Heinz Prüller beteuert im STANDARD-Interview, kein schlechter Autofahrer zu sein
Wovon der Formel-Eins-Erzähler träumt (ein Hunde-Musical zu machen), und warum Trappatoni den Rasen weiht, erfragte Renate Graber.
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STANDARD: Sie sagten mir, Sie hätten sich in diesem Kaffeehaus früher oft mit Niki Lauda getroffen, um mit ihm über Sponsoren zu reden...
Prüller: ...wie man ihm helfen kann.
STANDARD: Lauda kann sich nicht daran erinnern.
Prüller: Wieso? Dann rufen wir ihn gleich an.
STANDARD: Hab‘ ich schon. Ich frage, weil es heißt, Sie merken sich alles.
Prüller: Er wird sich vielleicht nicht an diese Zeit erinnern. Ist zu viel passiert in seinem Leben, seither.
STANDARD: Was merken Sie sich nicht?
Prüller: Was ich mir nicht merken will: Unwichtiges, Uninteressantes. Ich erinnere mich bildhaft, sehe Szenen, habe ein fotografisches Gedächtnis. Lassen Sie mich es an einem Beispiel erklären, Michael Schumacher - kennen Sie?
STANDARD: Ja, so weit habe ich mich auf das Interview vorbereitet...
Prüller: Er hatte alle wichtigen Kollisionen immer in Rechtskurven...
STANDARD: ... mit Williams-Autos...
Prüller: Genau. Also, hätte er eine Kollision in einer Linkskurve gehabt, hätte ich gesagt: Wieso? Bisher waren es nur Rechtskurven.
STANDARD: Sie werden wegen ihres lexikalischen Wissens und Ihres Formel-Eins-Kommentierungsstils als Kultfigur gehandelt, sogar Stermann und Grissemann hatten Spaß mit Ihnen in ihrer Show.
Prüller: Ich mache zwischendurch gern Dinge, die ein klein bisschen außergewöhnlich sind.
STANDARD: Indem Sie Ihre Stimme Trickfilm-Autos leihen?
Prüller: In "Cars", da haben auch Lauda und Häkkinen gesprochen. Ich hatte schon in meiner Schulzeit kleine Film-Statistenrollen. In „Liebelei" durfte ich in einer Loge neben Romy Schneider sitzen.
STANDARD: Was haben Sie gesagt?
Prüller: Nichts. In "Immer die Radfahrer" mit Kulenkampff und Peter Kraus hatte ich eine Sprechrolle.
STANDARD: Was haben Sie gesagt?
Prüller: "Vielleicht in Amerika."
STANDARD: Heute noch Auftritte?
Prüller: Weihnachten vor zwei Jahren habe ich bei einem Charity-Krippenspiel mitgespielt...
STANDARD: Josef oder Jesus?
Prüller: Josef. Mit Bart.
STANDARD: Ihr Kollege Helmut Zwickl nennt Sie "Heinz Conrads der Formel-I-Branche".
Prüller: Conrads? Nein. Conrads war Rapid-Anhänger, ich bin Sportclub.
STANDARD: Conrads war knausrig, eher so wie Niki Lauda.
Prüller: Knausrig bin ich nicht. Ich habe zwei Hundebücher geschrieben, der Erlös ging ans Tierschutzheim. Weil mein Hund wurde einmal vom Zug mitgeschleift, hat das überlebt, da war ich dem lieben Gott was schuldig.
STANDARD: Sie kannten den Fahrplan gar nicht auswendig?
Prüller: Dort fährt fast nie ein Zug, das war bei Dungl im Waldviertel.
STANDARD: Am Dungl-Bio-Trainingscenter sind Sie ja beteiligt.
Prüller: Ein viel zu großes Wort. Ich hatte Willi Dungls Idee unterstützt.
STANDARD: Ihr Hund hieß Grimaldi, obwohl Sie nicht in Monaco leben? Die Schildkröte Mika Häkkinens heißt Caroline, weil sie dort lebt.
Prüller: Lebte. Sie stürzte vom Balkon. Grimaldi hieß Grimaldi, weil er aus Südfrankreich kam, nahe Monte Carlos. Ich wollte einmal Fürst Albert von meinem Grimaldi erzählen, tat es dann doch nicht, fürchtete, er sagt: „Du wir haben einen Dackel, der heißt Prüller."
STANDARD: Ihr Moderationsstil wird oft so beschrieben: Sie erzählen so viel Hintergrund, dass Sie aufs Rennen vergessen. Kränkt Sie die Kritik?
Prüller: Jeder macht Fehler, ich wahrscheinlich auch. Man muss meine Arbeitssituation kennen: Ich sitze in der Kabine vor einem kleinen Fernsehgerät, daneben ein Monitor für die Rundenzeiten. Schaue ich auf den, kann es passieren, dass ich irgendein Überholmanöver am 16. Platz versäume.
STANDARD: Ihre Versprecher sind Kult; mein Favorite ist: "Jarno Trulli ist zum zweiten Mal ausgeschieden. Ah nein, das war die Zeitlupe."
