Essen und schreiben - Gabriele Petricek

2. Jänner 2009, 17:08
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Wir krönten die aufgetischten Dinerbuffets mit nächtlichen Spaziergängen im Umkreis der autoleeren Landstraßen ums Anwesen

Diskutierten gehend über die Kandidaten der Demokraten.

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Ich habe einen Bruder in Amerika. James. Zum ersten Mal traf ich ihn am 29. Mai letzten Jahres auf einer Parkbank nahe Sheep Meadow im Central Park. Dort wartete ich auf Anja, bei der ich ein paar Wochen im Atelier in Chelsea wohnte. Anja kam nicht. Ein Flaneur mit Strohhut setzte sich nach kurzem Innehalten auf Armeslänge neben mich. Fragte nach der Zeit. Überrascht blickte ich ihn an und auf die Uhr. A quarter past five. Ob der Akzent europäisch sei? Ich lachte. Er lud mich ein, ihn am nächsten Tag um dieselbe Zeit an den Strawberry Fields auf Höhe der 72. Straße West zu treffen. Unsere kleine Unterhaltung war ins Deutsche gerutscht. Am übernächsten Tag flog ich zurück nach Wien.

Küchen haben etwas Heimeliges. Das Erste, was ich am 23. März 2007 an dem Ort, an dem ich zwei Monate bloß schreiben sollte, genauer kennenlernte, war die Küche. Nacht, ich konnte die Catskill Mountains über der weiten Landschaft draußen im Westen nicht sehen, hungrig war ich. In der Früh von Wien nach New York geflogen, am sechs Stunden verschobenen Spätnachmittag zur Penn Station, zwei Zugstunden up-state New York. Links die träge Fläche mit Positionslichtern, der Hudson, an dem entlang ich fuhr. Strahlend beleuchtete Brückenwerke zogen vorbei. Müde ergab ich mich dem Pfeifen der Eisenbahn, das ich aus amerikanischen Filmen kenne. Und von meinem letzten Aufenthalt in Amerika, meinem ersten, zwanzig Jahre davor.

Damals besuchte ich meine in Ridgefield, Connecticut, verheiratete Freundin Vera. Sie war Basis für die täglichen Ausflüge per Zug nach New York und später flog ich nach San Francisco und New Orleans. Und wieder nach New York. Überall suchte ich Kunstmuseen auf und betrachtete Architektur. Mein Spleen, am Handgelenk zwei bunte analoge Plastikuhren zu tragen, eingestellt auf Zeitzonen, die ich durchflog, unterschied die Städte. Niemand fragte nach der Zeit, wohl aber, warum zwei Uhren. In einer Stadt fragte man hin und wieder, da fiel es mir auf, in einer oft, und in einer nie. Die New Yorkerinnen trugen Reeboks oder Pumas zu ihren Business-Kostümen, ich wollte diese Marotte importieren, verwarf sie in Wien wieder. Trug keine Business-Kostüme.

Ich stieg vom Zug herunter. I'm Di Dablju, kreuzte einer meine Augen, die einen professoralen Typ als Direktor der Writers Residency fokussierten. Jung wie ein High-School-Student und sympathisch löste er mein kleines Problem. Wie spricht man jemanden an, der mit DW unterschreibt? Er brachte mich in die Küche und zeigte mir die Salons und die Bibliothek des Verlagsgründers, der die Villa 1860 erbauen ließ. Ich bezog ein Loft im Haus für Nichtraucher, in einem der zwei neuen Cottages nebenan - an der Tür standen mein Name und Austria, Fiction - und lauschte der Nacht. Hörte langgezogenes Tuten. Entfernt. Schiffe am Hudson? Trucks? Threehundred acres rolling fields da draußen, worauf viele Skulpturen weltläufiger Künstler stehen, wusste ich. Dann ging ich hinüber in die Küche und öffnete die Altartüren des Kühlschranks, der mit Gutem befüllt war. Wie die Bibliothek eben.

Zunächst waren wir sechs, später zwölf. Wir kamen aus Brattleboro, Paris, Rom, München, New York und Wien und krönten die aufgetischten Dinerbuffets mit langen nächtlichen Spaziergängen im großen Umkreis der autoleeren Landstraßen ums Anwesen. Diskutierten gehend über die Kandidaten der Demokraten. Über Republikaner redeten wir kaum, nur über den, der die letzte Wahl nicht gerade gewonnen hatte. Die Amerikaner setzten auf Obama, wir Europäer wollten Hillary. Je wärmer es wurde, umso lauter schallten die Nächte aus den Tümpeln und Teichen. Paarmal leuchtete ich mit der Taschenlampe tellergroße Kröten aus der symphonischen Quakophonie hervor. Ich blieb zurück oder ging voraus und mitunter sah ein singender Frosch aus, als würde er, an die Wand geworfen, als Prinz erstehen.

Essen, laufen, schreiben. Essen, schreiben, essen. Spazieren, schlafen. So war mein Tagesablauf. Einige fuhren bald ab und die Dagebliebenen begrüßten die Neuen aus Portugal, Indien, der Republik Kongo, Brooklyn, San Francisco, Boston, Mallorca, London und aus Leer. Dieser neue Deutsche übersetzte seinen Herkunftsort mit Empty, führte am Dinner-Table Deutschstunden ein und erklärte die amerikanischen Begriffe Kindergarten, Rucksack und Schadenfreude. Das Wienerische war meine Zuständigkeit.

