Lust zur Entlarvung

1. Jänner 2009, 07:00
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Mit der Frage, wie mit einem angezeigten Sexualdelikt in der Öffentlichkeit umgegangen wird, scheinen sich Medien und die österreichische Exekutive nicht lange aufzuhalten - Kommentar

Am Nachmittag des 24. Dezember wurde in zahlreichen deutschsprachigen Medien von einer Entführung und Vergewaltigung an einem 16-jährigen Mädchen berichtet. Den Berichten zufolge hatte ein Mitte zwanzigjähriger Mann das Mädchen mit einem Messer bedroht, es gezwungen in den Kofferraum zu steigen und schließlich vergewaltigt. Unter Morddrohungen, falls das Mädchen zur Polizei gehen wollte, ließ der Täter (der sich mittlerweile in Berlin gestellt hat und geständig ist) das Mädchen nach sechs Stunden am Bahnhof in Linz frei. Unbeirrt von den Drohungen ging die 16-jährige Deutsche aber unmittelbar nach dem Verbrechen doch zur Polizei in Oberösterreich.

Zweifel woran?

Die mediale Präsenz ging im Falle des 16-jährigen Mädchens aber erst richtig los, nachdem der Oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lißl nur einen Tag nach der Tat mit dem Ausspruch der "massiven Zweifel" an den Aussagen des Mädchens die Medien auf den Fall aufmerksam machte. "Massive Zweifel" im Zusammenhang mit der Vergewaltigung stand nun in sämtlichen Titeln. " 'Zweifel' an Vergewaltigung" (Kurier), " 'Massive Zweifel' an Vergewaltigung von Deutscher in OÖ" (Salzburg 24) und noch mal " 'Massive Zweifel' an Vergewaltigung" (orf.at), auch vom "mutmaßlichen Opfer" war in einem Titel (Zeit.online) am 25. 12. die Rede - zu diesem Zeitpunkt wurden bereits sämtliche Berichte über die Vergewaltigung und Entführung nur mehr im Konjunktiv formuliert, denn "man weiß ja angesichts der zweifelhaften Tatenlage nicht wirklich, was da tatsächlich vorgefallen ist", so könnte der Tenor der Zeitungsberichte zusammengefasst werden. Eine ausprägte Lust, das Opfer Lügen zu strafen, war nicht mehr zu übersehen.

Die (äußerst missverständliche) Aussage Lißls über die "massiven Zweifel" wurde also oft und gern zitiert. Erstaunlich ist aber, warum die "massiven Zweifel" in den Überschriften sofort auf das Sexualdelikt gemünzt wurden und nicht auf einige unklare Aussagen des Mädchens, wie es in vielen Artikeln - allerdings nicht im Titel oder Untertitel - auch zu lesen stand.
Dass die ersten Aussagen betreffend den genauen Tathergang nicht völlig kohärent sind, müsste doch nichts außergewöhnliches sein nach derartigen Erlebnissen. Und außerdem:
Wenn der Polizei innerhalb von 24 Stunden vom Opfer keine schlüssige, klare, detaillierte Aussage vorliegt, ist es deshalb angebracht, in den Medien zu suggerieren, dass die ganze "Angelegenheit" erlogen wäre?

Der Ausdifferenzierung nicht Wert

"Das Opfer verstrickte sich in Widersprüche", hieß es in einem Artikel. In Widersprüche verstricken sich Täter, nicht Opfer. Allein durch diese Rhetorik zeigt sich, dass es Medien sowie Polizeisicherheitsdirektor Alois Lißl nicht der Mühe wert fanden, genauer zu differenzieren und zu formulieren. Denn auf Nachfrage von dieStandard.at war Alois Lißl sehr wohl in der Lage zu betonen, dass es sich bei den von ihm geäußerten "Zweifel" lediglich um "noch fehlende Lücken bei den Informationen" handelte und dass es ebenso nichts außergewöhnliches sei, dass unmittelbar nach einem solchen Verbrechen das Opfer nicht völlig klare, schlüssige Aussagen tätigt.
Die ebenfalls an diesem Fall involvierten KollegInnen von der Polizei in Regensburg fanden hingegen von Anfang an klare Worte und betonten den Medien gegenüber, dass trotz widersprüchlicher Angaben des Opfers von einem schweren Sexualdelikt auszugehen sei. Dennoch hielt dies viele Zeitungen nicht davon ab, Lißls Aussage der "massiven Zweifel" frei mit einer Infragestellung der Tat an sich zu assoziieren.

Beispiellos wurde hier von der österreichischen Exekutive, der österreichischen Nachrichtenagentur APA und den Medien ein unfassbar dumpfer Umgang mit einem hochsensiblen Thema vorgeführt, ebenso wie ein nicht vorhandenes Bewusstsein darüber, was mit einem solchen Umgang Opfern von sexueller Gewalt vermittelt wird. Dieser Fall illustriert einmal mehr, wie unüberlegte Äußerungen und die unhinterfragte, mediale Aufarbeitung solcher O-Töne im "Zweifelsfall" auf dem Rücken des Opfers entladen werden. (beaha, dieStandard.at, 1.1.2009)

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    Aus ungeklärten Zusammenhängen wurden schnell Zweifel an dem Sexualdelikt an sich.

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