"Unsere Spielregeln" für Zuwanderer

2. Jänner 2009, 18:19
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Die Stadt Wien wirbt dieser Tage für ihre Integrationspolitik - und macht sich ihr eigenes Vorhaben kaputt - Von Maria Sterkl

Wer in Wien einen Park betritt, sieht nicht nur Bänke, Bäume und Mistkübeln, sondern auch Schilder. „Radfahren verboten", „Tauben füttern verboten", „Hunde verboten", „Ballspielen verboten", „Lärmen verboten". Man kann diese Regeln gut finden, man kann sie ablehnen, aber sie gelten für alle. Ob hier geboren oder zugewandert.

Mülltrennung und Waschtage

„Integration braucht Spielregeln" ist denn auch der Titel eines Werbeinserats der Stadt Wien, zu finden letzten Mittwoch in der „Kronen Zeitung" (Seite 23). Eine halbe Seite lang lesen wir hier, was sich die Gemeinde unter gelungener Integration vorstellt: „Wichtig für die Integration in Wien ist, dass die Zuwanderer unser Leben und unsere Spielregeln kennenlernen." Folglich gebe es jetzt eigene Kurse, in welchen sie das alles lernen dürfen, und zwar: Mülltrennung, Hausordnung „oder was beim Einteilen der Waschtage so alles zu beachten ist", aber auch Fragen „rund um das Thema Gesundheit, das in den Herkunftsländern der Zuwanderer oft einen eher geringen Stellenwert hat". Sie könnten somit gar nicht wissen, „was zu beachten ist, wenn sie Familienangehörige im Spital besuchen: Kranke Menschen brauchen Ruhe, zuviel Leute, die alle gleichzeitig den Patienten sehen wollen, schaden ihm vielleicht bei seiner Genesung."

Vorweg gesagt: Wien tut gut daran, Zugewanderte nicht im Dunklen tappen zu lassen, welche ungeschriebenen Gesetze hier neben den geschriebenen gelten. Dass es dafür eigene Kurse gibt, ist genauso sinnvoll, wie dass diese Kurse in viel gelesenen Zeitungen vorgestellt werden. Dumm nur, dass mit einer einzigen Werbung viel von dem, was hier aufgebaut werden soll, gleich vorneweg ruiniert wird.

"Wilde" und "Gepflegte"

Dass es Zuwanderern weniger wichtig sei, gesund zu bleiben, ist nicht nur dumm, sondern dreist. Hier werden zwei Seiten konstruiert: Da die Unzivilisierten, die „Wilden", hier die Zivilisierten, die „Gepflegten", die den anderen zeigen, was der Körper braucht: Malakofftorte? Noch ein Seiderl?

Dass Zugewanderte „unser" Leben eventuell nicht nur „kennenlernen", sondern auch daran teilnehmen, dass sie nicht nur „unsere" Spielregeln erfahren, sondern diese auch mitentwickeln wollen, lässt der Text nicht einmal erahnen.

Er versichert dafür den Lesern, dass Großfamilien in Spitalzimmern nie und nimmer gut sein können. Doch anstatt das Kind beim Namen zu nennen - dass sich einige Menschen belästigt fühlen, wenn der Bettnachbar zwanzig Menschen um sich versammelt, liegt auf der Hand -, wird der Besuchte vorgeschoben, dem die Zuneigung der Verwandtschaft „vielleicht schadet", der aber wohl zu dumm ist, das selbst zu beurteilen oder sich dagegen zu wehren.

Neue Reibungen

Mit dem Inserat will die Stadt ihren Bewohnern zeigen, dass sie ihre Steuern nicht umsonst zahlen, dass ein Teil davon einem reibungslosen Miteinander von Zugewanderten und hier Geborenen gewidmet ist. Gleichzeitig schafft sie neue Reibungen, indem sie vor allem eines mitschwingen lässt: Es seien immer die Zuwanderer, die sich daneben benehmen, die andere belästigen oder ungut auffallen. Und es seien meistens die hier Geborenen, die darunter leiden.

Fürs nächste Inserat ein guter Tipp: Man könnte das Parkschilder-Prinzip in die Werbung einführen  - und "unsere Spielregeln" schlicht und unkommentiert auflisten. Da dürften dann auch viele der „Unsrigen" viel Neues lernen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 2.1.2009)

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