"Marktversagen im Finanz­sektor ist epidemisch"

2. Jänner 2009, 17:17
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Karl Aiginger im Interview über irrationale Schwankungen im modernen Kapitalismus und Schwächen des wiedererstarkten Keynesianismus

STANDARD: Haben Sie erwartet, dass die Finanzkrise so schlimm wird?

Aiginger: Absolut nicht. Es hat jeder unterschätzt, wie hoch die gegenseitige Abhängigkeit heute ist. Und dann wie tief das Misstrauen wurde, als man sah, dass auch andere faule Kredite und unkalkulierbare Risiken versteckt hatten. Derzeit versuchen alle, gleichzeitig wieder auf die sichere Seite zu kommen.

STANDARD: Ist die neoliberalistische Vorstellung von der Marktwirtschaft, die angeblich Wohlstand schafft, indem man sie vor sich hin werken lässt, erledigt?

Aiginger: Man ist mit dem Vertrauen in die unregulierte Marktwirtschaft sicher zu weit gegangen - nicht mit der Deregulierung, sondern mit der Nicht-Regulierung. Irrationale Schwankungen gibt es auch in der Politik und Ökonomie, nicht nur auf Finanzmärkten.

STANDARD: So genannte Innovationen des Finanzsektors haben nicht, wie es die reine kapitalistische Lehre sieht, das System weitergebracht, sondern fast zerstört.

Aiginger: Sie haben schon beides getan: etwas weiter gebracht und dann alles überdreht. Denn das Wachstum der Weltwirtschaft um 25 Prozent in fünf Jahren, der rasche Aufholprozess des Ostens und die Wunder in China, Indien und Südamerika wäre ohne globalisiertes Finanzsystem und den Boom bei Direktinvestitionen nicht eingetreten. Trotzdem hat man sich jeweils nur um heimische Risiken gekümmert. In Europa haben sich sicher 3000 hoch spezialisierte Leute mit dem Sektor beschäftigt - wenn man alle volkswirtschaftlichen Abteilungen der Notenbanken und der Finanzmarktaufsichten in 27 Ländern zusammenzählt. Es zeigt auch, wie schwierig die Regulierung ist: Da schaffen die besten Köpfe in den Banken Innovationen, und die weniger Erfinderischen, die guten Notare, gehen in die Kontrollbehörden.

STANDARD: All die tollen Köpfe sind sensationell hoch bezahlt worden.

Aiginger: Die hohe Bezahlung von Managern ist aus der Theorie entstanden, wonach der Kapitalismus daran leiden würde, dass Eigentümerinteressen nicht mehr durchsetzbar sind, weil Manager zu wenig auf Gewinn und zu viel auf Umsatzziele, Größe und Belegschaft schauten. Deswegen hat man Bonuszahlungen und Stock Options erfunden. Im kleinen Ausmaß war das auch gut. Aber weil man die Optionen jedes Quartal ziehen konnte, wurde die Bedeutung der Quartalsgewinne wahnsinnig hoch. Und dann gab man Anreize dafür, dass Manager den Markt schlagen. Wenn zehn Prozent gegen den Markt gewinnen, müssen andere zehn Prozent verlieren. Wenn alle den Markt schlagen wollen, kommt man auf die Idee, den Markt in Grauzonen zu erweitern.

STANDARD: Falsche Anreize waren das Marktversagen?

Aiginger: Nicht nur. Grundsätzlich ist ein Marktversagen im Finanzsektor epidemisch. Deswegen gibt es seit Menschengedenken eine Regulierung. Diese war auf dem Schutzinteresse aufgebaut: Geschützt werden mussten nicht die Investmentbanken oder die Hedgefonds sondern die Sparer. Man hat geglaubt, wenn die mit Milliarden spielen wollen, sollen sie das tun. Was man nicht berücksichtigt hat, ist, dass das Risiko auch auf den kleinen Sparer übergehen kann.

STANDARD: Mit voller Wucht.

Aiginger: Die Finanzkrise hat jetzt alle Probleme aufgedeckt: die verfehlte Modellpolitik der US-Autoindustrie, die überbordende Baukonjunktur in Spanien, Leistungs- oder Budgetdefizite im Osten, Landflucht in China - kein Problem, wenn die Wirtschaft um zehn Prozent wächst. Was ist bei zwei Prozent? Bei längerer Krise könnten auch politische Unruhen auf uns zukommen - in Osteuropa, im Kaukasus, in Indien, Pakistan.

Standard: All das wegen einer Blase auf dem US-Häusermarkt. Erschreckt Sie das nicht?

Aiginger: Ja. Wir müssen uns überlegen, wie wir so starke Übertragungen aus dem Finanzsystem künftig verhindern können. Für uns wäre etwa eine antizyklische Hinterlegungspflicht wichtig: Die Banken sollten in der Hochkonjunktur mehr Reserven anlegen müssen als in der Rezession. Es ist der beste Zeitpunkt für eine Finanztransaktionssteuer. Ich bin aber dagegen, Innovationen und Derivate ganz zu verbieten.

STANDARD: Die beiden am meisten kapitalistischen Regimes, die USA und Großbritannien, könnten so ihre Budgetdefizite finanzieren.

Aiginger: Ich freue mich, dass diese Länder jetzt den Keynesianismus entdeckt haben, aber sie werden auch ein Finanzierungsproblem bekommen.

STANDARD: Was halten Sie von all den staatlichen Hilfspaketen?

Aiginger: Der Ersatz der privaten Nachfrage durch die staatliche ist das Gebot der Stunde. Ich bis sehr froh, dass sich Pragmatismus und nicht Ideologie durchgesetzt hat. Sonst wäre die Krise ärger. Ich würde aber nicht alle verdammen, die beim Keynesianismus vorsichtig sind. Für die Feinjustierung ist er sehr schwer einzusetzen, das sieht man bei den traditionellen Konjunkturmaßnahmen - mit Investitionen in Straßenbau, Bahn. Die Implementierung dauert ein Jahr. Und in der Hochkonjunktur spart niemand.

STANDARD: Die Wirtschaftsforscher wurden zuletzt kritisiert, sie hätten die Krise nicht kommen sehen.

Aiginger: Ich habe im Oktober zuerst Sturm- und dann Orkanwarnung gegeben. Vor dem Kassasturz der Regierung habe ich eine zweite Prognose abgegeben, mit einem Minus für 2009, als keine einzige europäische Prognose im Minus war. Unabhängig davon habe ich schon im Herbst gesagt, als noch die Inflation das größte Problem schien, es sei die Zeit für Konjunkturpakete und für das Vorziehen eines Teils der Steuerreform.

STANDARD: Sind Sie von der Regierung gebeten worden, nicht allzu pessimistisch zu sein?

Aiginger: Nein. Es haben uns einige Unternehmer geraten, alles nicht noch schlechter zu reden. Die Zahlen (BIP-Rückgang 2009: 0,5 Prozent, Anm.) deuten auf eine moderate Krise hin, die Analyse zeigt, dass es auch schlimmer werden kann. Frei nach Barack Obama: Es wird schlechter werden, bevor es besser wird. Aber jeder, der in der Krise gut investiert, hat nachher einen Wettbewerbsvorteil. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.1.2009)

Zur Person

Karl Aiginger (60) leitet seit 2005 das Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

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    foto: christian fischer

    Karl Aiginger

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