"Der Markt ist auf dem sozialen Auge blind"

28. Dezember 2008, 18:25
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    foto. ap/schrader

    Hans-Werner Sinn sieht einen "Zielkonflikt zwischen der Größe des Kuchens und seiner Verteilung".

Harte Kritik an der laschen Regu­lierung kommt vom deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn. Alternativen zur Marktwirtschaft sieht er freilich keine

Der Ruf nach mehr Regulierung, oder gar einer völligen Neuausrichtung des Wirtschaftschaftssystems erschallt unüberhörbar. der Standard nimmt den internationalen Reformeifer zum Anlass, um den Kapitalismus und damit das wirtschaftliche Handeln des Menschen im Rahmen einer Interviewserie aus verschiedensten Perspektiven zu beleuchten und Alternativen auszuloten.

Standard: Derzeit ist Karl Marx stärker gefragt als Adam Smith. Ist der Kapitalismus angesichts der von den Finanzmärkten rührenden Krise am Ende?

Sinn: Die Krise ist eine Krise des Systems der Bankenregulierung in den angelsächsischen Ländern. Die Vorstellung, dass man die Banken machen lassen kann, was sie möchten, hat sich als gefährlich und falsch erwiesen. Eine Marktwirtschaft ist keine Anarchie, in der jeder tun und lassen kann, was er möchte, sondern ein System mit festen Ordnungsregeln. Die hat man in den angelsächsischen Ländern im Übermaß erodieren lassen.

Standard: Aber sind diese Verwerfungen nicht systembedingt? Sie basieren ja auf den Grundpfeilern der Marktwirtschaft, der Maximierung des Eigeninteresses.

Sinn: Nein, denn die Leistung der Marktwirtschaft besteht ja gerade darin, dass sie ein System von Spielregeln und Restriktionen definiert, sodass das Eigeninteresse der Wirtschaftssubjekte sich produktiv entfaltet. Und dass es solch ein System braucht, ist klar. Eigennutz per se kann schädlich sein: Beispielsweise, wenn der eine dem anderen etwas wegnimmt. Wenn er aber selber mehr leistet und fleißiger arbeitet, so ist das etwas Produktives. Es kommt also sehr darauf an, dass man den Eigennutz richtig kanalisiert. Der Sozialismus hat die Triebkräfte des Eigennutzes falsch kanalisiert und hätte deshalb ein hohes Maß an Altruismus zum Funktionieren gebraucht. Da es diesen Altruismus nicht gab, ist der Sozialismus in der Geschichte kläglich gescheitert. Er brachte den Menschen Armut und Gewaltherrschaft. Er führt zwangsläufig zur Gewaltherrschaft, denn wenn der private Vorteil als Anreiz für wirtschaftliches Verhalten ausscheidet, muss der Polizeistaat an seine Stelle treten.

Standard: Die Sympathie-Welle für Marx kann aber nicht geleugnet werden. Vor allem seine Analysen werden derzeit gefeiert.

Sinn: Ich gehöre auch zu denen, die ihn dogmengeschichtlich in die Reihe der wichtigen Ökonomen einreihen. Er hat im Bereich der Makroökonomie und der Wachstumstheorie wichtige Erkenntnisse beigesteuert. Weniger gut waren seine mikroökonomischen Erkenntnisse über Anreizstrukturen. Marx hat allerdings keine Alternative zum marktwirtschaftlichen System entwickelt. Er blieb bei der Kritik und seiner Prophezeiung des Untergangs stehen. Das genau ist das Problem. Es gibt keine Alternative. Die Experimente der verschiedensten Art, die in der Geschichte durchgeführt wurden, sind allesamt fehlgeschlagen. Auch eine theoretisch überzeugende Alternative ist nicht entwickelt worden.

Standard: Aber ist es nicht zu oberflächlich, die Fehler eines von Gier geprägten Systems auf die Tollwut einiger Banker zu reduzieren?

