Ein subjektives Archetypenkabinett

5. Jänner 2009, 15:26
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Die Slowakin Lucia Nimcová präsentiert das Foto- und Videoprojekt "Unoffical III" im Tresor des Bank Austria Kunstforums: Glaubwürdiger Dokumentarismus mit Witz

"Als ob sie in einer Parallelwelt feststecken würden", beschreibt Lucia Nimcová die Menschen, die sie als Vertreterin der jungen slowakischen Fotografie dokumentiert: "Irgendwo im letzten Jahrhundert, allen Bewegungen außerhalb zum Trotz." Das Außerhalb ist auch der Ausgangspunkt für ihre Arbeiten, die sie an den Grenzen zwischen dem ehemaligen kommunistischen System und dem Westen, zwischen Tschechien und der Slowakei sowie zwischen dem öffentlichen und dem privaten Leben entwickelt.

Für das Projekt Unofficial III, das sie auf Einladung von Kulturkontakt Austria erstmals in Österreich präsentiert, durchforstete die Künstlerin das Bildarchiv des Kulturhauses in ihrem Geburtsort: ArbeiterInnen, BeamtInnen, PensionistInnen, skurrile aber genauso alltägliche Ticks von Menschen, die ihr archetypisches Dasein bis heute unbeirrt in Humenné - so der Name des Ortes - bestreiten: Maria etwa, der 53-jährige Single mit einem starken Faible für selbst geschneiderte Mode, drei Männer in doppelreihigen "Sonntagsanzügen" beim Wetttrinken einer künstlich rot gefärbten Flüssigkeit, oder jene namenlose Frau in der schmuddeligen Bibliothek, die aus einem nicht näher definierten Grund eine Clownsmaske bei sich trägt.

Nimcová verwebt die Ergebnisse ihrer Recherche in den Archiven ihrer Heimatstadt, die damals als offizielle Dokumente des Kommunismus in Auftrag gegeben worden waren, sowohl mit privaten Bildern aus ihrem frühen Familienleben als auch mit ihren eigenen fotografischen und Video-Arbeiten. Der Teppich an Eindrücken, der durch dieses Nebeneinander historischer und aktueller, privater und offizieller Bilder entsteht, spiegelt sich auch in einer der Installationen als fotografischer Wandteppich wider. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre, zeigen die Fotoarbeiten Menschen, die von den Systemen und dem politischen Wandel unberührt erscheinen, die heute wie damals um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen und die dennoch über sich und die Schwierigkeiten ihres Alltags lachen können.

Die Entwicklung der Slowakei zu einem demokratischen Staat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die damit verbundene Trennung von Tschechien und die als "Postkommunismus" beschriebene Zeit sind zentrale Themen in den Werken von Lucia Nimcová, die die Wende mit einmal gerade 12 Jahren erlebt hat. "Der Wechsel zwischen Westen und Osten ist sehr schmerzvoll, da man immer irgendetwas verpasst", zeigt sich die junge Fotografin aber über ihre eigene Position in einer Zwischenwelt bewusst: "Es ist viel leichter, im Westen zu arbeiten, weil die Leute die Kunst ernst nehmen; gleichzeitig kann ich aber das Leben dort nicht wirklich beurteilen, weil ich nicht hundertprozentig daran Teil habe." Nimcová lebt und arbeitet mittlerweile in Amsterdam und nimmt genau wie die ProtagonistInnen in ihren Kunstwerken eine Zwischenposition ein, die ihr es erlaubt mit viel Witz und Gespür für die Details des Lebens einen "inoffiziellen" Dokumentarismus zu betreiben, der glaubwürdig ist. (fair, derStandard.at / 05.01.2008)

Bis 18.01.2009

  • Artikelbild
    foto: bank austria kunstforum
    Foto: Lucia Nimcová
  • Unofficial: Milkmaids, Still aus dem Video Exercise (2007) und Installationsansicht mit historischen Fotografien aus der Ostslowakei.
    foto: bank austria kunstforum
    Foto: Lucia Nimcová

    Unofficial: Milkmaids, Still aus dem Video Exercise (2007) und Installationsansicht mit historischen Fotografien aus der Ostslowakei.

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