Kulturgeschichte: Amazonen, Wracks und Gurus

2. Jänner 2009, 17:51
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Geradezu unanständig voluminös und von lustvoller Bösartigkeit: ein Kompendium der wichtigsten Narren der Kulturgeschichte

Man verzeihe dem Rezensenten: Er hat die tausend Seiten (noch) nicht ganz durchgelesen, zumal sie, hätte man sie in üblicher Buchform gesetzt, leicht das Doppelte ergeben würden. Hier ist ein Tausendsassa am Werk, der weder Tag noch Nacht kennt und auf Schlaf verzichten kann - wenn man nicht gleich ein Schreibkollektiv unter Anleitung eines Demiurgen vermuten will, was eine durchaus vernünftige Annahme wäre.

Ulrich Holbein heißt der autistisch-begnadete Fakten- und Kuriosasammler, der sein Narratorium vorlegt, ein Lexikon der angeblichen Narren, Clowns, Gurus, Freaks, Wracks und Snobs aus dreitausend Jahren: ein geradezu unanständig voluminöses Werk, das sich, wie sein Gegenstand, aller Einordnung entzieht.

Es sei gleich gesagt: Völlig zwecklos, in einem solchen Werk "fehlende Figuren" zu bemängeln oder Seiten und Zeilen zwischen den einzelnen Narren aufzurechnen. Hier geht einer, bereits "Autor von 900 Publikationen" (Klappentext) und - wer will da nicht beunruhigt sein? - gleichzeitig Verfasser einer ebenfalls gerade bei Haffmanns erschienenen vergleichsweise bescheidenen 634 Seiten starken Weltverschönerung, den verschlungenen Weg, den ihm Inspiration und närrische Laune eingeben.

So finden wir Jesus nicht unweit entfernt von Hitler; Franz Kafka bei John Harvey Kellogg, dem Erfinder der Cornflakes; den großen Dichter Jakob Michael Lenz gleich hinter dem "Psychonauten, Cyber-Visionären und LSD-Papst" Timothy Leary. Mit einer Ironie, die vordeutsch anmutet, also aus Zeiten der Fürsten- und Herzogtümer mit ihren verschrobenen Provinzgeistern aus Bamberg, Buxtehude oder Weimar - Goethe wäre eine interessante Narrenfigur gewesen, die Holbein jedoch auslässt -, verfasst der Lexikant und Narrologe jeweils die Curricula Vitae seiner Opfer oder Brüder und Schwestern im Geiste, je nachdem.

Klaus Kinski, zum Beispiel, wird abgestraft durch detaillierte Schilderung seiner Kopulationen, für die der "Bürgerschreck, Erotomane, Sexmaniac" nur einen Begriff kannte, der mit F beginnt und mit Reibung zu tun hat. Joseph Beuys, "Filzkünstler und Baumförderer", wird leidenschaftslos und umso wirkungsvoller durch verhältnismäßig sachliche Behandlung blamiert: Hier genügen die Fakten schon, scheint sich Holbein gesagt zu haben. Sympathie seinen Narren gegenüber kann auch vorkommen (Jesus, einige Araber und Asiaten, Arno Schmidt, Oscar Wilde), doch in der Regel wird ihre menschliche und allzu menschliche Seite auf eine Weise hervorgekehrt, die die Fallhöhe zwischen dichterischem Anspruch und kruder Wirklichkeit augenfällig macht.

Rilkes Vater, "ein Eisenbahner, in den der wachsbleich verweichlichte Sohn einen Aristokraten hineinzudeuten strebte" ; Rilke selbst, Kadett und "Schreiber im Weltkrieg" , unter Waschzwang und "aufgrund einer Verwachsung" an schmerzhaften Erektionen leidend (woher Holbein solche Details hat?), mit rauchenden Öfen kämpfend usw. Ein Rilke zum Anfassen - und ein Handke, wie könnte er fehlen, zum ... Anpinkeln, anders kann man es nicht sagen.

Aber grandios: "Sah er im Gebüsch einen weißen Ball liegen, dünkte ihm der Tag bereits geglückt." Schlimm: "Obwohl Denken nicht sein Ding war, tat er's oft." Am schlimmsten, nämlich fürchterlich ordinär-monetär: "Österreich und Marbach zahlten ihm 2007 für ein Paar Manuskripte über eine Million Euro." Ob das wohl stimmt, oder kommen da Klagen auf den Narranten zu? Ungerecht ist das natürlich schon gegenüber einem Autor mit der "Fähigkeit zur sentimentalen Aufladung ontologischer Kindheitsutopien" , bösartig und hässlich - aber eben auch ein köstlich humoriges Lesevergnügen.

Partei ist Holbeins Programm, Verarschung noch das Harmloseste, was man über gewisse Einträge sagen kann. Er lässt gleichmütig mehr oder weniger allen dieselbe Ungerechtigkeit widerfahren. Manchmal tut er dabei des Schlechten zu viel, etwa wenn er sich selbst als Uliversum Unwiederholbein - mit angekündigtem Todesjahr: 2009 - persifliert. Aber richtig schätzt er die Untugenden auch in seinem eigenen Fall ein: "Er erstickt an aufgeblähtem Wissen, an überdrehter Geschwätzigkeit." Indes kann man in seinem Fall die Mode, dem Lektorat mangelnde Streichlust vorzuwerfen, nicht anwenden: Wer hätte da wo und warum etwas streichen sollen? Auch Überbordung ist Holbeins Programm.

Wer sich also nicht gleich erdrücken lassen will - aber oft ist es eine Wohltat -, blättert herum und liest die kürzeren Einträge oder auch nur die jeweils am Ende angefügten Zitate. Best of best: "Das Gras wächst, die Vögel fliegen, die Wellen rauschen, ich schlage Leute zusammen." (Muhammad Ali). "Wenn ich ins Paradies käme, würde ich vor Freude sterben." (Ata As-Salimi). "Er ritt hin, und sein Pferd ging zu Fuß." (Jean Paul)

Eine Marotte Holbeins allerdings ist es, fiktive Figuren als Narren in das Lexikon aufzunehmen: Grass' Trommler Oskar Matzerath, Pippi Langstrumpf, Perry Rhodan usw. Es lässt sich auf sie nicht immer dasselbe Prinzip anwenden wie auf reale Figuren. Die Parodien etwa fallen dahin, oft auch die Zitate, vor allem aber die lustvolle Bösartigkeit, die sonst die Einträge kennzeichnet. Wie soll man auch Pippi Langstrumpf oder Perry Rhodan böse sein?

Aber vielleicht gehört auch das zu Holbeins Prinzip, das er selbst treffend und ewig gültig charakterisiert hat: "Ich laufe meilenweit für einen Umweg." (Dante Andrea Franzetti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.01.2009)

Ulrich Holbein, "Narratorium" € 41,- / 1008 Seiten. Ammann, Zürich 2008

  • Artikelbild
    cover: amman
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