Sinn: Mit dem Begriff Gier kann ich wenig anfangen. Die Gier ist ja nur ein anderer Begriff für Eigennutz, und den sehe ich überall, ob bei Reichen oder Armen. Der Grund für Ihre Sorge liegt darin, dass man Geschäftsmodelle gestattet hat, die mit zu wenig Eigenkapital arbeiten. Wenn die Aktionäre in den Genuss einer beschränkten Haftung kommen, die sie in Übermaß ausdehnen können, dadurch dass sie auf Eigenkapital in den Unternehmen weitgehend verzichten, dann haben wir a) die Gefährdung durch Konkurse und b) den Anreiz, sehr stark ins Risiko zu gehen.

Standard: Mit welchen Folgen?

Sinn: Dann verlangen die Aktionäre von ihren Managern riskante Geschäftsmodelle, die sie durch entsprechende Entlohnungssysteme anfeuern. Diese sind auf Kurzfristigkeit anstatt auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Die Devise ist: Lieber eine kurzfristige Chance für einen Riesengewinn als langfristig eine sichere mickrige Rendite, denn wenn man Pech hat, macht man den Laden eben dicht und fängt wieder von vorne an. Das ist eine fundamentale Gefahr, die aus der Haftungsbeschränkung resultiert. Schon Walter Eucken, der Begründer des Neo- oder Ordoliberalismus, hat die Bedeutung der Haftung für gesundes Wirtschaften betont.

Standard: Das klingt eher nach dem Bedarf einer regulatorischen als moralischen Erneuerung.

Sinn: Das menschliche Verhalten braucht Regelwerke, von Moralregeln bis hin zu gesetzlichen Regeln, um den Eigennutz richtig zu kanalisieren und produktiv einzusetzen. Wir haben im Bankensystem allerdings erkannt, dass die Moralregeln zu schwach sind und nicht ausreichend verhaltenslenkend gewirkt haben. Deshalb brauchen wir stärkere gesetzliche Regeln.

Standard: Haben Sie da keine Bedenken, dass die freien Marktkräfte behindert werden?

Sinn: Nein, keineswegs. Denken Sie an ein Fußballspiel. Der Neoliberale sagt, es geht nicht an, dass man einfach zwei Mannschaften ohne Regeln aufeinander loslässt, denn dann schlagen sie sich die Köpfe ein. Man braucht Spielregeln und einen Schiedsrichter. Der soll aber nicht selbst am Spiel teilnehmen und Tore für die unterlegene Mannschaft schließen. Wegen der Betonung der Regeln nennt man den Neoliberalismus in der Fachwissenschaft auch meistens eher Ordoliberalismus. Das Wort "Ordo" heißt Ordnung.

Standard: Die Marktwirtschaft muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zur unfairen Vermögensverteilung beizutragen - die Einkommen klaffen immer weiter auseinander.

Sinn: So ist es. Die Marktwirtschaft ist effizient, aber nicht immer gerecht. Der Markt entlohnt nach Knappheit und ist auf dem sozialen Auge blind. Deshalb muss die Marktwirtschaft nach meiner Auffassung durch einen umverteilenden Staat ergänzt werden; insofern habe ich als Finanzwissenschaftler eine etwas andere Meinung als die Ordo- oder Neoliberalen. Aber das Problem ist, die Umverteilung darf nicht bis zur völligen Gleichmacherei führen, denn dann werden die Anreize der Marktwirtschaft zerstört. Es handelt sich dabei um einen Zielkonflikt zwischen der Größe des Kuchens und der Gleichheit seiner Verteilung, bei dem es sehr auf das richtige Maß der Dinge ankommt.

Standard: Sie sprechen sich immer wieder gegen Mindestlöhne aus: Führen Ihre Vorstellungen nicht zu einer Verstärkung der Ungleichgewichte?

Sinn: Wenn der Staat Mindestlöhne setzt, treibt er diejenigen, denen er helfen will, in die Arbeitslosigkeit, denn kein Unternehmer zahlt einem Arbeitnehmer mehr, als der für ihn zu leisten in der Lage ist.

Standard: Was ist die Alternative?

