Abdul Samad Minty über seinen Traum von einer atomwaffenfreien Welt
Standard: IAEO-Chef Mohamed ElBaradei hat fünf Jahre Iran-Verhandlungen als gescheitert erklärt. Laut Experten in Washington könnte der Iran schon 2009 genug hoch angereichertes Uran produzieren, um eine Atombombe bauen zu können. Kann die Staatengemeinschaft so weitermachen wie bisher?
Minty: Es gibt viele Spekulationen darüber, wie weit der Iran von der Fähigkeit entfernt ist, Nuklearwaffen zu bauen. Man muss Uran zu einem sehr viel höheren Grad anreichern. Hinzu kommt der ganze Prozess zum Bau der Waffen. Niemand hat wirkliche Belege, wie lange es dauern wird, aber ich bin mir sicher, dass es eher einige Jahre sind. Wir haben immer wieder gesagt, dass der Iran alle offenen Fragen beantworten muss. Jetzt gibt es eine Art Konfrontation im Sicherheitsrat, was bedauernswert ist. Die sechs Parteien haben dem Iran ein Verhandlungsangebot gemacht, (EU-Chefdiplomat, Anm.) Solana ist damit befasst. Aber der Prozess geht langsam voran. Ich denke, wir müssen sehen, auf was sich die Parteien einigen können.
Standard: Wie könnte ein Kompromiss aussehen?
Minty: Die Streitpunkte, die es über mehrere Jahre gab, sind alle gelöst worden. Was jetzt zu klären bleibt, ist, dass einige IAEO-Mitglieder neue Informationen an die Behörde übergeben haben über eine mögliche Militarisierung des (iranischen, Anm.) Atomprogramms, wie die Entwicklung eines nuklearen Sprengkopfs und so weiter. Das Problem ist, dass die Information unter sehr strengen Auflagen weitergegeben worden ist. Die Behörde darf diese Unterlagen nicht an den Iran weitergeben. Generaldirektor Mohamed ElBaradei hat die Staaten um die Erlaubnis gebeten, dem Iran Kopien davon zu übergeben. Wir hoffen, dass das passiert. Die zweite Hauptfrage ist, ob der Iran seine Anreicherungsaktivitäten (von Uran, Anm.) aussetzt. Es liegt an den Parteien, eine Übereinkunft zu erreichen.
Standard: Ist die Forderung, der Iran solle seine Anreicherungsaktivitäten stoppen, angesichts der Fortschritte Teherans auf diesem Gebiet überhaupt realistisch?
Minty: Die Forderung nach einer Aussetzung sollte nicht wirklich zu Schwierigkeiten führen. Der Atomwaffensperrvertrag (NPT) sieht für alle Mitglieder die Möglichkeit vor, friedliche Nuklearenergie zu nutzen. Iran ist ein Mitglied des NPT. Wenn es eine Forderung nach einem endgültigen Ende (der Anreicherung, Anm.) ist, dann, sagt der Iran, wird er nicht zustimmen.
Standard: Nach dem Fund von Uranspuren in Syrien befürchten Kritiker schon einen zweiten Fall Iran - zu Recht?
Minty: Das ist schwierig zu beurteilen, weil man noch nicht alle Fakten kennt. Die Behörde muss erst ihre Arbeit abschließen. Wir müssen abwarten, bis wir alle Informationen haben.
Standard: IAEO-Chef ElBaradei hat im Rahmen der Affäre harte Kritik an Israel und den USA geübt.
Minty: Was der Generaldirektor meiner Meinung nach gesagt hat, ist, dass man nach dem internationalen Recht nicht einfach Grenzen überschreiten und ein anderes Land und seine Anlagen angreifen kann. Wenn es Verdachtsmomente oder Informationen gibt, muss die Behörde eingebunden werden. Das ist der erste Schritt, der unternommen werden sollte - nicht unilaterale Aktionen.
Standard: Die Nuklearenergie erlebt gerade einen Aufschwung, die inoffizielle Atommacht Indien ist im Geschäft, gleichzeitig wachsen Ängste vor Nuklearterrorismus. Muss das Non-Proliferations-Regime reformiert werden?
Minty: Der NPT ist der einzige sogenannte diskriminierende Vertrag: Es gibt zwei Klassen von Mitgliedern (fünf offizielle Atommächte und Nicht-Atomwaffen-Staaten, Anm.). Man muss für eine Welt arbeiten, in der es nur noch eine Klasse gibt. Davon sind wir ziemlich weit entfernt. Wir müssen einen globalen Ansatz suchen, um zu sehen, ob wir alle Atomwaffen vernichten können.
Nuklearer Terrorismus macht offensichtlich allen Sorgen. So wichtig wie die legalen Instrumente ist es, Kapazitäten in Ländern aufzubauen, um mit den Problemen umzugehen. Es ist eine große Aufgabe für die Atomenergiebehörde, vor allem die Entwicklungsländer darin zu unterstützen, diese Expertise aufzubauen. Denkbar wären auch regionale Kompetenzzentren, die verschiedene Länder einer Region unterstützen könnten. (Julia Raabe/ DER STANDARD Printausgabe, 27./28.12.2008)
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