Zurück in die Zukunft

5. März 2003, 18:34
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Kunst, generiert aus Maschinenträumen: "Futurismus - Radikale Avantgarde" ab Freitag im Wiener BA-CA-Kunstforum

Eher mit Füll-, als mit Hauptwerken sucht das Wiener BA-CA-Kunstforum den italienischen "Futurismus - Radikale Avantgarde" ab Freitag dem Publikum näher zu bringen: Eine Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts, generiert aus Maschinenträumen.


Wien - Zuerst das Manifest und dann die Kunst. Hauptsache "anders" sein wollte der Haufen junger reicher Männer, die im von der Landwirtschaft wie vom Katholizismus dominierten Italien verbalaggressiv einen Aufstand proben wollten. In der Kunst. Der reichste unter ihnen, ihr Sponsor und Wortführer, der französisch-jesuitisch erzogene Jurist Filippo Tommaso Marinetti, verlautbarte 1910 auf der Titelseite des Figaro sinngemäß, dass röhrende Maschinen besser seien als röhrende Hirschen: "Das Manifest des Futurismus".

Mit heute schier nicht mehr nachvollziehbarem, unfreiwillig komischem Pathos pries er die Errungenschaften der Technik und Wissenschaft vor der Natur, vor der Kunst: Jedes Rennauto wäre schöner als die Nike von Samothrake. Die Konsequenz: "Der Krieg, die einzige Hygiene der Welt" jubelte Marinetti im gleichnamigen Buch.

Mit der Kriegsbegeisterung, die in der Folge die in Mailand, Florenz und Rom agierende Gruppe in "natürlicher Weise" auf die Hälfte reduzierte, gingen Nationalismus und offen deklarierter Frauenhass Hand in Hand. Was Wunder, dass Marinetti unter Mussolini Kulturminister war. 1924 schrieb er bereits das Manifest "Futurismus und Faschismus".

Wenn Frauen bei den gebildeten Bürgersöhnen der Zukunft vorkommen, dann - antibürgerliche Heldin wie auch bei vielen Werken der Expressionisten - als dämonisierte Prostituierte, wie sie etwa das deshalb etwas irreführende Ausstellungsplakat zur Futurismus-Ausstellung des BA-CA-Kunstforums zeigt (Idolo moderno, 1910). Vom typisch futuristischen Stil ist bei diesem Bild noch kaum etwas zu finden. Hauptsache, das Manifest war einmal da: Zu Beginn des an Ismen reichen 20. Jahrhunderts ging die - unter sich zerstrittene - Marinetti-Sekte vom Divisionismus aus. Wie in anderen Stilrichtungen (Rayonismus, Kinetismus, Kubismus), oder auch in der Fotografie (Edvard Muybridge) versuchten die Maler die dynamische, gleichzeitige Darstellung von Geschwindigkeit, Licht und Bewegung.

Radikale Avantgarde, wie es der Untertitel der Schau propagiert, das waren die italienischen Futuristen vor allen in ihren Worten.

Zentrale Arbeiten des Futurismus fehlen im Kunstforum, sieht man u.a. von Carlo Carràs Begräbnis des Anarchisten Galli und Umberto Boccionis Lachen ab, Leihgaben aus dem New Yorker Museum of Modern Art. Auch Boccionis frühe dreiteilige Zeichenfolge unterschiedlicher Seelenzustände, ebenfalls Provenienz MoMA, ist exemplarisch, da sie die Darstellung und Verquickung innerer und äußerer Zustände versinnbildlicht. Mit "Futur Balla" signiert Giacomo Balla 1913 seine Abstrakte Geschwindigkeit. Als Kuriosum, mehr aber nicht, gelangte das riesige Wandgemälde Gino Severinis, Der Pan-Pan-Tanz im Monico, von Paris nach Wien.

Erstklassige Arbeiten des italienischen Futuristen befinden sich eher in italienischen Privatsammlungen, und deren Besitzer fürchten im Falle der Ausfuhr Reglements des italienischen Staates, so Kuratorin Evelyn Benesch. Also lassen sie die Bilder lieber daheim, leider. Der postfaschistische italienische Staat wollte den Futurismus offenbar nicht gleich sammeln. Heute ziert die hauseigene Avantgarde der frühen Jahre (etwa im Verein mit Botticelli) die italienische 50- Cent-Euro-Münze: Umberto Boccionis 1913 entstandene Plastik einer schreitenden Figur, die natürlich gleich Urform der Bewegung im Raum heißt und in der Wiener Ausstellung als meterhohe Skulptur präsent ist.

"Die Zukunft ist unser einziges Ziel": Mit der russischen, weitaus radikaleren Futurismus-Avantgarde, die auch Frauen in ihren Reihen führte, gab es geringe Berührungspunkte. Marinetti bereiste 1914 Russland; Malewitsch, heißt es, zeigte sich interessiert an den frühen Arbeiten der Gruppe. Größenwahnsinnig-blasiert stellen sich die Italiener über alle anderen, wie es ein Dokument Ballas und Deperos belegt.

Den locker-souverän hingeworfenen, fantastisch-utopistischen Architekturentwürfen eines Antonio Sant'Elia wurde im Kunstforum leider nur mit wenigen, eher mittelmäßigen Beispielen entsprochen. Dafür besetzt die zweite Riege, etwa Fortunato Depero, Enrico Prampolini oder Mario Sironi die kleineren Säle, Hauptsache es steht Futurismus drüber.

Zang Tumb Tumb

Leben in die Bude bringen drei (nachgebaute) Instrumente eines Luigi Russolo, welche u.a. das Aufheulen von Motoren imitieren. Nähe zur späteren Dada-Dichtung und -Musik sowie zur Konkreten Poesie beweisen die skurrilen Text- Blätter und -Montagen: Parole in Libertà (Worte in Freiheit) generierten Bücher mit Titeln wie Zang Tumb Tumb. Auf einem Blatt plädiert Marinetti für den Kriegseintritt: Pfeile zeigen auf Vienna.

In der verhassten Institution Museum wollte die Futuristen-Bande ihre Werke niemals konserviert sehen. Dabei lagen sie knapp daneben. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2003) Bis 29.6.

www.kunstforumwien.at

Von Doris Krumpl

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kunstforumwien.at

  • Wein, Weib, Gesang oder Arbeiten am synästhetischen Bild: "Das Lachen" (1911; Ausschnitt) von Umberto Boccioni, Leihgabe Museum of Modern Art. Der kriegsbegeisterte Künstler fiel im Ersten Weltkrieg.
    foto: katalog kunstforum wien

    Wein, Weib, Gesang oder Arbeiten am synästhetischen Bild: "Das Lachen" (1911; Ausschnitt) von Umberto Boccioni, Leihgabe Museum of Modern Art. Der kriegsbegeisterte Künstler fiel im Ersten Weltkrieg.

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