Sinn: Der Staat muss niedrige Löhne bezuschussen. Die Devise muss sein: Wer arbeiten will, muss arbeiten können und dann genug zum Leben haben. Diese Devise lässt sich nicht mit Mindestlöhnen realisieren, sondern nur mit Lohnzuschüssen, die in der Summe aus selbst verdientem Geld und staatlichem Zuschuss ein hinreichendes Gesamteinkommen sichern und zugleich Geschäftsmodelle im Niedriglohnsektor ermöglichen, die die benötigte Zahl an Stellen schaffen. Deutschland ist mit seinem Lohnzuschusssystem, das Kanzler Gerhard Schröder eingeführt hat, prächtig gefahren. Es gibt heute 1,3 Millionen Menschen, die Lohnzuschüsse im Rahmen des Hartz-IV-Systems bekommen. Das hat uns allein in Westdeutschland eine Million mehr Stellen gebracht, als durch den Konjunkturzyklus erklärbar ist, und die Zahl der Armutsgefährdeten dramatisch reduziert.

Standard: Wo sehen Sie den Kapitalismus in zehn Jahren?

Sinn: Er wird eine enorme Belastungsprobe durchlaufen. Durch den Fall des Eisernen Vorhanges sind 28 Prozent der Menschheit, die bisher sozialistisch regiert waren, in die Marktwirtschaft integriert worden. Dazu kommen die Inder - womit wir auf 45 Prozent der Menschheit kommen, die das Marktspiel so spielen wollen wie die 15 Prozent, die in den entwickelten OECD-Ländern leben. Dieser Bruch in der weltwirtschaftlichen Entwicklung schafft Chancen, aber auch gewaltige Risiken.

Standard: Welche?

Sinn: Es wird durch die kommunizierenden Röhren des Welthandels ein neuer Arbeitsmarkt gebildet, auf dem es tendenziell zu einer Verringerung der Lohnunterschiede kommt. In Deutschland und Österreich liegen die Löhne beim 30-Fachen der chinesischen Löhne. Es ist klar, dass das nicht so bleiben kann. Das nächste halbe Jahrhundert wird durch einen mühsamen Prozess der Findung eines neuen Gleichgewichts gekennzeichnet sein, der für die westlichen Länder mit empfindlichen Verteilungskonflikten und sozialen Spannungen verbunden sein wird, eine Phase, die ich mit der Frühphase der Industrialisierung von 1820 bis 1870 vergleichen möchte. Damals sind die deutschen Reallöhne auch nicht gestiegen. Kein Wunder, dass am Ende dieser Phase Karl Marx seine Bücher geschrieben hat und die sozialistische Bewegung entstanden ist. Uns steht Ähnliches bevor. Da es keine Alternative zur Marktwirtschaft gibt, wird es freilich auch jetzt zu keiner Reetablierung sozialistischer Systeme kommen.(Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2008)

 

Zur Person: Hans-Werner Sinn steht mit seinen liberalen Positionen seit Jahren im Mittelpunkt ökonomischer und sozialpolitischer Debatten in Deutschland. Der 60-jährige Westfale und Vater dreier Kinder spricht sich für eine angebotsseitig orientierte Wirtschaftspolitik und für die Deregulierung der Arbeitsmärkte aus. Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich zählen ebenso zu seinen Forderungen wie die Abschaffung der Mindestlöhne. Zuletzt beschäftigte er sich intensiv mit Klimaschutz und schrieb "Das grüne Paradoxon". Im Oktober bezeichnete Sinn deutsche Manager als Sündenböcke, nach denen in jeder Krise gesucht werde. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 habe es in Deutschland die Juden getroffen, heute seien es die Manager. Nach heftiger Kritik entschuldigte er sich für den Vergleich. Das von ihm geleitete Münchner ifo-Institut zählt zu den einflussreichsten des Landes.

Kommentar posten
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ladies and gentlemen, it's time!
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He's one of the most prominent

P.U.P.P.E.T.S.

Blau und verlogen das ist zu viel!
00
30.8.2009, 09:10
Ein EU-Mitbringsel und die Schuld des Volkes!

Wie kann man wenn man soziales möchte schwarz wählen, wo diese Partei doch nur für die Industrie da sind und nicht die Bohne etwas für das Volk über haben!
Aber das Volk wird es schon irgendwann einmal lernen und kapieren!
Wer Soziales will muss auch eine soziale Partei wählen und nicht die Barosos!

pei mei
00
10.8.2009, 08:51
überspitzt formuliert

will dieser neoliberale Knilch folgendes.... die Gewinne dem Unternehmer und dessen Arbeitssklaven soll der Staat zahlen .... wie lange dürfen solche Experten noch frei herumlaufen ??

