Die Musen begehren auf

2. März 2009, 14:23
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Streik der Aktmodelle der Pariser Mal-Akademien für einen besseren Stundenlohn und ihre Anerkennung

Magali Aviet studierte in Paris Literatur und Filmwissenschaft, als sie in einem Kunstbuch über die Interaktion zwischen Maler und Modell las:"Da merkte ich, dass ich an der Entstehung von Kunstwerken teilnehmen wollte. Ich wollte eine Muse werden."

Wenig später stand die damals 20-jährige Französin auf dem Podest, ließ den Kimono von den Schultern fallen, drehte sich, nun völlig nackt, zu den Zeichnern, verschränkte die Arme über dem Kopf und verharrte fast eine Stunde in dieser Position.

Heute ist Magali 27 und arbeitet mehrere Stunden täglich in den Pariser Akademien, zu einem behördlich festgelegten Stundenlohn von zwölf Euro netto. Dazu kommen Einnahmen aus dem "Cornet" : dieses zu einem Hörnchen zusammengerollte Blatt Papier ist mit Trinkgeld der Studierenden für ihr Modell befüllt.

Kürzlich hat die Pariser Stadtverwaltung dieses "Cornet" allerdings verboten. Zahlreiche Pariser Aktmodelle traten darauf in den Streik und demonstrierten bei eisigen Temperaturen, viele im Evakostüm und nur die rote Gewerkschaftsflagge in Händen. Magali war (bekleidet) auch dabei. Das Cornet habe bisher ein Viertel ihres Einkommens gesichert, erzählt sie. Die Modelle würden auf das Trinkgeld durchaus verzichten, aber nur, wenn ihr Stundenlohn angehoben werde und man ihnen, als Zeichen beruflicher Anerkennung, ein geschütztes Statut zusage.

Ist Modellstehen, also Sich-nicht-Bewegen, denn überhaupt ein Beruf? "Ja! Gerade, weil man sich nicht bewegt." Ein Modell brauche zwar keine Ausbildung, aber das Posieren sei harte Arbeit, einschlafende Glieder und Krämpfe inklusive: "Man muss lernen, mit diesem Schmerz umzugehen. die Muskelspannungen zu antizipieren und sie mit millimeterkleinen Bewegungen abzubauen."

Magali macht eine Position vor, die man aus klassischen Skulpturen kennt; selbst ihr ausgestreckter Arm verharrt in absoluter Bewegungslosigkeit. "Sehen Sie, wie ich das Gewicht verlagere?" Man müsse mit sich im Reinen sein, fügt sie hinzu, vor allem, wenn man seinen Körper vor anderen Menschen entblättert: "Mit Exhibitionismus hat das aber nichts zu tun. Exhibitionisten ziehen den Blick ihrer selbst willen auf sich. Aber die Malenden sehen nicht mich, eine 27-jährige Frau, sondern meinen Körper als Linien, Volumen, Licht."

Voyeuristische Blicke würde man sofort unangenehm spüren, "aber die Malenden sind viel zu sehr in ihre Zeichnung vertieft, selbst wenn eine nackte Frau drei Viertelstunden lang einen Meter vor ihrer Nase steht."

Einen menschlichen Körper abzubilden, sei eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, weiß Magali, die in der Zwischenzeit selbst zu malen begonnen hat. Höchste Konzentration ist daher gefordert: vom Zeichner. Und vom Modell. "Es genügt nicht, sich hinzufläzen und zu warten, bis die Zeit um ist. Man muss etwas von sich, seinen Emotionen vermitteln - und das in absoluter Körperstarre." Zwischen zwei Seancen flaniert Magali im Kimono zwischen den Malstafetten; unterhält sich mit den Künstlern, schaut sich die Entwürfe an.

"Wenn man als Modell nichts ausstrahlt, keine Aura verbreitet, sieht man das den Zeichnungen sofort an. Schauen Sie nur" , sagt Magali Aviet, schaltet den Computer ein und öffnet eine Webseite des Bildhauers Jacques Chauvenet. Weiße Gipsbüsten tragen Namen wie "Evasion" , "La spirale" oder "Volute" . "Das bin ich" , meint sie mit Stolz in der Stimme. "Und das wird von mir bestehen bleiben." (Stefan Brändle aus Paris, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.12.2008)

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