Wirtschaftsprofessor Max Otte sieht auf das Finanzsystem neue Belastungen zukommen und schließt auch eine langanhaltende Depression nicht aus
Wirtschaftsprofessor Max Otte sieht auf das Finanzsystem neue Belastungen zukommen und schließt auch eine langanhaltende Depression nicht aus. Er selbst investiert wieder in Aktien, sagte er zu Johanna Ruzicka.
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STANDARD: Sie haben schon 2006 ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der Crash kommt". Wie fühlt man sich da, wenn er eintritt?
Otte: Na, überheblich soll man nicht sein. Auch nicht zynisch. Mir war klar, dass das passieren würde, und es ist passiert. Beim Finanzsystem ist es wie mit einer Brücke. Wenn man sie immer überbelastet, bricht sie irgendwann ein.
STANDARD: Was erwarten Sie für 2009?
Otte: Beim Crash war ich mir sehr sicher. Wie das jetzt weitergeht, hängt sehr vom Verhalten der Politik im Verbund mit den Investoren ab. Ich hoffe, dass wir aufgrund all dieser Rettungspakete für die Banken mit einer scharfen, tiefen Rezession davonkommen - ähnlich der nach dem Platzen der "Internet-Blase". Das wäre das bessere Szenario und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass es so kommt. Aber ganz ausschließen kann man nicht, dass wir in eine lange Depression verfallen von bis zu zehn Jahren - so, wie es nach 1929 war. Mit Massenarbeitslosigkeit und allem schrecklichen Drumherum.
STANDARD: Warum sehen Sie diese Gefahr gegeben?
Otte: Die Politik hat in der groben Richtung das Richtige getan. Die Banken musste man retten. Aber dadurch, dass man die potenzielle Katastrophenursache eingedämmt hat, kommen neue Belastungen auf das System zu. Und die Kreditvergabe funktioniert noch immer nicht. Oder zum Beispiel die Hedgefonds: Ein Drittel wird nicht überleben. Die Aktienmärkte sind stark eingebrochen. Das sind Vermögensverluste - wenn auch nur auf dem Papier, die wirken sich aus. Wenn es nicht gelingt, diese sich gegenseitig negativ verstärkenden Ereignisse auszuschalten, kann es noch immer zum großen Unfall kommen. Da ist es mit der vergleichsweise leichten Delle, die wir jetzt durchleben, nicht getan.
STANDARD: Sie sind auch der Überzeugung, dass sich Private Equity, also außerbörsliche Beteiligungen, als Blase herausstellen werden?
Otte: Bei Private Equity wurden ganze Firmen oder Firmenbeteiligungen gekauft. Es wurde nicht versucht, diese Unternehmen effizienter zu gestalten. Das Ganze hat nur funktioniert, weil es billiges Geld gab, und das ist vorbei. Die Private-Equity-Gesellschaften haben das Geld aus den Unternehmen rausgezogen und damit immer weitere Unternehmen gekauft. Vor allem aber haben sie sich damit selbst bezahlt. Jetzt sitzen sie auf den Beteiligungen von größtenteils hochverschuldeten Firmen. Wenn jetzt die Zinsen anziehen, werden diese Firmen reihenweise zu Sanierungsfällen.
STANDARD: Nun kritisieren ja viele, dass mit den Bankenhilfspaketen bestehende schlechte Systeme weiter existieren können.
Otte: Ja, es gibt wenig bis keine Auflagen und das ist schlecht. Nur Geld zu geben, damit die Kredite wieder fließen und das Vertrauen da ist, ist zu wenig. Schließlich hat man jahrzehntelang gezeigt, wie einfach es ist, zu Krediten zu kommen. Man hat damit zu Leichtgläubigkeit erzogen und zum Schuldenmachen. Wenn es wieder keine Auflagen gibt, ändert sich am System nichts.
STANDARD: Vor allem die USA, von denen die Krise ausgeht, unternehmen nichts gegen Probleme, die seit Jahren als Auslöser für Weltwirtschaftskrisen genannt werden: Der hohe Dollar und die hoch negative Außenhandelsbilanz.
Otte: Theoretisch muss es so sein, dass die USA irgendwann einmal anfangen, wieder selbst zu produzieren und weniger zu konsumieren. Jetzt wäre dies aber der schlechtestmögliche Zeitpunkt.
STANDARD: Sie investieren schon wieder?
Otte: Ich bin Optimist. Ich habe Gold als Versicherung im Safe liegen und einen großen Teil in Aktien veranlagt. Wann soll man sonst kaufen, wenn nicht dann, wenn sonst keiner kaufen will?
STANDARD: Sie selbst sagen, dass es vielleicht noch nicht zu Ende ist.
Otte: Natürlich weiß ich das nicht. Aber ich bin nicht manisch-depressiv wie viele derzeit. Ich denke, vielleicht geht es noch ein bisschen runter. Aber es gibt Aktien, die haben einfach einen gewissen Wert.
STANDARD: Wie beurteilen Sie dabei Osteuropa-Papiere?
Otte: Die sind hoch spekulativ, das würde ich nicht machen. Ich kaufe Aktien, die nicht in Mode sind. Schöne, alte, abgehangene Dinge halt. Bei den neuen Sachen ist die Beurteilung sehr viel schwieriger. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2008/1.1.2009)
Zur Person
Der Wirtschaftsprofessor Max Otte lehrt an der Fachhochschule Worms.
Wegen des Bestsellers "Der Crash kommt" ist er derzeit häufiger Gast
bei Fernseh-Diskussionsrunden.
Lexikon
Hohe Auslandsschulden