Totenkult als Wahlkampfgag

2. Jänner 2009, 18:52
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Österreich dürfte das erste Land sein, in dem einem betrunkenen Autoraser ein Denkmal gesetzt wird

Dem Wahlkampf in Kärnten verdanken wir es, dass Österreich als das erste Land in die Weltgeschichte eingehen dürfte, in dem einem betrunkenen Autoraser ein Denkmal gesetzt wird. Wegen der Vorbildwirkung, also aus pädagogischen und daher reinen Motiven. Und ein Marterl soll es sein, damit die Assoziation zum Märtyrer nicht einschläft, ehe die Wahlen über die Bühne sind. Ebenfalls noch rechtzeitig vor dem Urnengang wird die Lippitzbachbrücke in "Jörg-Haider-Brücke" umbenannt, und damit nicht genug, schwärmte der örtliche Sonnenuntergangsprophet Dörfler "Österreich" vor: Claudia Haider kümmert sich um ein Museum - mit Schreibtisch, Bildern, Büchern.

Diese nekrophilen Bestrebungen sind ausbaufähig, stehen aber unter keinem guten Stern. Ausbaufähig, weil demnächst vielleicht die Umbenennung des Großglockners in Gröfazjörgler bevorstehen könnte, Kärntner Gastronomen zur Hebung des Fremdenverkehrs verpflichtet werden, ein Jörg-Haider-Schnitzel auf die Speisekarte zu setzen, und das karinthische Sommertreiben von einem Jörg-Haider-Beachvolleyball-Turnier gekrönt werden sollte. Sogar bei Freund Saif im fernen Libyen soll man sich schon mit der Stiftung einer Jörg-Haider-Oase beschäftigen. Ob die Hypo Alpe-Adria einen Jörg-Haider-Flatfonds auflegt, ist wegen der internationalen Wirtschaftskrise noch nicht entschieden.

Unter keinem guten Stern stehen diese Regungen edelster Pietät deshalb, weil es mindestens einen Menschen im Lande gibt, der schon ganz andere Dinge publizistisch gedeichselt hat und sich jetzt nicht scheut, schnöde Bedenken an die Öffentlichkeit zu tragen. Unter dem Titel "Ein Marterl für Jörg?" begann die Wiener Ausgabe der "Kronen Zeitung" mit der Veröffentlichung gleich zweier Leserbriefe aus Kärnten, in denen erstmals seit Menschengedenken Zweifel am Personenkult um die Sonne Klagenfurts und Umgebung geäußert werden. Das bringt bei mir das Fass zum Überlaufen, schäumte eine Leserin aus der Landeshauptstadt. Dörfler will den Unfalltod unseres Landeshauptmannes und dessen Popularität im Wahlkampf ausschlachten. Jetzt fordert er an der Unfallstelle ein Marterl, eine Brücke soll umbenannt werden usw. Alles schnell, schnell vor dem 1. März.

Das usw. deutet an, dass auch die Briefschreiberin künftige Ausweitungen des braunkostümierten Totenkults befürchtet. Da half es Herrn Dörfler gar nichts, dass er "Österreich" weismachen wollte, besagtes Marterl war Wunsch der Witwe. Die 30.000 Euro, die das kosten soll, ließ schließlich er budgetieren, und die Kärntnerinnen und Kärntner kennen ihre Pappenheimer, auch wenn sie daraus oft jahrzehntelang keine Konsequenzen ziehen.

Es geht einfach zu weit, wenn man Jörg Haider für so etwas missbraucht! schreibt die Klagenfurterin dem Neo-Landeshauptmann sein Menetekel an die Pisswand der Nation: Wir brauchten Politiker, die unser Land positiv verändern wollen und nicht nur auf die Popularität eines positiven Veränderers bauen wollen! Und somit schießen sich leider sowohl BZÖ als auch FPÖ ins Out.

Wäre es nur ein Brief in diesem Sinne, man könnte ihn noch als falsches Zeugnis für die von Österreichs Kommunikator Nr. 1 (Branchenblatt "extradienst") gepflegte Meinungsvielfalt deuten. Aber auch aus Landskron stellte sich Unzufriedenheit mit den parteipolitischen Erbschleichern ein. Die "Götzenverehrung" rund um den verunglückten LH Jörg Haider nimmt kein Ende, setzte ein Friedrich Dempfer dem Kult der Götzendiener einen Dämpfer auf. Kann man sich mit einem Marterl an der Unglücksstelle noch identifizieren, wird mit der Umbenennung der Lippitzbachbrücke in "Jörg-Haider-Brücke" der Bogen meiner Meinung nach bei Weitem überspannt. Ein Vergleich, wie er zu einer Brücke und zu dem Toten nicht besser passen könnte. Wo wird denn das noch enden? Wird Kärnten am Ende noch in "Jörg-Haider-Land" umbenannt werden? Im Vergleich zu einem solchen Schreckensszenario dürfen die hier eingangs vorgelegten Anregungen als ausgesprochen maßvoll gelten.

Wie ernst solche Schreiben aus der Provinz zu nehmen sind, zeigt die Meinung eines Lesers, der da meint: Die "Krone" widmet sich täglich auf mehreren Seiten in Form von abgedruckten Leserbriefen dem Wohl und Wehe der ÖsterreicherInnen. Und fordert: Hier könnte der Herausgeber der "Krone", Herr Dichand, uns allen Gutes tun und die gesammelten Leserbriefe als Werk gebunden an die Politiker aller Couleurs verteilen. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 3.1/4.1.2009)

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