Mitten in die Krötenkonzerte und die Schreibgeräusche läutete das Telefon in der Küche. Ich hob ab, weil ich da war. Easton, Pennsylvania, wollte mich sprechen. Es sei nicht so weit, hörte ich, der aus Österreich eingeladene Schriftsteller habe kurzfristig abgesagt. Ich sagte zu. Querte den Kontinent in einem Tag, sprang in Edmonton, Canada, beim Germanistenkongress ein. Sieben Germanisten pferchten sich mit mir, nachdem sie meinem Text gelauscht, worin ein Einsamer vom Berg in die Ebene strauchelt, in einen Amischlitten und wir fuhren in die Weiten der Prärie und der Wolken darüber. Fanden Spuren von Bisons, Exkremente im Schnee, die ich fotografierte, bis wir plötzlich vor einem Grüppchen der Wiederkäuer standen. Zu nah. Aber ließen uns rückwärts schreitend abziehen. In einem Unterstand streckte ich meine kaltnassen Stiefel in die Nähe des Kaminfeuers.

Schneestürme und Verspätungen. Von Edmonton nach Toronto, Flughäfen haben etwas Heimeliges, wenn man sie zum zweiten Mal betritt, von Toronto nach Albany, NY. Noch immer waren die Wiesen zu nass, um alle darin platzierten Skulpturen abzuschreiten. Als ich dann über die Felder ging, an den Beaver Pond und in die Back Woods kam, sah ich Werke von Tony Cragg, Carl Andre, Olafur Eliasson, Mary Ellen Carroll, Bernar Venet, DeWitt Godfrey, Joyce Burstein und all den anderen. Unvermittelt ich mir selbst gegenüber, mitten im Wald, beinah hineingerannt in eine zwischen Bäumen hängende Spiegelfläche. Gunshot Landscape von Margaret Evangeline. Das vielfach durchschossene Stahlpaneel generierte den Schlusspunkt der Novelle Von den Himmeln, an der ich schrieb.

Der Frühling färbte die Bäume unter meinen Fenstern weiß, knallgelb und rosa und schüttelte diese Farben ins Gras. Sechs von uns gaben eine Lesung in der naheliegenden Kleinstadt mit Opernhaus, und anderntags brachte der Register-Star ein Foto von mir auf der Titelseite. Als die selige Einförmigkeit die Schriftstellertage aneinanderzureihen begann, wie ein Ei dem andern, war plötzlich Abreise. Ich fuhr zu Anja nach New York und betrat erst die Stadt, die ich bei der Hinreise durchfuhr. Ich sah, die New Yorkerinnen tragen High-Heels zu Business-Kostümen, dachte, die Stadt ist sicherer als vor zwanzig Jahren. Dann fiel mir Sex and the City ein. Nie eine Folge gesehen. Ich ging durch Museen, Buchhandlungen, Häuserschluchten, den Central Park und traf Margaret Evangeline in ihrem Atelier im Starret-Lehigh-Building, das an der 26. Straße wie ein funktionalistischer Ozeandampfer am Hudson liegt.

Am vorletzten Tag in Amerika, als ich James zum zweiten Mal sah, fragte er, ob er mich küssen dürfe. Mir ging das zu schnell und ich schlug ihm vor, mein Bruder zu sein. Im Sommer zwei Tage in Wien hatte James Bauchschmerzen und trank Kamillentee beim Demel, lud mich ein, nach New York zu kommen. Ob seine Wohnung groß genug sei, fragte ich. Und flog in den Indian Summer nach Easton, Pennsylvania, gab Lesungen, plauderte videokonferenziell mit anderen Universitäten. Danach New York. James' Apartment nahe dem Museum am Central Park - weitläufig für eine fünfköpfige Familie. Keine Couch, bloß Sitzmöbel. Ein einziges Bett. Ob es mich störe, wenn wir zu zweit darin schlafen. Ich lachte. Die Küche aus den 60er-Jahren, makellos und unbenutzt, der Eisschrank voll mit Katzenfutter. Wir tranken Tee, aßen Kekse, gingen abends zum Essen aus, er schrieb Artikel über Architektur und Kunst, während ich durch Manhattan streifte, Freunde traf.

Am Sonntag im Bagelshop drehte ein Mann vor mir sich um, fragte, ob ich dran sei. Nein, er sei zuerst an der Reihe. Woher aus Europa ich käme, wollte er wissen. Ich erklärte es ihm beim Frühstückskaffee. Er heiße Daniel, sei Schauspieler, was ich mache und ob er mich zum Dinner einladen dürfe. Zum Lunch, meinte ich, und befürchtete, James würde ins selbe Bistro gehen. Dort fragte ich Daniel, wo er spiele. Als ich ihn später im Apple-Store googelte, erkannte ich, er hat seine Engagements vor mir heruntergespielt. War für einen größeren Award nominiert gewesen, hatte sich vor einiger Zeit von einer der Damen aus Sex and the City getrennt.
Ich ging zu James. Jasper und Phibi, die Katzen, bevölkerten unser Bett, in das wir uns zu viert geschwisterlich schmiegten. Am letzten Tag gingen wir in den Central Park zur Bank, auf der ich im Frühling saß. Wir küssten uns nicht. Ich solle wiederkommen, sagte James.

Mit DW habe ich um Hillarys Wahlsieg gewettet und verloren. Deshalb muss ich bald wieder nach Amerika reisen. Was meinen amerikanischen Bruder freut. Vor paar Tagen mailte er: die Katzen lassen Dich grüßen. Sie lieben Dich. Und ich schrieb zurück: Bloß die Katzen, James? (Gabriele Petricek, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.01.2009)

Zur Person:
Gabriele Petricek, geb. in Krems, ist ausgebildete Modedesignerin. Sie lebt als Schriftstellerin und Kunstkritikerin (jazzzeit) in Wien. Sie erhielt zahlreiche Auslandsstipendien und Preise für Literatur. Zuletzt erschien Zimmerfluchten, Erzählungen (2005) in der Literaturedition Niederösterreich.

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