Ein Gespenst namens Stagdeflation geht um

2. Jänner 2009, 17:12
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Die Weltwirtschaft steht vor einer schweren Rezession, begonnen hat sie in den USA im Dezember 2007 - Von Nouriel Roubini

Die Weltwirtschaft steht vor einer schweren Rezession. Begonnen hat sie in den USA im Dezember 2007, sie wird mindestens bis Dezember 2009 dauern. Dies wäre die längste und tiefste US-Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg; der Gesamtrückgang des BIP könnte fünf Prozent überschreiten.

Die Rezession in anderen hochentwickelten Volkswirtschaften (der Eurozone, Großbritannien, Kanada, Japan, Australien, Neuseeland) begann im 2. Quartal 2008, bevor die Finanzturbulenzen von September und Oktober die globale Kreditklemme weiter verschärften. Dieser Abschwung ist seitdem sogar noch schlimmer geworden. Zugleich ist jetzt auch der Beginn einer harten Landung in den Schwellenmärkten zu erkennen: Die Rezession in den hochentwickelten Ländern, fallende Rohstoffpreise und Kapitalflucht fordern dem dortigen Wachstum Tribut ab.

Dies macht die Deflation und nicht die Inflation zur wichtigsten Sorge der Politik. Der Rückgang der Gesamtnachfrage bei gleichzeitigem Anstieg des potenziellen Gesamtangebots aufgrund übermäßiger Investitionen in China und anderen Schwellenmärkten wird zu einem steilen Rückgang der Inflation führen.

Schwache Arbeitsmärkte mit steigenden Arbeitslosenquoten sorgen für eine Begrenzung der Gehälter und Personalkosten nach oben. Weitere Rückgänge der Rohstoffpreise, die gegenüber ihren Höchstwerten vom Sommer bereits um 30 Prozent gefallen sind, werden diesen Deflationsdruck verstärken.

Die Politik wird sich über ein seltsames Gebilde namens "Stagdeflation" (eine Verbindung von wirtschaftlicher Stagnation/Rezession und Deflation) sorgen müssen, über Liquiditätsfallen (wenn die offiziellen Zinssätze so weit gen null gefallen sind, dass die traditionelle Geldpolitik ihre Wirkung verliert) und Schuldendeflation (den Anstieg des Effektivwertes nominaler Schulden, der das Konkursrisiko für in Zahlungsschwierigkeiten steckende Haushalte, Firmen, Finanzinstitute und Regierungen erhöht).

Wenn die traditionelle Geldpolitik an Wirkung verliert, werden unkonventionelle geldpolitische Instrumente erforderlich, die darauf abzielen, Liquidität und Kreditvolumen zu erhöhen. Zunehmend wichtig wird aber auch eine nicht traditionelle Fiskalpolitik (Ausgaben zur Rettung von Finanzinstituten, Kreditgebern und Kreditnehmern).

Hierbei wird die Rolle von Staaten und Regierungen im Bereich wirtschaftlicher Aktivität enorm ausgeweitet. Traditionell sind die Zentralbanken Kreditgeber letzter Instanz; nun jedoch entwickeln sie sich zu Kreditgebern erster und einziger Instanz. Denn wenn die Banken die Kreditvergabe untereinander und an die Unternehmen einschränken, werden die Zentralbanken zu den einzig verfügbaren Kreditgebern.

Genauso gilt, dass angesichts eines Zusammenbruchs des privaten Verbrauchs und der Investitionstätigkeit der Unternehmen die Regierungen bald die Einzigen sein werden, die Geld ausgeben, so die Nachfrage stimulieren und Banken, Firmen und Haushalte retten. Die Haushaltsdefizite werden in die Höhe schnellen - mit langfristig ernsten Folgen. Falls die Defizite von den Zentralbanken in Geld umgewandelt werden, folgt Inflation; falls sie über Schulden finanziert werden, könnte - sofern nicht mittelfristig wieder Finanzdisziplin hergestellt wird - die langfristige Solvenz einiger Regierungen auf dem Spiel stehen.

Trotzdem bedarf es kurzfristig sehr aggressiver - traditioneller wie nicht traditioneller - geld- und finanzpolitischer Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass die unausbleibliche Stagdeflation des Jahres 2009 sich nicht bis ins Jahr 2010 und darüber hinaus fortsetzt. Angesichts der Schwere dieser Wirtschafts- und Finanzkrise werden die Finanzmärkte eine Weile brauchen, um sich zu erholen. Die Abwärtsrisiken werden bleiben, bis es - gegen Ende 2009 - echte Anzeichen gibt, dass sich die Weltwirtschaft 2010 erholen könnte. (Nouriel Roubini, © Project Syndicate, 2008, Übersetzung: Jan Doolan, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.1.2008)

Zur Person

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business in New York.

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