Gert Jonke 1946-2009

4. Jänner 2009, 19:34
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Er entwickelte eine Universal­poesie der mit den Menschen ausgesöhnten Dinge: Der Kärntner Prosaautor und Dramatiker ist am Sonntag 62-jährig einem Krebsleiden erlegen

Wien - In Gert Jonkes Sprachwelt schienen alle Sachzwänge auf ebenso wunderbare wie absolut welteinmalige Weise aufgehoben. Naturgegenstände, die gegenüber der Fantasie ihre Zweckmäßigkeit im Allgemeinen durchzusetzen pflegen, bildeten in den Texten dieses Universalpoeten eine Verschubmasse von eigensinniger Intelligenz und hoher Beweglichkeit. Natur, so lehrte es der Kärntner Jonke, ein aus der Zeit gefallener Urenkel von Schlegel, Novalis und Brentano, ist mit sozialem Sinn begabt. Sie vermag innerhalb der Grenzen der Grammatik nach eigenem Gutdünken zu schalten und zu walten. Sie rebelliert verlässlich gegen alle schnöden Zwecksetzungen, die ihr von außen aufgezwungen werden. Sie schafft am laufenden Band neue Tatsachen, deren bloße Verzeichnung der auftrumpfenden Selbstgewissheit der Recht- und Machthaber zärtlich und gar nie aggressiv ins Gesicht schlägt.

Wilde Satzgewitter

Insofern muss man Jonke, den Autor so sprachgewaltiger Romane wie Der ferne Klang und Erwachen zum großen Schlafkrieg, die einen Aufruhr gegen das blinde Diktat der Alltagsvernunft veranstalteten, vor der Welt auch gar nicht nachträglich in Schutz nehmen. Die Poesie führt als "unreine" Schwester der Wissenschaften ihre guten Gründe sinnfällig vor Augen. In Jonkes Fall tat sie das, indem sie sich vornehmlich naturgewaltig gebärdete: In wilden Satzgewittern entlud sich eine kaum fassbare Energie von weltumstürzender Kraft (und man muss um der lieben Ehrlichkeit willen festhalten, dass Jonke-Sätze manchmal auch vom Scheitern bedroht waren).

Aber wer sonst als dieser legitime Erbe der romantischen Universalpoeten wäre auf die Idee gekommen, die anarchische Sprengung des Raum-Zeit-Kontinuums auf eine Ebene höherer Sinnfälligkeit zu heben? Jonke, der mehr von Musik verstand als fast alle Autoren neben ihm, suchte und fand in der Klassik das Medium der Synthese - nicht der falschen Versöhnung, wohlgemerkt.

Die glückliche Neigung zur musikalischen Aus- und Abschweifung verband ihn mit dem Theater. Und die heimischen Bühnen, zumeist mit der Zucht ihrer Werkstattkellerpflanzen beschäftigt, begannen erst in den 1990er-Jahren, Jonkes Vorschläge zur Wirklichkeitsüberwindung mit jener eilfertigen Beflissenheit aufzugreifen, die den Vorzug aller sich Verspätenden ausmacht.

Im Heimatbecken des Wiener Volkstheaters fand der zur Gänze nach Wien übersiedelte Jonke die Kraft und das ihm entgegengebrachte Vertrauen, um Prosastoffkerne wie theatralische Brühwürfel zu gebrauchen. In seinen Stücken wie Gegenwart der Erinnerung (1995) oder Chorphantasie (2003) konnte es passieren, dass die verlorene Zeit in Schleifen wiederkehrte - so als feiere sie ihre eigene universalmusikalische Reprise. In Die versunkene Kathedrale (2005) lief sogar der Wörthersee aus - nur um den Blick auf eine umso prächtigere Kathedrale freizugeben.

Jonkes Welttheater, von ihm selbst mit sarkastischem Witz in den Dunstkreis von Nervenheilanstalten gestellt, wurde plötzlich verstanden. Bühnenanwälte wie der wunderbare Burg-Schauspieler Markus Hering übersetzten seine Tiraden kongenial in eine vernunftförmige, aber eben nie "vernünftelnde" Widersetzlichkeit. Auf den Großen Österreichischen Staatspreis 2001 folgte 2005 der Kleist-Preis. Und gelegentlich passierten wahre Wunder: Jonke erklomm wippenden Gangs eine Bühne oder ein Podium und entwickelte daraufhin in druckreichen Redestößen sein Weltvernunfttheater, das bei aller Verbindlichkeit für uns Zurückbleibende auch immer seine mit Genuss erarbeitete One-Man-Show war. In Jonke, dem Spachexperimentator (auch im Standard, wo er zuletzt an den Wurfgedichten teilnahm), steckten zu gleichen Anteilen der Heimatdichter (Geometrischer Heimatroman, 1969) und der Weltliterat - ein Erbe von so ungleichen Vorfahren wie Borges oder Robert Walser. Letzteren schätzte Jonke, der unruhige Konsument unermesslich vieler Energy-Drinks, ganz besonders.

Gert Jonke, der liebenswürdig-verschmitzte Dichter, ist in der Nacht auf Sonntag an den Auswirkungen eines Bauchspeicheldrüsenkarzinoms gestorben. Er ist keine 63 Jahre alt geworden. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.1.2009)

Aus dem Archiv:

2002: STANDARD-Interview mit Gert Jonke: Der wunderbare Kärntner Zeitaufheber

Links:

Wikipedia über Gert Jonke

  • Aufruhr wider das blinde Diktat der Alltagsvernunft: Die Poesie als "unreine" Schwester der Wissenschaften entwickelte bei Gert Jonke Sprach-Energien von weltumstürzender Kraft.
 
 
    foto: marko lipus

    Aufruhr wider das blinde Diktat der Alltagsvernunft: Die Poesie als "unreine" Schwester der Wissenschaften entwickelte bei Gert Jonke Sprach-Energien von weltumstürzender Kraft.

     

     

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gerd Jonke, beim Theaterpreis 'Nestroy' 2008 für 'Bestes Stück' ausgezeichnet, bei seiner Dankesrede.

     

     

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