In der Stille der Siesta

2. Jänner 2009, 17:50
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Auf der ersten Seite des Romans wird ein alter Mann umgebracht, der in einem Sessel sitzt und schläft: J. M. Guelbenzus "Stört den Mörder nicht"

Man weiß, wer der Mörder ist: Carlos Sastre, ein Sommergast im spanischen Badeort San Pedro del Mar, hat zum Rasiermesser gegriffen und dem einst prominenten Oberrichter die Kehle aufgeschlitzt. Nun kommt es darauf an, die Mordwaffe zu entsorgen und den Ahnungslosen zu mimen. Sastre gelingt das anfangs auch recht gut. Denn in der Stille der Mittagshitze, wenn alle Siesta halten, scheint ihn niemand gesehen zu haben. Der Leser beobachtet die Verwirrung und die Panik unter den betuchten Sommergästen. Mutmaßungen werden angestellt, Gerüchte machen die Runde, die Partys, zu denen traditionell reihum eingeladen wird, kennen nur ein Gesprächsthema: das unbekannte Motiv des Mörders.

Und genau darüber wird der Lesende im Unklaren gelassen. Kann man sich mit dem zum Äußersten getriebenen Mörder solidarisieren? Was hat der unbeliebte Richter - womöglich während des Franco-Regimes - verbrochen? Der spanische Schriftsteller J. M. Guelbenzu, bislang eher der anspruchsvollen Prosa und der Lyrik verpflichtet, hebt mit seinem ersten Krimi das Genre auf ein hohes Niveau. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens sind die inneren Konflikte des Täters und die irrationalen Reaktionen, die ihn zu verraten drohen. Hinzu kommt noch eine Romanze mit einer Femme fatale, aber die entpuppt sich als weit weniger fatal als das Dienstmädchen. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.01.2009)

J. M. Guelbenzu, "Stört den Mörder nicht" . Deutsch: Ulrich Kunzmann. € 20,60 / 298 Seiten. C. Bertelsmann, München 2008

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    foto: c. bertelsmann
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