Ewige Revolution, zarte Perestroika

2. Jänner 2009, 10:58
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Während Präsident Raúl Castro mit einer Wirtschaftsliberalisierung den Sozialismus retten will, hoffen viele Kubaner auf einen Dialog mit Barack Obama

Havanna/Puebla - Bei vielen rufen sie noch immer eine Gänsehaut hervor, die Fotos vom Jänner 1959, als die bärtigen Revolutionäre aus der Sierra Maestra in Havanna einmarschierten und vom Volk bejubelt wurden. Dieser Moment kristallisierte den Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit eines ganzen Kontinents, der geknechtet war von Kolonialismus, Ausbeutung, Obskurantismus. Anführer und gleichzeitig Symbol der Freiheitskämpfer gegen die Diktatur von Fulgencio Batista war Fidel Castro, ein junger, intelligenter, charismatischer Anwalt. Seither hat Kubas Sozialismus - entgegen vieler Prophezeiungen - eine Invasion, das US-Embargo, die Raketenkrise, den Kalten Krieg, den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Abtritt Fidels überlebt.

Nun begeht die Karibikinsel den 50. Jahrestag ihrer Revolution. Beschworen werden alte Parolen, gefeiert die alten Kämpfer. Doch die Welt hat sich gewandelt, und auch auf Kuba ist einiges im Fluss, seit Fidel Castro krankheitsbedingt die Geschäfte an seinen jüngeren Bruder Raúl hat abgeben müssen. Ist die Revolution noch quicklebendig, wie ein Buch des früheren DDR-Botschafters in Kuba, Heinz Langer, verkündet? Oder ist sie schon längst ein Zombie, ein durch kollektive Illusion am Leben gehaltene Leiche, wie die kritische Bloggerin Yoani Sánchez meint?

Heldenverehrung in Havanna

Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten zu sein: Schon seit Wochen zieren Plakate Fidels und Parolen vom Revolutionsjubiläum Wände und Vitrinen in Havanna. Im Parteiorgan Granma werden Solidaritätsveranstaltungen im In- und Ausland rezensiert, und das Fernsehen strahlt Revolutionssendungen aus. Das Jubiläum bietet Raúl Castro eine gute Gelegenheit, die Bevölkerung erneut auf eine Revolution einzuschwören, die sich in einer kritischen Phase befindet.

Zum einen haben drei verheerende Hurrikane dieses Jahr Milliardenschäden angerichtet - just im Moment, als Castro versuchte, die lethargische Staatswirtschaft mit Marktreformen effizienter zu machen. Die Versorgungslage ist weiterhin kritisch. Nichts fürchtet Castro so sehr wie Hungerrevolten oder dass ihm bei seiner vorsichtigen Perestroika das Zepter entgleitet. Wirtschaftsliberalisierung, um den Sozialismus zu retten, bei gleichzeitiger politischer Kontrolle - das ist Raúls Strategie, inspiriert von China und Vietnam. Daher demonstriert der Staat Stärke. Regimekritiker werden unter Druck gesetzt - so verhinderte die Regierung vor kurzem ein Bloggertreffen in Pinar del Río.

Jeder Regimekritiker muss damit rechnen, als „Staatsfeind im Dienste des US-Imperialismus" im Gefängnis zu landen. Damit trägt Raúl nicht zuletzt den Hardlinern innerhalb der Regierung Rechnung, die als „Fidelistas" bekannt sind, weil sie Fidels Erbe gerne unangetastet lassen wollen. Als Reformer hingegen gelten die Militärs, die nicht nur der wichtigste Wirtschaftskonzern der Insel sind, sondern auf Raúls Betreiben seit Jahren systematisch Schulungen in modernem Management unterzogen werden. Den „Raúlistas" ist es sehr wohl bewusst, dass sich die Zeiten geändert haben und das kubanische System einer Generalüberholung unterzogen werden muss, wenn es nicht von der Geschichte und der Globalisierung eingeholt werden will.

Ob die kubanische Revolution mit ihrem autoritären, sozial aber fortschrittlichen Regime, ein Auslauf- oder Zukunftsmodell ist, darüber redeten sich schon mehrere Generationen die Köpfe heiß. Dass diese Debatte noch immer geführt wird, verdankt Kuba letztlich seinen ausländischen Gönnern. Ohne sie wäre der kubanische Sozialismus wirtschaftlich längst kollabiert. Bis Ende der 80er-Jahre war es die Sowjetunion, die sich ihren ideologischen Außenposten in der Karibik einiges kosten ließ, bis Ende der 90er-Jahre der Venezolaner Hugo Chávez in die Bresche sprang.

Der internationale Kontext ist derzeit so günstig wie nie für Kuba. Der Stern der USA, des traditionellen Gegenspielers, ist am Sinken, während aufstrebende Mächte wie China und Russland nach neuen Märkten und Verbündeten suchen. Raúl nutzt die Gelegenheit und empfing in den vergangenen Tagen sowohl den russischen als auch den chinesischen Staatschef, um Wirtschaftsabkommen zu schließen. Bei seinem Besuch in Brasilien wurde Kuba feierlich in die Rio-Gruppe aufgenommen - ein weiterer Schritt heraus aus der von den USA auferlegten Isolierung. Gleichzeitig bot Brasiliens Präsident Luiz Inácio „Lula" da Silva seine Vermittlung an, um ein Ende des seit 1962 geltenden US-Embargos zu erreichen. Um eine irgendwie geartete Zusammenarbeit werden beide Seiten wohl nicht herumkommen, zu stark sind die Verflechtungen.

Der Parolen überdrüssig

Zwei Millionen Kubaner leben in den USA. Ihre radikalen Lobbyorganisationen haben bislang die US-Politik gegenüber Kuba geprägt. Sie finanzierten Invasionen und Mordanschläge, verschärften das Embargo und gaben das ideale Feindbild ab. Gleichzeitig waren die USA und das Embargo der willkommene Sündenbock für alles, was auf der Insel schieflief. Doch die radikale Exil-Lobby hat ihren Zenit überschritten. Auch auf der Insel sind die Heranwachsenden der Parolen der Altrevolutionäre überdrüssig. Sie haben die Diktatur nicht erlebt, kennen nur die paternalistische Mangelwirtschaft der Castros - und die Erzählungen und Bilder vom Kapitalismus, vermittelt durch Touristen und ausländische TV-Sender.

Sie haben Bildung, Gesundheitsfürsorge und Nahrungsmittel vom Staat. Nun wollen sie reisen, ihren Job frei ausüben und einen ordentlichen Lohn beziehen - nicht die 20 Dollar des durchschnittlichen Monatsgehalts. Sie hoffen auf einen Dialog zwischen Raúl Castro und Barack Obama. Da mag der oberste Revolutionshüter in seiner Granma-Kolumne noch so sehr über den Kapitalismus wettern. Das alte Feindbild wankt. Und mit ihm ein wichtiges Fundament der kubanischen Revolution. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2008/1.1.2009)

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    Revolutionsführer Fidel Castro spricht am 8. Jänner 1959 nach dem triumphalen Marsch nach Havanna zu Anhängern.

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