Prüller: Das habe ich so sicher nicht gesagt. Da wird viel aus dem Zusammenhang gerissen, man sitzt im Lärm, manchmal ist die Tonleitung kaputt, so wie zuletzt in Brasilien. Ich musste am Telefon übertragen, der Ton war schrecklich, trotzdem haben im ORF 770.000 Leute zugeschaut - so ein Trottel kann ich also nicht sein. Ich habe viele Zuseher in Deutschland, der Schweiz, Südtirol - und Fanclubs in der Schweiz. Ich weiß nicht, wie viele Schweizer Kommentatoren Fanclubs in Österreich haben. Die Geschichten erzähle ich auch nur, wenn es passt, bei Grand-Prix, wo keiner überholt...
STANDARD: ... da könnte man gleich gar nicht fahren...
Prüller: Doch, es geht ja um WM-Punkte. Also, da erzähle ich Background über die Fahrer. Jetzt haben wir etwa den Polen Robert Kubica, ein kommender Weltmeister. Ein Mann aus einem ehemals kommunistischen Land im kapitalistischen Formel-Eins-Zirkus, der im Jahr drei Milliarden Euro umsetzt. Kubica ist aber nicht der erste Pole, vor hundert Jahren gab es den Grafen Zborowski, er fuhr und verunglückte in Monza. Er war die Vorlagefigur für Tschitti-Tschitti-Bäng-Bäng. Die Fahrer haben einen interessanten Hintergrund, manche kommen aus armen Familien.
STANDARD: Aus Bestatterfamilien, wie Harald Frentzen.
Prüller: Bestatter, aber nicht arm. Fuhr er in München auf der Gokartbahn, hat er den Leichenwagen neben der Rennstrecke geparkt.
STANDARD: Sehr praktisch.
Prüller: Aber nicht ermutigend.
STANDARD: Eishockey-Spieler rasieren sich in der Finalrunde nicht, Tormänner vergruben als Glücksbringer Kartoffeln im Tor - warum sind Sportler so abergläubisch? Weil sie so viel Glück brauchen?
Prüller: Bei einem Sportler kann ein Tag, ein Sieg, ein Unfall das Leben total verändern. Die brauchen ihre Rituale, ihr Aberglaube ist riesig; ich habe ein Buch darüber geschrieben. In der Formel-1 gibt es keine Nummer 13, die Fahrer steigen nur auf einer Seite ins Auto...
STANDARD: Welche nahm Lauda?
Prüller: Niki hat diesen Aberglauben abgelehnt. Aber Stefano Modena hat in jedem Hotelzimmer die Möbel umgestellt, sodass er mit dem Kopf zur Tür lag: „Weil die Toten mit den Füßen voran aus dem Zimmer getragen werden, wenn ich anders liege, überleb ich's", erklärte er mir. Skifahrer haben oft Heiligenbilder in ihren Helmen, Karl Schranz hatte das Bild seiner Mutter. Die Schwester von Ex-Salzburg-Fußballtrainer Giovanni Trappatoni ist Nonne, sie gab ihm immer ein Flascherl Weihwasser mit. Während die Spieler aufs Feld kamen, hat er den Rasen besprengt. In Salzburg hat es nicht genutzt.
STANDARD: Welches Ritual haben Sie angenommen?
Prüller: Ich bin nur mit dem linken Fuß voran ins Studio gegangen.
STANDARD: Etliche Ihrer Freunde sagen, Sie seien ein schlechter Autofahrer. Stimmt das?
Prüller: Ich bin schon so viele Rennen gefahren...
STANDARD: Die sprachen von normalen Autos, auf der Straße...
Prüller: Schauen Sie, wenn ich mit dem Silberpfeil des fünffachen Weltmeisters Juan Manuel Fangio (1951, 1954 bis 1957; Anm.) zurechtgekommen bin einen halben Tag lang, dann komme ich auch mit einem normalen Pkw zurecht.
STANDARD: Weil wir vorhin bei Eishockey waren: Erste-Bank-Chef Andreas Treichl vergleicht Managergehälter gern mit denen von Eishockey-Spielern, Spitzensportlern. Die verdienten ein Vielfaches, das rege keinen auf. Schumacher hat 50 Mio. Dollar im Jahr verdient.
Prüller: Offenbar rechnet sich das für die Sponsoren der Sportler, das Geld kommt durch Werbung, Merchandising wieder rein. Eine Zeitlang gab es 280 Schumacher-Artikel, von Autodecken bis zum Fußabstreifer. Wäre Lauda 1986 weitergefahren, hätte man ihm sechs Mio. Dollar bezahlt; Sean Connery bekam in dem Jahr für sein James-Bond-Comeback fünf Mio. Dollar.
STANDARD: Fußabstreifer? Eher entwürdigend.
Prüller: Schumacher musste sie ja nicht selbst ausliefern.
