Trotz Krise: Mehrheit der Österreicher optimistisch

1. Jänner 2009, 18:48
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Arbeitslosigkeit hin, Wirtschafts­krise her - allen bösen Vorzeichen zum Trotz sehen die Österreicher insgesamt mit Zuversicht ins neue Jahr

Werner Beutelmeyer, der Chef des Linzer market-Instituts, konnte es erst gar nicht glauben: Auf die Frage, ob sie "auf das Jahr 2009 alles in allem mit Optimismus und Zuversicht" blicken oder eher pessimistisch sind, sagten in der Dezember-Umfrage für den Standard 61 Prozent, dass sie Optimisten sind. Nur 14 Prozent sind Pessimisten, 26 Prozent unschlüssig.

Beutelmeyer stellt die Frage regelmäßig, wenigstens quartalsweise - und er ist kräftige Ausschläge gewohnt: "Als wir am 29. September, zwei Tage nach der Nationalratswahl, mit einer vergleichbaren Fragestellung gefragt haben, ob man die nächsten Monate eher mit Optimismus sieht, da haben sich 50 Prozent als Optimisten und 20 Prozent als Pessimisten erklärt. Und ich hätte vermutet, dass das eher in dieselbe Richtung weitergehen wird."

Dass das in der Umfrage für den Standard anders gekommen ist, liegt nicht nur am Befragungstermin zwei Tage vor Heiligabend: "Diese Erklärung war unbefriedigend, das Ergebnis hat mir keine Ruhe gelassen, und ich habe die Frage bei einer Umfrage in dieser Woche noch einmal gestellt. Wieder 60 Prozent Optimisten. Man kann also sagen, dass die Stimmung der österreichischen Bevölkerung viel zuversichtlicher ist, als es die Nachrichtenlage erwarten ließe", sagt Beutelmeyer.

Es zeige sich nämlich ein Schwenk in der Wahrnehmung: Im zweiten und dritten Quartal des Jahres 2008 waren Teuerung und hoher Benzinpreis wichtige Themen - "und das geht den Österreichern offenbar näher als die düsteren Wirtschaftsprognosen".

Der Optimismus wird besonders stark von weiblichen Befragten (64 Prozent), von der ländlichen Bevölkerung sowie den Berufstätigen getragen - und er steigt mit dem Bildungsstand der Befragten.

Skepsis gegenüber Prognosen

Gerade die höher Gebildeten trauen den negativen Prognosen nicht. Eine weitere Aussage der Umfrage lautete: "2009 wird ähnlich wie die letzten Jahre und alles in allem gut laufen" - alle zuletzt in den Medien zitierten Experten und Politiker würden dem mehr oder weniger heftig widersprechen, nicht aber die österreichische Bevölkerung, die immerhin zu 47 Prozent annimmt, dass das neue Jahr so ähnlich wird wie die vergangenen.

Junge Befragte ebenso wie Befragte mit mindestens der Matura als höchstem Bildungsabschluss stimmen aber überdurchschnittlich stark zu: Sie erwarten nichts außergewöhnlich Böses vom Jahr 2009.

53 Prozent der Bevölkerung - hier vor allem die älteren Befragten - meinen ausdrücklich, dass man sich "keine ernsthaften Sorgen machen muss".

Wobei das natürlich relativ ist und davon abhängt, worüber sich der Einzelne eben Sorgen macht. Ebenfalls 53 Prozent erwarten eine schwere Wirtschaftskrise, nur sehen sie sich selbst nicht als Betroffene (nähere Erklärung im Kasten "Arbeitsplätze: Für die meisten keine persönliche Sorge").

Nur eine eindeutige Minderheit von 40 Prozent erwartet, dass sich die weltweite Krise der Finanzmärkte in diesem Jahr wieder beruhigen wird. Immerhin 29 Prozent gehen davon aus, dass es in Österreich zu Bankenzusammenbrüchen kommen wird - "aber auch davon fühlen sich viele nicht so stark betroffen, man erwartet, dass das eigene Geld reichen wird", erklärt Beutelmeyer.

Zwar sagen auch in der aktuellen Umfrage 31 Prozent, dass sie sich im kommenden Jahr weniger leisten werden können, aber dies ist für Beutelmeyer ein nicht so erschreckender Wert: Im September war die Stimmung in dieser Hinsicht viel schlimmer, da meinten vier von fünf Österreichern, sich in den nächsten zwölf Monaten weniger leisten zu können.

Gedämpfte Hoffnungen

Diese Fragen sind nicht nur für die Wirtschaftsentwicklung wichtig, sie betreffen auch die Politik. daher ließ der Standard abfragen, ob die Österreicher folgender Aussage zustimmen können: "2009 wird die SPÖ-ÖVP-Koalition viele anstehende Fragen lösen und den Österreichern Stabilität und Sicherheit vermitteln". Dem können selbst die größten Optimisten nur mit Vorbehalt zustimmen - nur ein Viertel der Wahlberechtigten traut der Regierung das zu.