Harald Schoenknecht
01
12.1.2009, 13:15

Also entweder der Staat bringt Mindestloehne, und die Arbeitgeber stellen weniger Menschen ein, weil sie nicht so viel Gehalt zahlen koennen/wollen.

Oder der Staat bringt Zuschuesse, die er dann finanzieren muss, also neue Steuern. Und aufgrund dieser stellen die Arbeitgeber (von denen der Staat wohl das Geld hereinholen wird) weniger Menschen ein, weil sie nicht so viel Geld zahlen koennen/wollen.

Wo ist der Vorteil der zweiten Loesung? Das man Steuern absetzen kann??

PeAcE

Thoditz
00
gehupft wie gesprungen

...der marxismus führte zum polizeistaat - tja - gott sei leider - und in der freien marktwirtschaft kann es ja offenbar auch nicht grenzenlos frei zugehen - also bleibt kontrolle unerlässlich - ergo braucht man auch hier den polizeistaat - oder doch eher bissl von beidem - etwas kontrolle und viel altruismus sind wohl eher gefragt - will meinen, dass mir eine ökosoziale, nachhaltig ökologische, auf humanistischen werten basierende (rechtstaatlich, solidarisch, couragiert...) lösung einer marktwirtschaft - wie zum teil in europa schon vorgelebt - am vernüftigsten erscheint bzw. am besten schmeckt. tja - der kuchen wird nicht wirklich größer - der planet kann mehr vom selben wohl auch kaum ertragen!

wir und die zukunft werden es weisen...

Der Seher
01
das ist mal eine interessante theorie: die neoliberalen wollen strenge regeln!?

also das muss er gleich in der zeitung von dem Däniken veröffentlichen, oder im PM magazin. denn wer selbst denkt kann sich hier nur wundern. die neoliberalen sind genau die, die selbst gar keine regeln auferlegt haben wollen. gesetze sind für die nur dazu da um ihren konsumenten das geld sicher aus der tasche prozessieren zu können, wenn sie nicht so konsumieren, wie sie sollten.

asinus
02

Marx ist heute genauso wenig gefragt wie A. Smith, dafür haben sich Sozialismus und Kapitalismus doch zu sehr weiterentwickelt.
Nur: der Neoliberalismus ist ein hemmungsloser Kapitalismus, und die Staaten täten gut daran, auch einmal vorhandene Gesetze durchzusetzen bzw. die Banken besser zu kontrollieren. Dazu haben sie auch das Recht, wenn sie nachher zu ihnen betteln kommen.

Nick Tameer
07

Es ist doch erstaunlich, mit welchem gedanklichen Niveau manche Leute ziemlich viel Geld verdienen können. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass Herr Sinn seine jetzigen Einsichten in der Vergangenheit besonders nachhaltig vertreten und die die Sturmglocke geläutet hätte, um der bedrohlichen Entwicklung, die er doch zweifellos voll durchschaut hatte (wer hätte da Zweifel?), Einhalt zu gebieten. Seinem Namen macht er jedenfalls nicht viel Ehre oder vielmehr doch, weil er eben allen Wechselfällen des Wirtschaftslebens ein zuverlässiger Sinn-Produzent und ein wahrer Pracht-Ökonom ist.

clearlake
01
(sogenannte) wirtschaftswissenschaftler

sind fast so schlimme wendehälse wie politiker....

Gianni Tremato
02
Childerich von Bartenbruch
00
12.2.2009, 14:45
das einzig interessante an unterbergers ...

... zusammenfassung ist die uneinsichtigkeit und die negierung von tatsachen.

wenn er an den "managergehältern" z.b. nur kritisiert, dass diese ein schlechtes beispiel für die mangelnde zurückhaltung der gewerkschaften war, dann ignoriert er (absichtlich, das unterstelle ich mal) die tatsächliche lohnentwicklung der arbeitnehmer der letzten zehn, zwanzig jahre. und so geht's die ganze zeit flott dahin.

HiRo
04
Selten so einen konzentrierten Stuss gelesen!

