"System steht vor neuen Belastungen"

30. Dezember 2008, 18:54
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    foto: apa/dpa/fredrik von erichsen

    Die USA müssten irgendwann wieder beginnen, mehr zu produzieren und weniger zu konsumieren, aber nicht unbedingt jetzt, meint der an der Fachhochschule Worms lehrende Wirtschaftsprofessor Max Otte.

Wirtschaftsprofessor Max Otte sieht auf das Finanzsystem neue Belastungen zukommen und schließt auch eine langanhaltende Depression nicht aus

Wirtschaftsprofessor Max Otte sieht auf das Finanzsystem neue Belastungen zukommen und schließt auch eine langanhaltende Depression nicht aus. Er selbst investiert wieder in Aktien, sagte er zu Johanna Ruzicka.

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STANDARD: Sie haben schon 2006 ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der Crash kommt". Wie fühlt man sich da, wenn er eintritt?

Otte: Na, überheblich soll man nicht sein. Auch nicht zynisch. Mir war klar, dass das passieren würde, und es ist passiert. Beim Finanzsystem ist es wie mit einer Brücke. Wenn man sie immer überbelastet, bricht sie irgendwann ein.

STANDARD: Was erwarten Sie für 2009?

Otte: Beim Crash war ich mir sehr sicher. Wie das jetzt weitergeht, hängt sehr vom Verhalten der Politik im Verbund mit den Investoren ab. Ich hoffe, dass wir aufgrund all dieser Rettungspakete für die Banken mit einer scharfen, tiefen Rezession davonkommen - ähnlich der nach dem Platzen der "Internet-Blase". Das wäre das bessere Szenario und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass es so kommt. Aber ganz ausschließen kann man nicht, dass wir in eine lange Depression verfallen von bis zu zehn Jahren - so, wie es nach 1929 war. Mit Massenarbeitslosigkeit und allem schrecklichen Drumherum.

STANDARD: Warum sehen Sie diese Gefahr gegeben?

Otte: Die Politik hat in der groben Richtung das Richtige getan. Die Banken musste man retten. Aber dadurch, dass man die potenzielle Katastrophenursache eingedämmt hat, kommen neue Belastungen auf das System zu. Und die Kreditvergabe funktioniert noch immer nicht. Oder zum Beispiel die Hedgefonds: Ein Drittel wird nicht überleben. Die Aktienmärkte sind stark eingebrochen. Das sind Vermögensverluste - wenn auch nur auf dem Papier, die wirken sich aus. Wenn es nicht gelingt, diese sich gegenseitig negativ verstärkenden Ereignisse auszuschalten, kann es noch immer zum großen Unfall kommen. Da ist es mit der vergleichsweise leichten Delle, die wir jetzt durchleben, nicht getan.

STANDARD: Sie sind auch der Überzeugung, dass sich Private Equity, also außerbörsliche Beteiligungen, als Blase herausstellen werden?

Otte: Bei Private Equity wurden ganze Firmen oder Firmenbeteiligungen gekauft. Es wurde nicht versucht, diese Unternehmen effizienter zu gestalten. Das Ganze hat nur funktioniert, weil es billiges Geld gab, und das ist vorbei. Die Private-Equity-Gesellschaften haben das Geld aus den Unternehmen rausgezogen und damit immer weitere Unternehmen gekauft. Vor allem aber haben sie sich damit selbst bezahlt. Jetzt sitzen sie auf den Beteiligungen von größtenteils hochverschuldeten Firmen. Wenn jetzt die Zinsen anziehen, werden diese Firmen reihenweise zu Sanierungsfällen.

STANDARD: Nun kritisieren ja viele, dass mit den Bankenhilfspaketen bestehende schlechte Systeme weiter existieren können.

Otte: Ja, es gibt wenig bis keine Auflagen und das ist schlecht. Nur Geld zu geben, damit die Kredite wieder fließen und das Vertrauen da ist, ist zu wenig. Schließlich hat man jahrzehntelang gezeigt, wie einfach es ist, zu Krediten zu kommen. Man hat damit zu Leichtgläubigkeit erzogen und zum Schuldenmachen. Wenn es wieder keine Auflagen gibt, ändert sich am System nichts.

