"Nach 1945 wurde Stillstand zum Prinzip"

2. Jänner 2009, 20:22
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Wie Bad Radkersburg den Verlust des Wirtschaftsfaktors Militär verkraftet

Am Mittwoch ist eine 700 Jahre alte Tradition zu Ende gegangen - Bad Radkersburg, das 1582 sogar zur "Reichsfestung" erhoben wurde, ist nun keine Garnisonsstadt mehr. Das schmerzt nicht nur Militär-Nostalgiker, die mit der "Mickl-Kaserne" Erinnerungen an den Abwehrkampf der neugegründeten Republik Österreich gegen den SHS-Staat im Jahr 1919 verbinden. Es schmerzt vor allem den Bürgermeister der Stadtgemeinde im südöstlichsten Winkel Österreichs.

Peter Merlini von der Bürgerliste Bad Radkersburg beklagt vor allem den Verlust von 40 Dauerarbeitsplätzen, seit die 2. Kompanie des Jägerbataillons 17 nach Straß verlegt wurde: "Die Leute haben ja einen Arbeitsplatz, soweit sie hier verheiratet sind, pendeln sie halt hin. Aber die jüngeren sind weg."

Und das heißt: Es gibt weitere Kaufkraftverluste - und womöglich den Verlust von weiteren Arbeitsplätzen in Handel, Gastronomie und Gewerbe. "Natürlich lassen 160 Soldaten einen Teil ihres Soldes in Lokalen und Geschäften. Natürlich gibt es in einer Kaserne immer wieder kleine Reparaturaufträge. Auch wenn die Großeinkäufe beim Bäcker schon in den vergangenen Jahren überregional ausgeschrieben und vergeben waren - ein bissl was geht immer", sagt Bürgermeister Merlini.

Jetzt also geht nichts mehr mit der Kaserne, auch wenn sich die Gemeinde redlich bemüht hat, die Schließung des Standorts abzuwenden: Da wurde etwa ein Konzept entwickelt, in Bad Radkersburg ein internationales militärisches Trainingszentrum zu errichten - für Merlini eine Ideallösung, weil im 50-Kilometer-Umkreis der Stadt gleich drei weitere Staaten (Slowenien, Ungarn und Kroatien) liegen. Aber im Verteidigungsministerium ist den Südsteirern beschieden worden, dass man das lieber im Raum Wiener Neustadt machen will.

Somit setzt sich eine schicksalshafte Entwicklung fort, die die Region erstmals nach dem Ersten Weltkrieg getroffen hat. Damals wurde die 120 Einwohner zählende Vorstadt Oberradkersburg jenseits der Mur abgetrennt - in Slowenien hatte sie als Gornja Radgona eine deutlich bessere Entwicklung. Heute leben dort rund 3300 Menschen, in der österreichischen Gemeinde sind es nur 1451.

Graz ist weit weg

"Nach 1945 wurde der Stillstand zum Prinzip erhoben", erinnert sich Bürgermeister Merlini, "wir sind ein rückständiger Bereich der Republik Österreich. Der Speckgürtel von Graz ist zu weit weg, mit dem Auto fährt man eine Stunde, mit der Bahn eineinhalb. Unsere Region ist die einzige südlich der Mur-Mürz-Furche, die weiterhin Bevölkerung verliert." Es ist eine bäuerlich geprägte Landschaft, und da höre man es nicht gerne, dass die einzige Wachstumsbranche in der Region der Tourismus ist, der mehr als 1000 Arbeitsplätze schafft. Konsequent hat sich die Gemeinde als Kurstadt aufgebaut, "Bad" darf sie sich seit 1976 nennen.

Sie muss sich das gleichzeitig etwas kosten lassen: Denn ohne städtische Investitionen hätte es die Entwicklung zum Thermalbadeort nicht gegeben. Trotz Grenzlandlage wird Bad Radkersburg als drittreichste steirische Gemeinde bezeichnet - aber auch als eine der am höchsten verschuldeten: Mit 8427 Euro Schulden pro Kopf wird sie von der Statistik Austria an der neuen Stelle geführt.

Und was soll nun mit der leer- stehenden Mickl-Kaserne in bester Innenstadtlage passieren? Noch wird an einem Nutzungskonzept gearbeitet, der Bürgermeister hätte gerne ein Bildungszentrum eingerichtet. Die 1910 errichteten Gebäude - sie waren ein Geschenk der Stadt an das damalige Husarenregiment und sind nun wieder an die Stadt zurückgefallen - hat Merlini schon. Aber die umliegenden Grundstücke will die Republik so teuer wie möglich verkaufen, weil aus den Erlösen der Kasernenverkäufe die stockende Heeresreform finanziert werden soll. "Die Herren in Wien haben Preisvorstellungen, als ob es sich um Grundstücke in der Wiener Kärntner Straße handeln würde", sagt Merlini.

Vorläufig also wieder einmal Stillstand - und Zeit für Neuorientierung: Seit Slowenien zum Schengen-Raum gehört, sind die Grenzen auch in den Köpfen abgebaut worden - die Verkehrsanbindung ist jenseits der Mur auch besser. Ein Projekt für regionale Raumplanung haben Gornja Radgona und Bad Radkersburg im Vorjahr gemeinsam ausgeschrieben. (cs/DER STANDARD-Printausgabe, 3.1.2009)

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