen, die Vogelschar als permanente Fremdenpolizei:

"Es ist", so Jonke, "wie wenn man sagt: Österreich war nicht das Kaiserreich, sondern eine Dachrinne. Momentan ist es ja eher so, dass wir eine Dachrinne sind, der das Kaiserreich eingeredet wird. Das wird als Weltwahrheit geglaubt, es fällt Regen hinein, aber es wird gesagt, das sei kein Regen. Wer geschickt lügt, glaubt, seine Lügen seien das einzig Wahre: Das ist die Koalition."

Jonke weiter: "Es geht um die vertrauenerweckende Lüge. Die Lügen, die die Zeit am Nerv treffen, das sind die uns bedrängendsten, auch bewegendsten. Wenn einer so echt lügen kann, dann muss man ihm immer ganz genau zuhören: das sind die Lügen für die Ewigkeit. Es wird heute akzeptiert, dass jemand offen lügt, sofern er es freundlich tut. Wenn die auf dem Gebiet weiterlernen würden, könnte das sehr gefährlich werden. Und sie werden geliebt, aber sie wissen nicht, warum, und sie können alles machen, solche begabten Lügenpolitiker."

Und so plötzlich wie überraschend hört man mitten in Gert Jonkes Text, den er solchermaßen sprechend im monologhaft ebenfalls solchermaßen einfach abgeschafften Interview entwickelt, kurz aufflammend auch ein wenig von der Handlung seiner Aristophanes-Bearbeitung:

"Dass der Theseus Vogelkönig ist, ist die größte Gemeinheit: der letzte Schurke wird Vogelkönig. Also genau genommen ist er's ja nicht, sondern so eine Art Ehrenkönig, ein König h.c. Zu ihm kommen ein Herr Gebrat und ein Herr Hoffer. Der Butler des Theseus ist ein Pinguin. Und die Vögel überlegen: Wie soll unsere Stadt heißen? Rabensburg? Krähfeld? Und im zweiten Akt hausen sie schließlich in einer Lichtgaswüste namens Himmelblau, und es kommen ein Poet, ein Banker und ein Politiker."

Dahergekommene

"Dieser Gebrat", so Jonke, "ist so ein Dahergekommener von Aussen, der den Vögeln alles einredet. So einer von Aussen, ein Dahergekommener - wie Hitler, der aus Österreich nach Deutschland gekommen ist, oder Haider aus Oberösterreich nach Kärnten, also einer von denen, die die Gabe haben, allen alles so aufzubinden, dass man ihm alles glaubt. Die es schaffen, ,Fakten' zu erfinden und jemandem, der eine Wahrheit will, zu sagen: Dass wenn er so weitermacht - nämlich wenn er den ,Fakten', die ja Lügen sind, widerspricht - er die Wahrheit verdreht. Darum ist es auch eine Komödie, weil sich zeigt, was du damit alles machen kannst dass du als genialer Lügner immer richtig, so wie sich's gehört, lügst."

Für Jonke "ist es so: Es muss einer kommen, der das Richtige sagt, auch wenn er lügt. Nicht Wahrheit ist wichtig, sondern Richtigkeit in einer Situation, die selbst schon politisch erfunden wird. Wahrheit wird da zu einer Aussenseiter-Ware, einer ganz gefährlichen. Wie bei den Vögeln eben: Nestbeschmutzer. Die müssen verhaftet werden. Es heisst ja auch WahrHAFTigkeit, also Warenhaftigkeit, Wahnhaftigkeit, Verwahrhaftungsware. Und wenn diese Ware gut geht, braucht man nur das ,H' wegnehmen aus ,wahr', und sie einmal umdrehn, und den Anfangsbuchstaben umdrehn, und es wird ,After'. Das wird aber, wie bei Ovid, als Goldenes Zeitalter eingeredet."

Gesetzlos schreiben

In der Spannung zwischen Staatsgründung, Lüge und Macht entwickelt sich in Jonkes Text aber eine sehr feine, immer stärker werdende, Gegenbewegung, eine anarchische Unterwanderung:

"Mein Schreiben mach ich eigentlich so wie der Gebrat: Fakten erfinden. Das, was am wenigsten wahr ist, wird am meisten geglaubt. Dagegen entwickle ich meine irrationalen Rationalwelten. Bei mir ist das Schreiben dann ein vegetativer Vorgang beim Denken. Du kannst mit der Sprache, wenn du gut bist, alles umdrehen."

Ein poetisch-politisches Unterwanderungsprogramm: Gegen die Festlegung von allem richtet sich schon die Art, in welcher Jonke sein Stück geschrieben hat:

"Den ersten Akt ganz, den zweiten skizziert, und im dritten sollen die Schauspieler alle Freiheiten haben, da steht eigentlich gar nichts, da müsste eigentlich Schweigen sein. Die Schauspieler aus Schwerin protestierten dagegen, denn sie sind Parabeln gewohnt. Aber ich will Freiheit. Das ist wie die Aleatorik in der Musik: Da dürfen die Musiker scheinbar machen, was sie wollen, und zwar jeder einzelne einzeln, nach einer vorgegebenen Aufgabe, zum Beispiel: ,Spielt einen C-Dur-Akkord', und der klingt dann ganz unterschiedlich schön zusammen. Das kannst du nie erzeugen."

"Es klingt so gut, als hätte es ein Gesetz. Es hat aber keines. So geht es mir manchmal beim Schreiben. Wie in Konrad Bayers Der Kopf des Vitus Bering: Es ist dort so frei, als wenn sich der Text selbst hinschriebe, aber in größter Genauigkeit, kein Beistrich kann da anders sein: Es ist die Genauigkeit der Freiheit. Dadurch entsteht die größte Freiheit für die Worte, für das Papier und für den, dem diese Freiheit sich in den Kopf setzen kann." (DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2000)

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