STANDARD: Apropos James Bond. Sie haben Gert Fröbe kennen gelernt, den berühmten Bösewicht aus dem "Goldfinger" James Bond. Da waren Sie aber nicht Statist, oder?
Prüller: Ich habe den Film gemeinsam mit dem legendären Sportreporter Heribert Meisel gesehen, anlässlich einer Fußballmatch-Übertragung in Irland. Zwei, drei Wochen später war im Wiener Stadion ein Ländermatch, und Meisel sagte: „Du, der Goldfinger ist da." Bin ich natürlich sofort hingelaufen, habe mich brav vorgestellt, und wir haben geplaudert. Ich habe aber auch den getroffen, der all diese Wunderwaffen für James Bond erfand. Ich sagte zu ihm: „Sie müssen ja ein Genie sein", er zu mir: „Sie irren sich. Meine Frau schimpft immer mit mir, weil ich die Waschmaschine nicht reparieren kann." Sie sehen: Es geht nicht nur um Benzin. Ich habe übrigens auch Paul Newman sehr gut gekannt. Er ist immer im Rahmenprogramm im Amerika-Grand-Prix mitgefahren, er war ja vier Mal amerikanischer Sportwagen-Meister.
STANDARD: Weil wir vorhin bei der Wirtschaft waren: Wie wird sich die Wirtschaftskrise auf die Formel Eins auswirken?
Prüller: Sie wird billiger werden, abspecken müssen. Dass tausend Mann in einem Formel-1-Team arbeiten, um zwei Autos an den Start zu bringen, wird nicht so bleiben können. Aber ich glaube nicht, dass nach Honda noch weitere Teams aussteigen werden, auch die Zuschauerzahlen werden sich nicht sehr ändern.
STANDARD: Wer ist denn für Sie derzeit der beeindruckendste Sportler?
Prüller: Hermann Maier, jeder Abschnitt seiner Karriere könnte ein eigener Film sein. Hermann ist ein Phänomen. Aber es gibt auch viele andere. Ich habe viele Giganten gesehen.
STANDARD: Was ist eigentlich das Faszinierende an der Geschwindigkeit?
Prüller: Bei hoher Geschwindigkeit verändern sich die Farben, alles wird pastellfarben, die Atmosphäre verändert sich. Geschwindigkeit schärft das Bewusstsein, man sieht schärfer, hört besser. Ich fuhr einmal mit Ayrton Senna auf einer deutschen Autobahn: 300 kmh. Er lebte in seiner eigenen Geschwindigkeit, nur wir waren die Langsamen.
STANDARD: Schnell leben, schnell sterben?
Prüller: Intensiv leben.
STANDARD: Sie sollten einmal ein Musical über Senna machen?
Prüller: Die Idee gab es, stellte sich aber als unfinanzierbar heraus. Die Premiere war für 2004 in Sao Paolo geplant, zehn Jahre nach Sennas Unfalltod. Aber ich mache sicher einmal ein Musical.
STANDARD: Über Lauda? Berger?
Prüller: Nein, ein Hundemusical. "Cats" war auch ein Welterfolg; und schauen Sie sich Katzen an: Da gibt es nur graue, weiße, schwarze. Hunde? Da gibt es tausende Rassen. Die Story habe ich im Kopf, der Mann für die Musik fehlt mir noch.
STANDARD: Da könnte Hundefreund Hans Dichand mitfinanzieren. Sie schreiben ja auch für die "Krone".
Prüller: Ich habe ihn nicht gefragt. Aber ich würde ihn sicher gern zur Premiere einladen.
STANDARD: Beschäftigen sich Rennfahrer eigentlich viel mit dem Sterben?
Prüller: Als ich begann, gab es in der Formel Eins zwei bis drei Tote im Jahr. Die Brutalität kam aus England: Für die Engländer war die Formel Eins die Fortsetzung des Kriegs. Sie haben aus ihren Flugplätzen Rennstrecken gemacht, drei, vier Verletzte bei einem Rennen war nichts. Später wurde der Sport sicherer, die letzte Tragödie war 1994 in Imola: Samstag der Salzburger Ratzenberger, Sonntag Senna. Jochen Rindt hat einmal zu mir gesagt, Rennfahrer hätten die Pflicht, möglichst viel möglichst schnell zu tun im Leben: Ein Leben im Zeitraffer.
STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?
Prüller: Darum, seine Zeit und seine Begabungen auszunützen, gesund und happy zu sein, in einer harmonischen Beziehung zu leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.12.2008)
Zur Person
Heinz Prüller (67), Sohn von Spielzeugfabrikanten,
war Frühstarter: Mit 13 machte er sein erstes Interview (mit
Eisläuferin Ingrid Wendl), mit 16 befragte er Enzo Ferrari. Er schrieb
für den Express, war ORF-Sportchef, schreibt für die Krone, hat an die
700 Formel-Eins- und 1000 Skirennen kommentiert. Prüller lebt mit einer
Sportmedizin-Wissenschafterin zusammen.