"In Loitzl brennt ein Feuer"

3. Jänner 2009, 12:58
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Christian Uhl hat in Wolfgang Loitzl einen schwierigen Kunden. Wie sie einander fanden und man sich einen Vorteil verschafft, sagte der Sportpsychologe im STANDARD-Interview

Standard: Der Schweizer Simon Ammann behauptet, er hätte in der Tournee nun einen psychologischen Vorteil, weil die Österreicher zu Hause springen müssen. Die Österreicher sehen sich aber gerade deshalb selbst im Vorteil. Ist alles ein psychologischer Vorteil, was man sich ganz fest einreden kann?

Uhl: Es kann sogar ein großer Vorteil sein. Wichtig ist nur, dass es ein gewisses Bewertungssystem gibt. Unsinniges kann kein Vorteil sein, auch wenn man es sich einredet. Aber wenn die Annahme realistisch begründbar ist, dann soll man das kultivieren. Anderseits soll man Dinge, die dagegensprechen, gar nicht erst durch den persönlichen Filter lassen.

Standard: Wäre es nicht viel besser, gar nicht erst über solche Dinge nachzudenken?

Uhl: Übermäßige Intelligenz kann schon hinderlich sein, aber ich arbeite lieber mit Sportlern, die reflektieren, über sich, über ihr Umfeld, ja darüber hinaus, etwa über die Situation in Gaza.

Standard: Nimmt der Skispringer da nicht zu viel Gepäck auf die Schanze mit?

Uhl: In der entscheidenden Situation müssen sie alles wegblenden können. Bei einem Skispringer dauert das ein paar Sekunden, für einen Moment of Excellence müssen sie sich voll und ganz im Griff haben. In dieser Hinsicht ist das die anspruchsvollste Sportart.

Standard: Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit mit Wolfgang Loitzl?

Uhl: Er ist sehr ruhig, wirkt manchmal nicht so motiviert, ja fast antriebslos. Aber in Loitzl brennt ein Feuer. Wir haben einmal ein Rollenspiel versucht, einen Perspektive-Wechsel. Er war ich, ich war er. Nach 15 Minuten ist es mir schlecht gegangen. Und er hat mir Fragen gestellt, dass ich bald nicht mehr wusste, wer von uns beiden studiert hat. Er braucht ein Umfeld der Wertschätzung. Wenn seine Augen glänzen, reicht es völlig, dass man ihn unterstützt, ihm auf die Schulter klopft. So viel muss man sich zurücknehmen können. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe, Sa./So., 3./4. Jänner 2009)

Zur Person:
Christian Uhl (35) ist Sportpsychologe amOlympiastützpunkt Dornbirn. Der Vorarlberger steht den Springern und Kombinierern rund 50 Tage pro Jahr zu Verfügung.

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