STANDARD: Vor allem die USA, von denen die Krise ausgeht, unternehmen nichts gegen Probleme, die seit Jahren als Auslöser für Weltwirtschaftskrisen genannt werden: Der hohe Dollar und die hoch negative Außenhandelsbilanz.

Otte: Theoretisch muss es so sein, dass die USA irgendwann einmal anfangen, wieder selbst zu produzieren und weniger zu konsumieren. Jetzt wäre dies aber der schlechtestmögliche Zeitpunkt.

STANDARD: Sie investieren schon wieder?

Otte: Ich bin Optimist. Ich habe Gold als Versicherung im Safe liegen und einen großen Teil in Aktien veranlagt. Wann soll man sonst kaufen, wenn nicht dann, wenn sonst keiner kaufen will?

STANDARD: Sie selbst sagen, dass es vielleicht noch nicht zu Ende ist.

Otte: Natürlich weiß ich das nicht. Aber ich bin nicht manisch-depressiv wie viele derzeit. Ich denke, vielleicht geht es noch ein bisschen runter. Aber es gibt Aktien, die haben einfach einen gewissen Wert.

STANDARD: Wie beurteilen Sie dabei Osteuropa-Papiere?

Otte: Die sind hoch spekulativ, das würde ich nicht machen. Ich kaufe Aktien, die nicht in Mode sind. Schöne, alte, abgehangene Dinge halt. Bei den neuen Sachen ist die Beurteilung sehr viel schwieriger.  (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2008/1.1.2009)

Zur Person

Der Wirtschaftsprofessor Max Otte lehrt an der Fachhochschule Worms. Wegen des Bestsellers "Der Crash kommt" ist er derzeit häufiger Gast bei Fernseh-Diskussionsrunden.

 

Lexikon

Hohe Auslandsschulden

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 37
1 2
Armin Delacher
01
entweder das system steht vor neuen belastungen ...

oder die abzocker der gegenwart und vergangenheit.
die entscheidung liegt bei uns.
O5

DirtyHarry
02


Herr Otte klingt im Vergleich zu Herrn Aiginger (Wifo) glauchwürdiger und sondert auch nicht soviele inhaltslose Worthülsen ab.

MiNeum71
11
Realitätssinn


Bei allem Respekt: Den Personen "AntiFa201" und "Morandi" fehlt jeglicher Sinn für die Realität. Ich wünsche allen, die sich den sozialstaatlichen Strukturen in Österreich gegenüber undankbar zeigen, ein Leben in Bagdad, Kabul, Minsk, Pjöngjang oder Harare.

Adyingwish
00
Seh ich anders...

Weil die würden ja dann auch fehlen um dieses zu finanzieren .... Weil es ja wir sind die knapp 50 % unseres Gehalts abliefern für Sozialversicherung und natürlich fürs Finanzamt.Neuerdings werden aber mit diesem "unseren" Geld zb Banken gerettet die dir mir nichts dir nichts den Kredit von Franken in Euro umwandeln also schimpft auf das System aber bleibt doch hier und finanziert es weiter..

MiNeum71
00


Und was heißt hier "System finanzieren"? Daß Sie jederzeit ohne Zusatzkosten und ohne lange Anfahrt und große Wartezeit ein Krankenhaus mit modernsten medizinischen Möglichkeiten aufsuchen können, wenn es ´mal irgendwo zwickt? Daß Sie bei Arbeitslosigkeit finanzielle Mittel und Unterstützungen anderer Art erhalten, um nicht zu erfrieren oder zu hungern? Daß Sie in einem Umfeld des sozialen Friedens leben können, ohne Angst haben zu müssen, jederzeit Opfer eines Krieges oder Gewaltverbrechens werden zu können? Daß Ihnen eine Demokratie garantiert wird, wo Sie Ihre Meinung kundtun können, ohne Angst haben zu müssen, abgeholt, gefoltert und getötet zu werden?

