Die polyphonen Stimmen von Arno Schmidt

2. Jänner 2009, 17:49
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Arno Schmidts "Zettel's Traum", gesprochen von Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma

Zettel's Traum von Arno Schmidt (1914-1979) mit seinen 1334 mehrspaltig beschriebenen Seiten im DIN-A-3-Format ist eines der Irrsinnsbücher des 20. Jahrhunderts. Dieses 1970 erschienene Buch ist eine Stimmenpolyphonie der Extraklasse. Binnenliterarisches, Joyce und, worauf der Titel verweist, natürlich Shakespeare, werden in diesem Bericht über einen Autor, der in der Lüneburger Heide lebt und fast einen Tag lang Besuch erhält von einem Ehepaar, das gerade Erzählungen Edgar Allan Poes übersetzt, bis zur logischen Unverständlichkeit vermischt und synchronisiert mit bitterbösen Bemerkungen über Kommunismus, Katholizismus, Poesie, Sprache sowie mit jeder Menge maskierter Monologe, Kalauer und anspielungsgespickter Exkurse.

Die über sonore Stimmen verfügenden Schmidt-Aficionados Joachim Kersten, Anwalt aus Hamburg, Bernd Rauschenbach, Geschäftsführer der Arno-Schmidt-Stiftung, und der Wissenschafter, Literaturwissenschafter und Mäzen Jan Philipp Reemtsma haben vor 20 Jahren die erste von mittlerweile 45 Live-Lesungen gegeben. Würde dieses Buch, bei dem Schmidt überdies noch eine bis zur Fast-Unlesbarkeit verzwirbelte Neuschreibung von Wörtern praktizierte, komplett eingelesen, käme man wohl auf 80 CDs. Klugerweise wählten die drei für diese Studioaufnahme den Beginn aus, eine Passage aus der Mitte und den Schluss. Unüberhörbar sind sie glänzend aufeinander eingespielt. (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.01.2009)

Arno Schmidt, "Zettel's Traum" . Sprecher: Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma. € 17,95 / 50 Minuten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008

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