Medici-Bank kommt unter Staatskuratel

2. Jänner 2009, 12:37
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Österreich bestellt Regierungskommissär - US-Kongress untersucht Schneeballsystem

Wien – Das Bankhaus Medici ist im Zuge des in New York aufgeflogenen Megabetrugs des Finanzjongleurs Bernard Madoff stärker in Turbulenzen geraten als bisher bekannt. Wie der Standard aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, steht die Bestellung eines Regierungskommissärs unmittelbar bevor. Ohne seine Zustimmung können keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

Auslöser der Schieflage ist der enorme Vertrieb von Fonds, die ihr Geld bei Madoff veranlagt haben. Allein der von Medici vermittelte Herald USA kommt auf ein Volumen von 2,5 Milliarden Dollar, der Thema International Fund auf etwa 1,1 Milliarden Dollar. Damit zählt das kleine Wiener Bankhaus zu den weltweit am stärksten in die Madoff-Affäre involvierten Finanzinstituten. Der Investor soll Anleger um 50 Milliarden Dollar geprellt haben. Medici steht zu 75 Prozent im Eigentum der Bankerin Sonja Kohn, den Rest hält die Bank Austria.

Der spektakuläre Betrugsfall an der Wall Street wird nun auch politisch aufgearbeitet. Bei einer Anhörung im US-Kongress in Washington sollen mögliche Fehler der Finanzaufsicht unter die Lupe genommen werden. Ein Kongressausschuss soll dazu am Montag nächster Woche zusammenkommen, hieß es. Die US-Börsenpolizei SEC hatte zuvor Pannen bei Kontrollen in früheren Jahren eingeräumt. Unter anderem gab es verwandtschaftliche Verflechtungen zwischen Mitarbeitern von Madoffs Fondgsellschaft und SEC-Leuten.

Wien – Die Affäre Madoff zieht nun auch in Österreich immer weitere Kreise. Die Wiener Bank Medici (sie verfügt seit 2004 über eine Bankenkonzession) kommt auf Grund der Turbulenzen rund um den mutmaßlichen Betrugsfall immer tiefer in die Bredouille.

Die Bank, die zu fast 75 Prozent Sonja Kohn und zu 25 Prozent plus einer Aktie der Bank Austria gehört, hat jede Menge Geld für Madoff-Fonds vermittelt. Allein der von Medici vermittelte Herald USA rund 2,5 Milliarden Dollar, der Thema International Fund rund 1,1 Mrd. Dollar. Noch im November hatten die Wiener Banker bei "Germany's Hedgefund-Award" den ersten Platz belegt.

Nun drohen die Gewitterwolken über der kleinen Bank mit einer Bilanzsumme von 28,6 Mio. Euro und 14 Mitarbeitern zu platzen, die Bank wird unter staatliche Aufsicht gestellt werden.

Nach dem Auffliegen der Affäre (Madoff soll über ein Schneeballsystem an die 50 Mrd. Dollar der Anleger verspielt haben) hatte der Chef der Bank Medici, Peter Scheithauer, noch Optimismus verströmt. "Der Status der Bank ist solide, sie hat keinerlei Kapital- oder Liquididätsprobleme", ließ er am 19. Dezember, nach einer Aufsichtsratssitzung, verlauten.

Seit Weihnachten ist die Stimmung nicht mehr so gut, am Montag dürfte sie völlig gekippt sein. Am ersten Werktag nach den Weihnachtsfeiertagen wollten beide Vorstandsmitglieder, neben Scheithauer der 43jährige Werner Tripolt, das Handtuch werfen und gleichzeitig den Job quittieren, wird in Bankerkreisen erzählt.

Regierungskommissär vor Tür

Die Aufregung im Haus war groß – die Finanzmarktaufsicht FMA, die sowieso längst ihr Auge auf der Bank ruhen hat, wurde mit der Sache befasst. Nach stundenlangen Sitzungen und Beratungen auch mit den Anwälten aller Involvierter, sagten Scheithauer und Tripolt zu, doch an Bord zu bleiben. Man wolle volle Transparenz schaffen.

Freilich werden die beiden die Geschicke der Bank nicht mehr lang alleine leiten. Die Bank Medici soll, wie in solchen Krisenfällen üblich, unter staatliche Kuratel gestellt werden, hat der Standard erfahren. Nicht sofort, aber in den nächsten Tagen wird die Aufsicht einen Regierungskommissär bestellen und in die Bank entsenden.

Diskutiert wird, dass die beiden Bankchefs trotzdem bleiben – in dem Fall könnten sie aber keine wichtige Entscheidung ohne Zustimmung des staatlichen Aufsehers mehr treffen. Hauptaktionärin Kohn hat sich mit der Entscheidung, von der sie offiziell noch nicht informiert wurde, abgefunden und signalisiert gegenüber der FMA ihr "volles Einverständnis". Die Bank Medici war zu keiner Stellungnahme zu erreichen; die FMA sagt: "kein Kommentar".

Die Zukunft der Bank schaut nun nicht sehr rosig aus. Der Großteil ihrer Betriebserträge, und zwar 70 Prozent, stammte 2007 aus Provisionen aus dem Fondsgeschäft. Die Vermittlung von Geld für den Thema Fund brachte Medici im Vorjahr rund 4,6 Mio. Euro, für Herald rund 3,4 Mio., für den Primeo Fund 835.000 Euro. Abgesehen vom Fondsgeschäft hat die Bank kaum anderes gemacht. Wie sich angesichts dessen eine positive Fortführungsprognose darstellen lässt, die ein Regierungskommissär wohl erstellen müsste, lässt sich derzeit nicht sagen. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2008/1.1.2009)

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