Herr Sinn macht sich scheinbar keine Gedanken über Alternativen, denn das Problem liegt am derzeitigen System selber. Das Wörgler Modell hat gezeigt dass es anders auch funktionieren kann.

Hier ein interessanter Film.

http://www.derkrauter.bplaced.net/krauter_f... ?f=12&t=33

Kratzmich
24
Prof. (Un)sinn kritisiert den Markt als Casino-Kapitalismus

Aber Er war jahrelang der Groupier, für den jeder Eingriff und Regulierung das Böse schlechthin war.

Bezeichnend für die PISA-Generation, wer da alles eine Professur nachgeworfen bekommt.

davethebrave
 
00
29.7.2009, 15:52

über PISA-Generation lästern aber Croupier nicht richtig schreiben können ist auch irgendwie witzig

wider den rechten Kanaillen
00
29.7.2009, 18:18

Das Wortspiel sollte an "Groupie" erinnern.
Setzte aber anscheinend zu viel voraus.

"wieder den ...", alias "Kratzmich"

franzmann
32
blödsinn

es hilft uns nichts wenn jemand der nichts von der welt versteht, versucht uns diese zu erklären! dass angelsächsische banken unreguliert sind, glaubt wohl nur ein deutscher provinzprofessor. das spekulationsblasen immer wieder die welt erschüttern ist auch nichts neues: wer klug genug ist nützt das aus und wird reich! heute reden aber nur kastraten über das "system". wären sie wirklich so klug, wären sie längst steinreich!
mehr regulierung wird nur mehr probleme bringen. eine der ursachen der immo-krise in den usa sind halbstaatliche institutionen die aus ethnischen und nicht wirtschaftlichen überlegungen hypothekardarlehen gewährt haben! da ist karl marx viel mehr angepatzt als adam smith!

Nick Tameer
01

Da ich nicht recht davon überzeugt bin, dass Sie, anders als Ihr Durchblickerduktus es nahelegt, auf Ihrer eigenen Skala zu den ausreichend Klugen zu rechnen sind, die sich an der letzten Blase substanziell bereichern konnten (würden Sie dann nicht eher etwa auf Ihrer Yacht durch die Karibik schippern als hier zu posten?), nehme ich an, dass Sie sich nur deshalb nicht zu den dummen Kastraten rechnen, weil Sie nicht - oder nur in Anführungszeichen - vom "System" reden. Ich möchte Ihnen ein Geheimnis verraten: die Spekulationsblasen werden umso heftiger aufgehen und platzen, desto mehr kluge Leute versuchen, von ihnen zu profitieren, und die allermeisten, die es versuchen, werden am Ende nur dumm aus der sozialdarwinistischen Wäsche schauen.

Elisabeth Stein
09
Staatliche Zuschuesse zu Unternehmensfreundlichen Niedrigloehnen

verlagern das Verteilungsproblem aus der klassischen Auseinandersetzung von Kapital und Arbeit zum Staat, der die Zuschuesse aus Steuermitteln finanzieren muss. Selbstverstaendlich tragen nicht die Vermoegen und Unternehmenssteuern dabei die Hauptlast, sondern die Massensteuern. Damit koennen Unternehmen ihren Wettbewerbsnachteil gegenueber Niedriglohngebieten ueber den Staat von der Masse der Lohnabhaengigen und Konsumenten ausgleichen lassen. Unbeliebt wird bei der Bevoelkerung dann der steuereinhebende und verteilende Staat. Die Politikerschelte wird angekurbelt, demokratische Kontrolle ausgehoehlt, die Regeln bestimmen Kapital und seine Eigner.

17+4
01
"Bedeutung der Haftung für gesundes Wirtschaften betont"

wird in diesem System auch ein Politikerhaftung einbezogen, z.B. dass zwar alle Regierungen Gesetze beschließen, die die Umsetzungskosten der Gesetze verpflichtend ermitteln muss, aber die umsetzung geschieht einfach nicht, resp. wird nicht ordentlich gemacht. Auch diese Regierung hat zwar das Bekenntnis dazu abgelegt, aber das wars dann schon auch.
Grundsätzlich finde ich, ist Sinns Vorstellung eines funktionierenden Wirtschaftssystems logisch und in sich konsistent. Er zeigt auch richtig das problem auf, dass es keine geschlossenen Volkswirtschaften mehr gibt und das genau das unser europäsches Problem ist.
die Grün/linke Vorstellung, die ganze Welt bei uns einzuladen, funktioniert halt nicht, so wie auch nie zuvor!

