Massaker beim Weihnachtskonzert

1. Jänner 2009, 16:40
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Die ugandische Rebellengruppe „Widerstandsarmee des Herrn" ist am Weihnachtstag über mehrere Dörfer im Kongo hergefallen - Mindestens 400 Menschen wurden brutal ermordet

Nairobi/Dungu - Als der Angriff begann, hatten sich die Bewohner von Faradje gerade zu einem Weihnachtskonzert in der katholischen Kirche niedergelassen. Ohne Erbarmen fielen die Rebellen der „Widerstandsarmee des Herrn" über die Bevölkerung her und richteten ein Blutbad an. „Sie haben die Bewohner angezündet und bei lebendigem Leib verbrannt, mit Macheten zerhackt oder totgetreten", berichtet der Geschäftsführer der Caritas im Kongo, Bruno Mitewo, mit stockender Stimme. Eine Woche nach dem Überfall auf Faradje und mindestens zwei weitere Dörfer im entlegenen Nordosten Kongos hat Mitewo aus den Aussagen von Überlebenden den Hergang der Massaker rekonstruiert. „In Duru haben sie eine Kirche angezündet, etwa 75 Menschen sind verbrannt", so Mitewo. „Die Rebellen wollten die Bevölkerung traumatisieren und vertreiben."

Das ist ihnen gelungen. Auf mindestens 400 schätzt Mitewo die Gesamtzahl der Toten am ersten Weihnachtstag. Hunderte Mädchen und Jungen soll die ugandische Rebellenbewegung verschleppt haben, um sie als Kindersoldaten oder Sexsklaven zu missbrauchen. Die restlichen Bewohner seien in Panik geflohen. „Wir beherbergen 6500 Flüchtlinge auf dem Kirchengelände der Provinzhauptstadt Dungu", weiß Mitewo.

20.000 Flüchtlinge

„Mehr als 20.000 irren noch irgendwo in der Wildnis herum, ganze Dörfer sind entvölkert." Mehr als zwanzig Jahre lang hat die „Widerstandsarmee des Herrn" unter der Führung des selbsternannten Propheten Joseph Kony bereits den Norden Ugandas terrorisiert und zehntausende Kinder verschleppt. Seit einigen Jahren hat sie ihre Angriffe auf den Südsudan und den Nordosten Kongos ausgeweitet. Friedensgespräche mit Ugandas Regierung ließ Kony platzen, weil der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag den Haftbefehl gegen ihn nicht fallenlassen wollte. Die jüngsten Massaker im Nordosten Kongos tragen seine Handschrift: Überlebende wurden grausam verstümmelt, vielen wurden die Lippen abgeschnitten.
Doch die Rebellen weisen jede Verantwortung von sich. „Die Morde im Nordosten Kongos, das waren nicht wir", behauptet David Nekorach Matsanga, einer ihrer Sprecher. „Das war Bataillon 105 der ugandischen Armee, das aus geflohenen Kämpfern von uns rekrutiert wurde."

Kony wird seit Mitte Dezember von einer multinationalen Truppe un_ter Führung der ugandischen Armee gejagt. Das Hauptlager der Rebellen wurde bereits eingenommen, doch Kony selbst ist auf der Flucht in Richtung Zentralafrikanische Republik. „Der Mann versteckt sich im Busch und kommt nur raus, um zu morden und zu plündern", sagt Ruth Nankabira, Staatssekretärin im ugandischen Verteidigungsministerium. Sie räumt Schwierigkeiten bei der Verfolgung Konys ein.(Marc Engelhardt/ DER STANDARD Printausgabe, 2.1.2009)

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