Sie sind ein undankbares Subjekt und verdienen ein Land wie Ruanda oder Nordkorea.

desperate wife without house
00

vielleicht ein bisschen rosarot, diese brille - und ich gebe zu, auch ich hätte das gerne so. nur denke ich, dass es nicht mehr die realität ist. die realität ist, dass in den letzten zehn-fünfzehn jahren viele kräfte am werk waren, die dafür sorgten, dass unternehmensgewinne und der finanzmarkt lebte - und nicht gesellschaftliche einrichtungen für gesundheit und finanzielle absicherung. gab es nicht lange jahre jetzt eine deflation von staatlichen und privaten geldern in den finanzmarkt und hielt den konsum als einzigen motor der umverteilung hoch? nur mit dem schönheitsfehler, dass gesellschaftliche einrichtungen auch konsumenten sind.

Cuchullain
00
"hängt sehr vom Verhalten der Politik im Verbund mit den Investoren ab"

Der Link bei "Verbund" zum Energieverbund ist originell!
Warum wird bei "Internet-Blase" nicht auf dieses wichtige Körperteil verlinkt?

;-)

Bosko Brankovic
25

Der Sinn für Realität fehlt den meisten im Kapitalismus sonst würdens keinen Kredit aufnehmen den sie nicht bezahlen können nur um was zu kaufen was sie nicht unbedingt brauchen. Verrückt.
Da schadet es nicht ein bisserl anders zu denken und nicht vergessen die Linken kennen sich VWL mässig um einiges besser aus, weil sie ja die Fehler des kap. Systems kennen müssen für ihre Argumentation. Ein neoliberaler kann gar keinen Fehler hingegen erkennen.

Jup posts
01
Hauptsache das ehemalige Jugoslawien war als Staat

hochverschuldet und bankrott.

MiNeum71
41


Wie gut die Kenntnisse der Linken Ökonomen (Radikale Ökonomie u.a.) sind, bzw. wie wenig fehlerhaft das sozialistische System war, sieht man ja an den prosperierenden Wirtschaften in der UdSSR und der DDR ... habe übersehen, daß sie mittlerweile nicht mehr existieren, mein Fehler.

17+4
14
"... wieder selbst zu produzieren und weniger zu konsumieren"

das gilt doch genauso für Europa.
Denn auch wir können es uns nicht leisten, billig produzierte Produkte von irgendwo einzukaufen und unsere eigenen Leute zu Sozialfällen zu machen und daumendrehend oder frustsaufend dahinvegetieren zu lassen.
Und das tun sie, ob sie nun ein Recht für diede Sozialleistungen haben, oder diese mit steuerschonenden Spenden bezahlt werden oder sonstwie, es ist allemal ein Problem für uns, das zu weniger Familien (Kindern), schlechtere Ausbildung und sonstige gesellschaftliche Übel führt.

janosch83
00

ein argument für die osterweiterung.

Management Quatscher
15
Modell Horx

ist doch ganz einfach:

"wir" produzieren nichts, dafür bekommen wir im Gegenzug für den "Export" von schwindligen Wertpapieren ("Finanzdienstleistungen sind die Zukunft") alle Güter die "wir" so brauchen.

Leider funktioniert das nicht, aber schön wär´s schon.

Cuchullain
00
"Wir" haben keine schwindligen Papiere exportiert, ...

... sondern von den amerikanischen Bankern gekauft!

17+4
00
ja,

schön wär´s schon

pueblo unido
25
wirtschaftsprofessor...

... ich nehme an das wort wirtschaftsprofessor wurde in die erste zeile reinreklamiert, nachdem es für die titelzeile verweigert wurde... FH "Professor"... das wird ja immer besser...

ausser büchern (und die kann jeder unkontrolliert schreiben und veröffentlichen) keine nennenswerten publikationen, d.h. kein peer review... nichts...

Bertel Mann
00
Kein peer review durch Wirtschafts"wissenschaftler" - das spricht für ihn...

