Ursachen von Alterschwerhörigkeit im Gehirn

2. Jänner 2009, 12:42
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Nicht die Ohren sind schuld, sondern das Gehirn reguliert die eingehenden Signale und dieser Regler schwächelt im Alter

New York - Viele Menschen kennen das Problem: Man geht zu einer Party, will sich nett unterhalten - und im lärmenden Getöse sind nur einzelne Wortfetzen des Gesprächspartners zu verstehen. Dieses sogenannte Cocktailparty-Problem beruht nicht immer auf der lauten Geräuschkulisse, und auch die Ohren können oft nichts dafür. Schuld sei eher das Gehirn, glaubt Robert Frisina von der Universität Rochester.

Denn das Denkorgan verfügt dem Hirnforscher zufolge über eine Art Dimmer, der die durch die Ohren eingehenden Signale reguliert. Dieser wichtige Regler schwächelt mit zunehmendem Alter. Dies erklärt, warum viele ältere Menschen schon in einer gesprächigen Kaffeerunde mit dem Zuhören heillos überlastet sind. Altersschwerhörigkeit ist keineswegs selten, betroffen ist etwa jeder dritte Senior im Alter zwischen 65 und 75 Jahren. Das Cocktailparty-Problem kann ein erstes Zeichen davon sein.

Funktion des Dimmers

Langsam entschlüsseln Forscher die verschiedenen Ursachen des Phänomens. Grundsätzlich empfängt das Gehirn nicht nur passiv Signale von den Ohren, sondern gibt diesen auch aktiv Rückmeldung. Wird etwa der Geräuschpegel zu laut, sendet der Dimmer-Schaltkreis den Ohren das Signal, den Reizfluss an das Gehirn zu drosseln.

So reguliert das Gehör etwa extremen Lärm, der ansonsten verzerren würde wie der plärrende Lautsprecher eines bis zum Anschlag aufgedrehten Radios. Und auch weil Umgebungsgeräusche meist eine andere Tonfrequenz haben als Sprache, kann ein funktionsfähiger Dimmer ablenkende Laute gut herausfiltern. "Ich glaube, der Dimmer spielt eine bedeutende Rolle", sagt Frisina.

Noch mit einem weiteren Trick sorgt das Gehirn dafür, dass Menschen auf einer Party ihren Gesprächspartner besser verstehen als etwa dessen Nachbarn, der sich ebenfalls lautstark unterhält. Da man sich bei einer Unterhaltung seinem Gegenüber zuwendet, erreichen dessen Laute beide Ohren mit fast identischer Lautstärke. Auch diesen Umstand nutzt das Gehirn, um wichtige Reize von Störendem zu trennen.

Veränderungen im Alter

Schon vor Jahren fand Frisina heraus, dass der Dimmer mit dem Alter an Wirkung einbüßt. Dieser Verfall setzt oft schon im mittleren Lebensalter mit 40 bis 50 Jahren ein und verschlimmert sich dann mit der Zeit. Bei Mäusen entdeckte der Forscher das gleiche Problem. Ursache sind vermutlich Veränderungen auf der Oberfläche der Nervenzellen in diesem Dimmer-Schaltkreis. Der Forscher glaubt, dass diese Veränderungen letztlich auch das Innenohr in Mitleidenschaft ziehen.

"Frisinas Arbeit zeigt, dass der Dimmer einer der wichtigen Faktoren sein muss", sagt der Mediziner Charles Liberman von der Universität Harvard. Ein weiteres Stück des Puzzles liegt im Innenohr, wo Geräusche zu Nervenreizen umgewandelt werden. Um die Schallwellen zu erfassen, sind dort bestimmte Zellen mit feinen Härchen ausgestattet. Diese Haarzellen nehmen im Alter ebenfalls Schaden, leiden aber auch dann, wenn man sich viel Zeit in lauter Umgebung aufhält, weshalb manche Rockmusiker halbtaub sind.

Murmeln statt deutlicher Sprache

Bei Problemen dieser Zellen wird es mit dem Verstehen bei einer Geräuschkulisse schwierig. Dann entgehen dem Zuhörer etwa hohe Tonfrequenzen, wie sie für bestimmte Konsonanten typisch sind. "Man hört statt deutlicher Sprache ein Murmeln", erläutert Anne Oyler vom Amerikanischen Verband für Sprache und Hören.

Bis die Ursachen der Altersschwerhörigkeit geklärt sind, können die Betroffenen selbst das Problem nur lindern. Oyler rät, bei einer Unterhaltung den Sprecher direkt anzuschauen: So lassen sich auch aus der Mimik Rückschlüsse auf verpasste Sequenzen ziehen. Vor allem aber sollte man das Problem nicht verheimlichen, sondern den Gesprächspartner bitten, eine ruhigere Umgebung aufzusuchen. "Auch Menschen mit normalem Hörvermögen können andere bei Lärmkulisse schwer verstehen", sagt Oyler. "Man kann doch einfach sagen: Ich habe Probleme, Sie zu hören. Ich will wissen, was Sie mir sagen möchten."(Von Malcolm Ritter/AP/APA)

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