QUOD LICET BOVI NON LICET JOVI
01
31.12.2008, 14:07
Ein kluges Interview mit rießigen weißen Flecken.


z.B.

1. H4: Der Druck am Arbeitsmarkt wird immer weiter hinunter bis in den Niedriglohnsektor durchgereicht. Wo der Staat dann unterstützend eingreift. Unbefriedigend. Simple Lösung: Wochenstundenorientierte Besteuerung der Arbeitskraft, die ersten 15 Stunden gar nicht, die folgenden 15 moderat, die nächsten 15 stark, alles darüber drakonisch. Und keine Möglichkeit dieses System zu umgehen. Dann können sich die Unternehmen selbst ausrechnen, wann es günstiger kommt, die Arbeitskraft zu verteilen und in Ausbildung zu investieren.

2. Ordoliberalismus, internationaler: Es wird keineswegs mit gleichen Regeln gespielt (Arbeitsrechte, Umweltschutz etc.). Lösung: Produktionsbedingungen müssen geprüft und Strafzölle rigoros angewandt werden.

RS69
 
01

Als Land, dass mehr exportiert als importiert, sollte man beim Ruf nach Strafzöllen eher zurückhaltend sein.

QUOD LICET BOVI NON LICET JOVI
00

DAS ist kein Argument, wenn man in Betracht zieht, warum diese Zölle eingehoben werden sollen.

Auch gibt es genug Präzedenzfälle, ich denke da an die chinesischen Textilimporte (wobei ich mich da nicht mehr an die Motiviation erinnern kann). Umgekehrt hebt China seinerseits exorbitante Einfuhrzölle, zB auf westliche Automobile, ein.

Wichtig ist allerdings das WIE: Argumentierbarkeit, eventuell Umstellungsfristen, was wird mit dem Geld gemacht (mir schwebt die Unterstützung entsprechender Maßnahmen in Ländern vor, die sich in diesem Sinne wohl verhalten).

RS69
 
00

Ok, China und USA haben da freiere hand als wir - die sind etwas grösser und mächtiger.

KURZFRISTIG funktionieren Strafzölle auch - langfristig - wenn alle nachziehen - wird nur das Ausmass an Wirtschaftstätigkeit reduziert.

Die Chinesischen Textilien waren übrigens nicht Strafzölle sondern Quoten. Hand auf's HErz: Wieviel Euro haben Sie deswegen mehr für österreichische Textilien ausgegeben?

QUOD LICET BOVI NON LICET JOVI
00
Ich hab es gerade in dem Post vorher (weiter unten) geschrieben... welche Macht Europa hat.

Mit Ihrem europäischen Selbstverständnis könnten Sie locker in Brüssel sitzen. Dort passen Sie hin.

Und wenn Sie lesen, was lt. meinem Vorschag mit dem Geld passieren sollte, dann müßten Sie das ja auch eher als wirtschaftstreibende Kraft wahrnehmen.

Österreich? Ich sehe die Sache europäisch.

Textilien kann man heute fast nicht mehr nach Produktionsherkunft identifizieren. Ich hab's versucht. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob von mir bevorzugte Produzenten wie Barbour noch zu 100% in der EU produzieren. Meine Schuhe hab ich wie es die noch gab, bei Gallus gekauft (wegen der Qualität), Reiter kann ich mir nämlich nicht leisten.

Ich hab auch nichts gegen asiatische Textilien. Wenn die unter den selben Bedingungen wie wir produzieren.

RS69
 
00

"dann müßten Sie das ja auch eher als wirtschaftstreibende Kraft wahrnehmen."

Nein - ich sehe, dass Zölle und alle Arten der Exporterschwernis die Barrieren für kleine Unternehmen erhöhen. - Sehen Sie sich mal die österreichische Unternehmenslandschaft an.

Wenn ich weniger Auslandsumsätze hab, heisst das weniger Steuern im Land. Und weniger Investitionen, die ich hier tätige.

Und wer die Zölle zahlt, ist Ihnen ja auch klar.

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