Weiße Flecken auf Österreichs Landkarte

2. Jänner 2009, 20:16
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Was ist ein guter, was ein schlechter Standort in Österreich? Die Antwort auf diese Frage entscheidet, wie sich ein Ort, eine Gemeinde, eine ganze Region künftig entwickelt - und welche Chancen es für die Bevölkerung gibt - Teil 1 der STANDARD-Serie "Reiche Zentren, armes Land"

"Die Karten schauen eigentlich alle gleich aus", sagt Martin Redl: "Sie erkennen die Ballungsräume, Sie erkennen die Hauptverkehrsachsen. Und Sie erkennen die weißen Flecken, wo wenig los ist." Wenig los. Das ist für den Gründer der GeoMarketing GmbH und seine Kunden ein wichtiges Kriterium: Investiert wird eben dort, wo Kunden sind. Oder, wie es Gerlind Weber, Professorin für Raumplanung an der Universität für Bodenkultur, ausdrückt: "Wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Dabei wohnt ein Drittel der österreichischen Bevölkerung in Gebieten, die schrumpfen."

Dort, wo die Bevölkerung abnimmt, altert, an Kaufkraft verliert, dort bilden sich weiße Flecken auf der österreichischen Landkarte. Etwa auf der, die der Grafik auf dieser Seite zugrunde liegt. Sie zeigt die Netzabdeckung des Telekomunternehmens Orange für mobiles Internet - in oranger Farbe sind darauf jene Bereiche eingezeichnet, in denen man eine mobile Verbindung aufbauen kann. Weiß bleiben jene Flecken, wo es dafür keinen ausreichenden Bedarf gibt. Und das gilt nicht nur für mobiles Internet. Fast jede auf geografischen Informationssystemen basierte Studie zur Standortfindung weist in ähnlicher Weise weiße Flecken aus.

Leben auf dem weißen Fleck

Würden Sie auf so einem weißen Fleck leben wollen, Herr Redl? Der Unternehmer lacht und antwortet diplomatisch mit: "Das kommt darauf an." Nämlich darauf, welchen Lebensstil man für sich selbst bevorzugt: "Wenn ich auf der Alternativwelle unterwegs bin, dann such ich mir so einen weißen Fleck. Da weiß ich, dass ich dort meine Ruhe habe." Andererseits: Wer das Pech hat, dass ihn das Leben auf einen solchen weißen Fleck verschlagen hat, der hat kaum eine Wahl. Man müsste wegziehen. Wenn man aber an Ort und Stelle eine bessere Versorgung haben will, kann man nur hoffen, dass andere mit demselben Wunsch (und einer nachgewiesen hohen Kaufkraft) in dieselbe Gegend ziehen. Denn das ist von den Geomarketing-Experten sehr gut erfasst: "Man kann heute beinahe bis aufs einzelne Haus schauen", sagt Redl. Melderegister und Grundstücks-kataster sind so weit verknüpft, dass man sehr treffsichere Standortentscheidungen fällen kann.

Noch einmal zum Beispiel der Netzabdeckungskarten: In jener von Orange ist beispielsweise erkennbar, dass das Seminarhotel Schwarzalm - mitten in einem Waldstück bei Zwettl gelegen - mit mobilem Internet versorgt ist, während die nahen Ortschaften Gschwendt, Syrafeld und Böhmhöf nur teilweise erfasst sind. Aber dort sind kaum Geschäftsleute mit Laptop unterwegs.

Nach ähnlichen Mustern fallen Standortentscheidungen von Banken: Für die Bawag PSK erhob Redl etwa, wie viele Kunden welche Filiale in welcher Zeit erreichen können, für die Villacher Brauerei optimierte er das Logistikkonzept (was 40 Prozent der Kilometerleistung einsparte). Zunehmend bedienen sich aber öffentliche Stellen der Geomarketingkonzepte: So war Redls Unternehmen in die Erstellung der Programme zur möglichst sozialverträglichen Schließung von Kasernen eingebunden. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 3.1.2009)

Teil 1 der STANDARD-Serie "Regionale Entwicklung"

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    grafik: der standard

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