MiNeum71
42
31.12.2008, 21:56


Max Otte wieder stellt sich selbstverherrlichend zur Schau: Daß die Wirtschaftverläufe zyklischen Gesetzen unterliegen (Vertrauen, Gewinn, Gier, Verlust) ist wahrlich nichts Neues, und die Aussage "[...] irgenwann kommt ein Crash [...]" entsprechend keine Meisterleistung.

Es wird keine Rezession geben: Die Menschen arbeiten weiterhin, sie produzieren und erwerben Güter, sie schaffen Werte und konsumieren diese. Und im Gegensatz zu den Crashs von 1929 und der New Economy betraff dieser (auch aufgrund der Stützungen) ausschließlich die Finanzwirtschaft.

Ich prognostiziere für 2009 ein Plus von 0,3%.

Bosko Brankovic
00

Ein guter Ökonom redet mit den Betrieben direkt. Erstes HJ wird ein scharfe Bremsung geben Siemens VAI z.B. bekam massenhaft Stornos der Stahlwerke. Andritz wird es nicht besser gehen in dieser Sparte. Export ist ziemlich eingebrochen weil die Ostfantasie vorbei ist. Also eine Rezession gibt es ganz sicher im 1.HJ, danach müsste allerdings der Projektrückstau langsam zu groß sein, und es wird wieder ziemlich anziehen. Eine Verstaatlichung der Banken hätte hier schneller Vertrauen geschaffen als die komischen Pakete.

Wahl 08
01
31.12.2008, 19:58

was soll bitte der link zum unternehmen "verbund"???

Borat Sagdiyev : jak sie masz?
06
31.12.2008, 19:31
Derzeitige Krise ist ein systemimmanentes Rebooten des derzeitig herrschenden Finanzsystems, das auf Zins und Geldschöpfung durch private zentral- und Geschäftsbanken basiert.

Diese Krise ist kein Naturereignis sondern Teil des Systems. Exponentielles Wachstum von Schulden und Zinsendienst bedingt durch den Zins zwingt zum exponentiellen Wachstum von BIP. Das ist leider nicht möglich, in der Folge trotz des BIP Wachstums verschlingt das Zinsendienst immer größeren Kuchen an Staateinnahmen. Die Spannungen sind vorprogrammiert. Sie entladen sich alle ca. 50 Jahre in Form von Hyperinflation und Währungsreform und/oder Krieg.

Diskussionen über Kredite, Bilanzstandards sind nur Ablenkungsmanöver damit man beschäftigt ist und keine Systemrelevante Fragen nach wirklichen Ursachen stellt.

Cuchullain
00
Dziekuje bardzo - Danke schön!

jetzt verstehe ich endlich warum die "Wirtschaft immer wachsen muss"
Die Ökonomen sind wohl alle eine meschuggene Bande!(?)

johann steiner
01
31.12.2008, 17:52

Otte hat recht, die USA müssen zum Krieg führen aufhören, sie kommen nicht an das Irak und Kirgisistan Erdöl heran. Die Räuber müssen die Spesen selbst zahlen, Kreditgeberin Merkel schaut dumm drein

AntiFa201
54
31.12.2008, 13:24
das system hatte doch nie funktioniert...

die grosse armut in den kapitalistischen ländern gleicht denen der entwicklungsländer (40 millionen in den usa leben unter der armutsgrenze, in deutschland jeder 10te). in vergleich mit weissrusslands bevölkerung sind die usa ein 3te welt land was die armut seiner bevölkerung angeht. nur die reichen profitieren vom kapitalismus, und wenn keine gewinnsteigerungen mehr möglich sind dann müssen millionen von arbeitsplätzen gestrichen werden(entwicklung der letzten jahre), dies ist auch deshalb möglich da die größten arbeitgeber in deutschland privatisiert wurden (telekom, post, bahn ..etc.) und nun nicht mehr arbeitsplätze sondern gewinn entscheidend sind.

Elisabeth Stein
00
Sie vernachlaessigen dabei,

dass es bei den regelmaessigen Krisen gerade die Unterschiede zu vorhergegangenen sind, die analysiert werden muessen. Nur Dogmatiker sehen von Anbeginn aller Zeiten alles als immer gleich an.

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