"Teilweise Renationalisierung wird wahrscheinlicher"

1. Jänner 2009, 17:05
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Halten Rubelabwertung und Liqui­ditätskrise an, fallen Konzern-Anteile von Oligarchen wieder an den Staat, glaubt Russland-Kenner Gerhard Mangott im Gespräch

STANDARD: Gegen die Schockwellen von der Wall Street waren nicht einmal die Reichsten der Reichen in Russland gefeit. Warum?

Mangott: Die großen russischen Unternehmen sind hoch verschuldet; die Expansion der letzten Jahre wurde nur über Kredite finanziert. Zwar ist die Staatsverschuldung Russlands in den letzten acht Jahren stark gesunken - von 156 Mrd. Dollar im Jahr 2000 auf nun etwa 33 Mrd. Dollar. Die Unternehmensverschuldung ist aber dramatisch gestiegen. Die Außenverschuldung der russischen Unternehmen beträgt mehr als 520 Mrd. Dollar.

STANDARD: Warum ist das plötzlich ein Problem?

Mangott: Zum einen sind diese Hartwährungskredite wegen des relativen Wertverlustes des Rubel jetzt teurer zu bedienen. Gleichzeitig haben die Sicherstellungen, die von russischen Unternehmen gegenüber ausländischen Gläubigern vorgenommen wurden, aufgrund des Aktienkursverfalls stark an Wert verloren. Das hat wiederum Nachschussverpflichtungen ausgelöst. Selbst für große Unternehmen aus dem Metallurgiebereich, der Petrochemie, der Öl- und Gasindustrie wird es zunehmend schwer, sich zu refinanzieren.

STANDARD: Wer wird als Sieger, wer als Verlierer daraus hervorgehen?

Mangott: Relativ gesichert sehe ich, in abnehmender Reihenfolge, den Eigentümer der Bank Rossiya, Juri Kovalcuk, Roman Abramovich, Oleg Deripaska. Michail Fridman und den Chef der Interros-Holding, Wladimir Potanin. Sie haben enge Beziehungen zu Ministerpräsident Wladimir Putin. Suleiman Kerimow, der seine Anteile an Gasprom und Sberbank inzwischen verkauft hat, steht stärker unter Druck. Für alle aber gilt: Die Abhängigkeit vom Staat wird größer.

STANDARD: Der Kreml entscheidet, wem geholfen wird und wem nicht?

Mangott: Das kann man so sagen. Es gibt keine transparenten Verfahren, welches Unternehmen wie viel an staatlicher Hilfe zur Refinanzierung seiner Außenschulden erhält, die Aktien welcher Unternehmen durch staatliche Aktienkäufe gestützt werden. Sollte die Rubelabwertung anhalten und die Liquiditätskrise am Finanzmarkt anhalten, wird eine teilweise Renationalisierung wahrscheinlicher, auch wenn die Regierung dies jetzt dementiert.

STANDARD: Könnte das schon im Laufe des Jahres 2009 passieren?

Mangott: Nach jetzt vorliegenden Vereinbarungen würden Aktienübertragungen in staatliche Hand 2010 erfolgen. Eine solche Vereinbarung gibt es etwa beim Metallurgiekonzern Norilsk Nickel ...

STANDARD: ... an dem Deripaska, der wegen der Finanzkrise im Oktober seine Beteiligungen an Magna und am Baukonzern Hochtief abstoßen musste, die Sperrminorität hält.

Mangott: Deripaska hat sich im Frühjahr 2008 einen Machtkampf mit Potanin um die Führung von Norilsk Nickel geliefert. Der Preis für die 25 Prozent plus zwei Aktien, die Deripaska gekauft hat, war damals sehr hoch. Inzwischen ist der Wert des Aktienpakets, das er bei der Kapitalaufnahme im Ausland als Sicherstellung verwendet hat, um 70 Prozent gefallen.

STANDARD: Er musste Geld nachschießen?

Mangott: Genau. Zur Refinanzierung hat er 4,5 Mrd. Dollar von der Entwicklungsbank VEB erhalten. Diese hat Mittel von der Zentralbank und aus dem staatlichen Reservefonds zur Gewährung von Refinanzierungskrediten bekommen.

STANDARD: War das politische Naheverhältnis Deripaskas zu Premier Putin dafür ausschlaggebend?

Mangott: Es hat sicher nicht geschadet. Es gibt aber auch ein starkes volkswirtschaftliches Interesse dabei. Die Regierung will unbedingt vermeiden, dass Deripaskas Anteil an Norilsk Nickel an ausländische Banken fällt. Deshalb die Vereinbarung mit der VEB, wonach das Aktienpaket, das Deripaska an Norilsk Nickel hält, an den Staat fällt, sollte er binnen zwei Jahren die Refinanzierung nicht schaffen.

STANDARD: Ist mit politischen Unruhen in Russland zu rechnen?

Mangott: Zuletzt hat es sehr viel zu verteilen gegeben. Die Realeinkommen sind durchschnittlich um gut zwölf Prozent pro Jahr gestiegen, die individuelle Haushaltssituation hat sich in Russland stark verbessert. Das gilt nicht für den wachsenden Anteil der Pensionisten. Der Zuwachs bei den Renten ist deutlich unter den Lohn- und Gehaltssteigerungen geblieben.

STANDARD: Kann sich das zu einem Problem auswachsen?

Mangott: Die Unzufriedenheit nimmt zu. Nur - Pensionisten sind in Russland nicht organisiert. Durch die Währungsabwertung und Massenentlassungen wird die soziale Unruhe aber auch auf den Mittelstand übergreifen. Allerdings sind derzeit keine politischen Kräfte auszumachen, die daran interessiert sind, die soziale Unzufriedenheit politisch auszunützen. Der größte russische Gewerkschaftsverband beispielsweise hat die finanziellen Interessen der eigenen Organisation im Auge, nicht die der Mitglieder. Er hat ein beträchtliches Immobilienvermögen. Sollten die Gewerkschaftsfunktionäre sozialen Widerstand organisieren, würde der Staat die Gewerkschaft wohl enteignen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2009)

Zur Person

Gerhard Mangott (42) ist seit 2003 ao. Univ.-Prof. am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck. Energiefragen und Russland gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten.

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