Die Tücken lebender Objekte

2. Jänner 2009, 17:37
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Das Linzer Lentos hat sich einen Scherz erlaubt: Die Idealsammlung "Best of Austria" erweist sich als Provinzposse - Die Uraufführung einer hyperkuratierten Schau

Linz - Einer Kulturhauptstadt ist das Originellste gerade einmal originell genug. Auch Linz war sich das schuldig. Und also gelangte es pünktlich zum Einbruch des Kulturhauptstadtjahres 2009 zur Eröffnung einer Kunstausstellung, bei der endlich einmal nicht die ohnehin als schwierig, weil voller Ansprüche steckenden, Künstler im Mittelpunkt stehen, sondern jene, die sich jahrein, jahraus um die Kunstschaffenden bemühen: die Direktorinnen und Direktoren österreichischer Museen und Sammlungen. Sie alle waren durch Kulturhauptstadtintendant Martin Heller und Lentos-Direktorin Stella Rollig eingeladen, gemeinsam an "Best of Austria - Eine Ausstellung" zu werken.

Mit je drei Leihgaben ihrer Wahl konnten sie zeigen, was der "State of the Art" ist, und vor allem, wofür ihre Sammlungen und Häuser stehen. Und die Direktoren haben das mehr oder weniger Ernst genommen. Erste Ware hat jedenfalls kaum ein Haus nach Linz geschickt. Schließlich wollen auch die eigenen Häuser bespielt werden, oder sind dann doch Versicherung oder Transport zu teuer. Jedenfalls passt "Best of Austria" in nur einen Flügel des Lentos und zeigt sich als eine Art Wunderkammer in St. Petersburger Hängung.

Gerammelt voll erscheint der skurrile Einblick in die Seele der heimischen Direktoren auch deshalb, weil Filme und Videos eben ihre Dunkelräume brauchen, und die Architektin der Schau - Golmar Kempinger-Kathibi - dem schlichten Oberlichtsaal des Lentos einen verwinkelten Dachbodenausbau mit wehrhaften Querstreben eingeschrieben hat. In dem dann zur Ausstellung gebracht wird, was jeglichen Zusammenhangs entbehrt. Obwohl: Am Ufer von Franz Gertsch' "Schwarzwasser" könnte sich Deborah Sengls Löwin schon einmal als begehrte Beute entpuppen, Gelitins Guernica-Desaster passt auch nicht schlecht zu Franz Xaver Messerschmidts zweitem Schnabelkopf, und Gottfried Bechtolds Liebe zu versteinerten Porsches hängt auch irgendwie mit Maria Theresia und die wiederum mit einem Frühstücksservice zusammen.

Noch origineller, noch mehr im Sinn der Sache und viel viel konsequenter wäre es gewesen, gleich die Direktorinnen und Direktoren selbst auszustellen. Das wäre zumindest transporttechnisch günstiger gewesen und hätte zu einem noch viel größeren Palaver geführt. Nicht auszudenken, was Klaus Albrecht Schröder und Edelbert Köb und Peter Noever und Agnes Husslein-Arco und Wolfgang Kos und Sabine Haag und all die anderen moderiert von Heller/Rollig einander in fünf Monaten des Daseins als Exponat so alles an den Kopf geworfen hätten.

Eine vergebene Chance

Eine vergebene Chance ist es allemal und hätte auch eher jene Erwartungen erfüllt, die das Marketing zur Ausstellung vorweg geschürt hat. Hat das Lentos doch konsequent darauf verzichtet, die Namen jener Künstler bekanntzugeben, über die jetzt im Buch zur Schau auch gerade einmal Geburtsort und Jahrgang genannt werden. Dafür aber ist der Selbstdarstellung der eigenkreativen Leihgeber breiter Raum gegeben. Und Franz Schuh wiederholt Gedanken zu Österreich im Herbst als "Momentaufnahmen der Heimat" wärend Heller/Rollig sich fragen: "Die Sammlung, ein Spiel ?"

Bleibt bloß über, einiges zu vermissen. So fehlt schlichtweg der Wille, etwas zu behaupten, eine Aussage zu treffen, die anfechtbar ist. Stattdessen stellt Linz zum Auftakt seiner Selbstzurschaustellung Allerweltsfragen, stellt das Lentos sich als Kleinbühne für müde Kuratorenspäße vor, zeigt, dass es hierzulande nicht nur Egon Schiele gibt, aber schon sehr viel von ihm, kocht Erwin Wurm an Maria Lassnig, gibt Hirschhornharpunen aus dem Mesolithikum schließlich die selbe Chance auf Rampenlicht wie feschen Tirolern mit tollen Wärmern für ihre strammen Wadeln. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 03.01.2008)

Bis 10. Mai

  • Zeigt Linz den nackten Rücken: ein Werk ohne Titel von Christopher Williams aus der Sammlung Verbund Wien.
    foto: christopher williams

    Zeigt Linz den nackten Rücken: ein Werk ohne Titel von Christopher Williams aus der Sammlung Verbund Wien.

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