Linz bleibt Linz, wie es singt und kracht

1. Jänner 2009, 18:34
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Rund 130.000 Besucher hoben mit der "Raketensinfonie" ins neue Jahr ab - Linz wurde zur Partyzone erklärt - wenn auch mit Einschränkungen

Linz - Der Auftakt zum Kulturhauptstadtjahr war durchaus hölzern. Bereits neun Stunden vor dem offiziellen Marschbefehl in Richtung Linz09 starteten rund 70 Arbeiter die "Standard Time" an der Donaulände. Im Minutentakt wurde eine Digitalanzeige aus Holz händisch "adaptiert". Zunächst nur vor den Augen einer überschaubaren Feier-Gemeinde. Denn während das offizielle Österreich zuerst beim Linzer Bürgermeister Franz Dobusch (SP) im Alten Rathaus vorstellig wurde, um sich dann in Richtung Brucknerhaus zur großen Eröffnungs-Gala zu bewegen, dürften etliche Linzer noch die Fondue-Gabeln im warmen Eigenheim der Sektflöte bei minus acht Grad vorgezogen haben.

"Linz verändert" lautet das Kulturhauptstadt-Motto. Und dennoch war zunächst alles beim Alten. Das Who is Who aus Kunst und Politik, feinster Zwirn, gediegene Musik, Speckknödel mit warmem Krautsalat - beim Auftakt im Brucknerhaus war auf den ersten Blick nicht viel Veränderung zu spüren. Und doch war vieles auf den zweiten Blick anders. Um in der Kulinarik zu bleiben: Auch die berühmte "Linzer Torte" ist beim ersten Bissen staubtrocken (Mürbteig), später entspannt Ribiselmarmelade die Geschmacksnerven.

Ähnlich die von Landestheater-Schauspieler Karl M. Sibelius moderierte Gala: Die vorab trockene Stimmung versüßte ein lockeres Programm. Dennoch muss der Abend für die versammelten Politiker besonders schwer gewesen sein. Denn zu Wort kam, bis auf Bundespräsident Heinz Fischer, keiner. Aber zumindest waren unter anderem Landeshauptmann Josef Pühringer und der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch im Bild - für den Unterton sorgte allerdings in bewährter Form das Synchronkabarett-Trio maschek. Präsentiert wurde anhand alter Filmaufnahmen eine gelungene "Fälschung" der Stadtgeschichte. Linz als eine nach dem Zweiten Weltkrieg "geteilte Stadt", die erst durch die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt "frei" wird. Übrige Politiker-Statements wurden zu einem Cocktail gemixt und von Burgschauspielerin Elisabeth Orth wohldosiert serviert.

Stahlstadt-HipHop

Während die Hautevolee im Brucknerhaus noch den offiziellen Anschnitt einer Linzer Torte beklatschte, heizten im Zentrum bereits "Stahlstadt-Kinder" wie die Linzer Hip-Hopper "Texta", "Attwenger" oder Louie Austen einer deutlich größeren Publikumsmenge ein.

Spätestens gegen 23 Uhr war dann klar: Linz hat sich zumindest an diesem Abend verändert. Statt der silvesterüblichen 50.000 Besucher stürmten rund 130.000 Menschen die Innenstadt. Und der Dresscode des Abends war auffällig und praktisch zugleich: pinkfarbene Linz09-Handschuhe. Nach den Schlägen der Pummerin und ein bisschen Dreivierteltakt dann das eigentliche Highlight der Nacht: Die "Raketensinfonie". Ein aus mehreren hundert Personen aus Linz und Umgebung bestehender Chor, verstärkt um 16 Solisten des Chors The Shout, trat in den Dialog mit einem Feuerwerk. Das neue Ars Electronica Center bot dabei, dank leuchtender Hülle, die ideale Kulisse für das Spektakel.

Zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung am Höhepunkt und die Nacht noch jung. Der letzte Funke am Himmel war noch nicht verglüht, da zog es die Massen bereits in Richtung Altstadt. Doch dort fand sich einer der wenigen Wermutstropfen an diesem Abend. Neben den rasch überfüllten Party-Locations, etwa im Gebäude der Kunstuni, gingen in etlichen Lokalen die Lichter an diesem Abend nicht einmal an - Weihnachtsurlaub. Linz verändert sich, so manches wird immer gleich provinziell bleiben. Ein Blick auf die Silvesterbilanz zeigt aber, dass manch einer Linz zum Jahreswechsel überhaupt gemieden hat. So besuchten 650.000 Wiener den Silvesterpfad. Kollektives Walzertanzen gab es am Graben, als einer der Höhepunkte stellte sich dabei das offizielle Feuerwerk heraus, das um Mitternacht an der "Außenstelle" Prater abgebrannt wurde.

Nucki statt Böller

Ob Linz, Wien oder sonst wo, Hasan Cal dürfte der Start ins neue Jahr ziemlich egal gewesen sein. Der Bub erblickte 47 Sekunden nach Mitternacht in Wien das Licht der Welt und ist damit das Neujahrsbaby 2009. Platz zwei teilen sich Burgenland und Tirol: Eine Minute nach Mitternacht wurden im Krankenhaus Oberwart Zwillingsschwestern geboren. Anna kam um 0.01 Uhr, Samara um 0.02 Uhr. Und um 0.01 Uhr wurde in Kufstein Lion Noël geboren. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 2. Jänner 2009)

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    Kein Brandalarm, sondern der Auftakt für Veränderungen: Das Linz09-Feuerwerk vor dem neuen Ars Electronica Center.

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