UNO-Justiz: In Kroatien werden Dokumente zu "Fall Gotovina" versteckt

3. Jänner 2009, 12:10
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Haager Chefankläger Brammertz: "Unwahrscheinlich, dass sie auf einmal verschwunden sind"

Zagreb/Den Haag/Wien - Der Chefankläger des UNO-Tribunals zur juristischen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Serge Brammertz, wirft Kreisen in Kroatien vor, wichtige Dokumente für den Prozess gegen Ex-General Ante Gotovina zurückzuhalten. Das Tribunal habe in mehreren Gesprächen mit Vertretern des Landes darauf hingewiesen, dass wichtige Dokumente bezüglich der Operation "Sturm" ("Oluja") im Jahr 1995 vermisst würden. "Es gibt jemanden, der diese Schlüsselbeweise absichtlich versteckt", wurde Brammertz am Samstag von der Tageszeitung "Vecernji list" zitiert.

Wörtlich sagte Brammertz in dem Interview mit dem in Zagreb erscheinenden Blatt: "Es erscheint uns wenig wahrscheinlich, dass entscheidende Dokumente einer wichtigen Militäroperation auf einmal verschwunden sind." Das Tribunal weise die kroatische Seite seit eineinhalb Jahren auf diesen Missstand hin. Für Gotovina und die beiden anderen wegen der Operation "Sturm" angeklagten kroatischen Generäle Ivan Cermak und Mladen Markac gelte die Unschuldsvermutung, unterstrich der UNO-Chefankläger, "solange nicht das Gegenteil bewiesen ist".

"Oluja" und die mit der Operation verbundene Vorwürfe von Kriegsverbrechen sei jedoch ein wichtiger Teil der jüngeren kroatischen Geschichte. Der Prozess in Den Haag soll zur Aufarbeitung beitragen. "Ich hoffe, dass die kroatische Öffentlichkeit dadurch besser verstehen wird, was 1995 passiert ist."

Mit der Operation Sturm hatten kroatische Armee-Einheiten im August 1995 die von kroatischen Serben kontrollierte Region Krajina innerhalb weniger Tage zurückerobert. Die Serben hatten, angestachelt vom damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic und mit Hilfe seiner Streitkräfte, noch vor der Loslösung Kroatiens von Jugoslawien 1991 in ihren Siedlungsgebieten eine eigene Republik mit Knin als Hauptstadt ausgerufen.

Bei der kroatischen Gegenoffensive wurden laut Anklage des UNO-Kriegsverbrechertribunals (ICTY) gegen die Generäle Ante Gotovina, Ivan Cermak und Mladen Markac zwischen 150.000 und 200.000 Serben vertrieben und mehr als 150 getötet. Das kroatische Helsinki Komitee für Menschenrechte geht von 700 Zivilisten aus, die damals umkamen, serbische Stellen sprechen von rund 1.600 Toten.

Gotovina war im Dezember 2005 auf der Kanaren-Insel Teneriffa festgenommen worden, zuvor hatte er zu den meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechern der Jugoslawien-Kriege gezählt. Erst durch seine Festnahme konnte Kroatien Beitrittsgespräche mit der EU aufnehmen. Seine Auslieferung an Den Haag löste seinerzeit auch Proteste aus. Viele Kroaten betrachten Gotovina nicht als Verbrecher, sondern als Helden. (APA)

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