Und wird es dafür einen Denkzettel bei den Landtagswahlen geben? Auch der entsprechenden Aussage stimmt nur ein knappes Viertel zu - am ehestens die erklärten Anhänger von FPÖ und BZÖ.

Etwa jeder zehnte Österreicher hält die Koalitionsparteien für nicht genügend vorbereitet auf das neue Jahr - für die anderen Parteien sieht es (wie in der Grafik dokumentiert) aber noch schlechter aus. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2009)

AUßENPOLITIK: Hohe Erwartungen an Barack Obama

Zweieinhalb Wochen noch, dann haben die USA einen neuen Präsidenten - und die Erwartungen, die an Barack Obama festgemacht werden, sind hoch. Auch unter den Österreichern. market legte in seiner Umfrage zum Jahreswechsel das Statement vor: "2009 wird es durch Barack Obama deutliche Entspannung der weltweiten politischen Konflikte geben."

Dem stimmten 52 Prozent der Befragten zu. Männer (56 Prozent) sind in diesem Punkt deutlich hoffnungsfroher als Frauen (48 Prozent) - die höchsten Erwartungshaltungen hegen die Angehörigen der mittleren Alters- und der mittleren Bildungsschicht. Übrigens: Wer allgemein pessimistisch ist, erhofft besonders viel von Obama.

EUROPA: Frauen sehen wichtige Rolle der EU in der Welt

Die Wirtschaftskrise der vergangenen Monate hat es schon gezeigt: Die europäischen Institutionen erscheinen in schwierigen Zeiten in einem milderen Licht.

Das belegt auch die aktuelle market-Umfrage, in der die Befragten mit der Aussage konfrontiert wurden: "2009 wird die EU eine wichtige Rolle in der Weltpolitik spielen."

Diese Erwartung teilen 43 Prozent der Österreicher - wobei die Frauen mit 47 Prozent eine weitaus höhere Erwartung hegen als die männlichen Befragten (39 Prozent). Sehr deutlich ausgeprägt ist der Blick auf die weltpolitische Rolle der EU bei Selbständigen und Freiberuflern, sehr gering unter Anhängern von SPÖ und FPÖ.

ARBEITSPLÄTZE: Für die meisten keine persönliche Sorge

"Wie beurteilen Sie den eigenen Arbeitsplatz für 2009? Haben Sie Angst, Ihren Arbeitsplatz zu verlieren, oder sehen Sie Ihren Arbeitsplatz nicht gefährdet?" Bei dieser Frage winken die 236 Berufstätigen unter den 400 Befragten beruhigt ab: 57 Prozent machen sich "ganz und gar keine Sorgen".

Nur drei Prozent geben "sehr große Sorgen" an, sieben Prozent "Sorgen" und 30 Prozent eher "weniger Sorgen". Die geringsten Sorgen machen sich Berufstätige der höchsten Bildungsschicht - und jene, die in größeren Städten leben. Dennoch erwarten 53 Prozent (in einer anderen Fragestellung) insgesamt einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit - am wenigsten Angst haben ÖVP-Anhänger.

UMWELTSCHUTZ: Trotz Krise bleibt das Klima ein wichtiges Thema

In Krisenzeiten gibt es regelmäßig eine Umreihung von Prioritäten: Wenn Umweltkrisen - wie das Waldsterben oder der Atomunfall von Tschernobyl - auftreten, wird Wirtschaftswachstum für weniger wichtig gehalten; kommt aber das Wirtschaftswachstum unter Druck, ist man vielfach bereit, den Umweltschutz hintanzustellen. Und diesmal? Der Standard ließ den repräsentativ ausgewählten Befragten die Aussage vorlegen: "2009 wird Umwelt- und Klimaschutz an Bedeutung verlieren."

Dem stimmten nur 29 Prozent zu - Frauen, die in Umweltfragen traditionell kritischer sind, allerdings zu 36 Prozent. Besonders hoch ist diese Befürchtung auch in städtischen Ballungsräumen.

STEUERENTLASTUNG: Nur eine Minderheit macht sich Hoffnungen

Im Wahlkampf wurde sie versprochen. Und im Regierungsprogramm vereinbart. Und in der Regierungserklärung verkündet. Und natürlich immer wieder vom neuen Finanzminister Josef Pröll in Aussicht gestellt. Aber in der Vorstellungswelt ist die Steuerreform, die doch breite Schichten entlasten sollte, nicht angekommen. Der von market vorgelegten Aussage "2009 wird es eine für mich persönlich spürbare Steuerentlastung geben" stimmten nur neun Prozent der Befragten zu - in den eigentlich zu entlastenden Haushalten mit vier und mehr Personen erwarten gar nur sechs Prozent eine Steuerentlastung. Die höchsten Erwartungen (16 Prozent) haben die am höchsten Gebildeten.

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    grafik: der standard
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