Jonke inszenieren - eine fast unzumutbare Freiheit

4. Jänner 2009, 15:24
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Die extreme Sprachkunst eines "Weltautors" als Herausforderung für Regisseur , Schauspieler und Publikum

Jonke inszenieren heißt einen Weltautor entdecken. Seine extreme Sprachkunst ist eine enorme Herausforderung für die Bühne. Brillant und hintergründig, aber ungewöhnlich für die Schauspieler, für das Publikum. Der Regisseur muß sie herauslocken. Niemand kann zuvor sagen, wie diese oder jene Textpassagen wirken werden. Sind sie komisch? Sicher! Aber nicht kabarettistisch. Wenn man aufs Kabarettistische geht, verliert man sofort den Faden. Eher clownesk, denn das hat immer mit der Lächerlichkeit menschlichen Mißlingens zu tun. Die Texte schreien geradezu nach dieser oder jener Interpretation. Aber wehe, wenn man ihr nachgibt, das Gegenteil ist richtig. Die Texte behaupten eine surreale Situation mit einer eigenen bösartigen Logik der Wahrheitsfindung und der Selbstpreisgabe.

Zauberkomödien hat Benjamin Henrichs Jonkes Stücke genannt. Daß alle möglichen Wunder geschehen, sodaß keines mehr verwunderlich ist. Und daß das Theater für solche Wunder Maschinen brauche, der Schriftsteller aber nur eine Schreibmaschine.

Hier gilt es zu ergänzen. Denn für Gert Jonkes Wunder braucht das Theater Schau- spieler, die sie darstellen können. Nur wenn die Schauspieler Jonkes Aberwitz als einen ganz selbstverständlichen behaupten, hat er die ihm zukommende Wirkung aufs Publikum. Sie müssen mit dem Text springen. Sie müssen ihm in einem für sie ungewohnten Maß vertrauen. Denn die Wirkung stellt sich nur aus der Distanz her. Die Arbeit des Regisseurs besteht unter anderem auch darin, jene Phantasien zu erzeugen, die diese Kluft überbrücken.

Es gehört zu den Ritualen jeder Probenarbeit, daß Schauspieler die Unlernbarkeit des Textes beklagen. Bei Jonkes Stücken allerdings erheben sich diese Klagen zu Arien der Verzweiflung.

Und dann, sehr plötzlich nach der großen Krise, haben sie wie durch Osmose den Text von einem Tag auf den anderen intus. Als hätte der Autor magisch von ihren Sprechwerkzeugen Besitz ergriffen und säße soufflierend in ihren Köpfen. Ab da läuft's. Da kann es passieren, daß sie als kleine Jonke-Epigonen ganze Sequenzen der Virtuosentexte in ihre privaten Gespräche einfließen lassen. Jetzt sind sie mit dem Jonke-Bazillus infiziert. Jetzt sind sie imstande, auch das Publikum anzustecken.

Und siehe: In mehrfach geglückten Aufführungen erweist sich Jonkes Sprachmusikalität ebenso als in hohem Maße bühnentauglich wie sein abgründig witziger Komödienernst, das verzweifelte Possenspiel, das er mit einer an Wiederholungszwang gescheiterten, dennoch unersetzlichen Kunst treibt.

Jonke ist natürlich nicht der einzige Theaterautor, dessen Thema die Sprache ist. Aber während andere Autoren Hinweise für einen theatralen Umgang mit ihrer Sprachkunst geben, bietet Jonke seine Sprachkunstwerke dem Theater lediglich zur freien Verfügung an. Voller Offenheit und voller Neugier, was nun mit ihnen geschehen wird. Sein Umgang mit dem Theater ist spielerisch experimentell, und er provoziert dieselbe spielerisch experimentelle Haltung vom Theater. Das bedeutet aber nicht nur, daß der Autor keine Regeln aufstellt, keine Hinweistafeln und keine Verbotsschilder, sondern daß auch das Theater, seine Konventionen, Gesetze und Gewohnheiten außer Kraft gesetzt, von ihrer Autorität befreit sind.

Jonke-Stücktexte zwingen den Regisseur, die Regisseurin zu einer fast unzumutbaren Freiheit. Und Freiheit richtig zu nützen, gehört zum schwierigsten überhaupt - nicht nur am Theater. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.1995)

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