"Eignungstests wären effizient, aber zutiefst undemokratisch"

30. September 2003, 17:55
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Dekan Greisenegger im UNI-STANDARD-Interview: "Eingangsphasen" sollten zur Beratung da sein und nicht zum Rausprüfen

"Eingangsphasen" sollten zur Beratung da sein und nicht zum Rausprüfen, sagte Wolfgang Greisenegger, Dekan des Human-und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Uni Wien, zu Michael Mühlböck.

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STANDARD: Halten Sie Studienzugangsbeschränkungen für sinnvoll?

Greisenegger: Wochenlange Eignungstests wären zwar sicherlich effizient, aber sie sind zutiefst undemokratisch. Verträgliche Studierendenzahlen können auch durch Fakultäts- und Institutsumschichtungen erreicht werden. Es sollten lange Eingangsphasen eingeführt werden, welche jedoch mehr als Beratungsphase denn als Knockout-Prüfungen strukturiert sein müssten.

STANDARD: Wie kam es dazu, dass an Ihrer Fakultät trotzdem Eingangsprüfungen existieren?

Greisenegger: In Psychologie war eine Eingangsprüfung - aufgrund des enormen Andranges der Studenten - einfach unabdingbar. Wobei bei der Prüfungseinführung damals alle Kurien, auch die Studentenvertretung, damit einverstanden waren. Hier ist die Frage nicht, gibt es eine Eingangsprüfung, sondern vielmehr: Wie sieht diese Eingangsprüfung aus? Aus meiner demokratischen Grundhaltung heraus bin ich allerdings dafür, dass jedem Bürger, der das will, ein Studienplatz zur Verfügung steht - und zwar ohne Studiengebühren, sodass ein freier Hochschulzugang erhalten bleibt.

STANDARD: Halten Sie die Befürchtung für berechtigt, dass am Ende zu viele Absolventen einer Studienrichtung auf den Arbeitsmarkt strömen?

Greisenegger: Nein, denn während Medizinstudenten oft jahrelang auf ihren Turnus warten, suchen Studenten des Human- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (HuS) durch das Wissen um die schlechten Berufsaussichten schon vorzeitig und parallel zum Studium einen Job. Häufig können sie dann gleich nach Studiumsabschluss mitarbeiten. Ministeriumsstatistiken bezüglich der Arbeitslosenzahlen, die für die HuS und Geisteswissenschaft-Studenten eher gering ausfallen, belegen dieses Phänomen, obwohl gewisse Wirtschaftsleute das nie kapieren. Die wollen speziell ausgebildete Spezialarbeiter, die sie dann rausschmeißen können, wenn sich die Wirtschaftslage ändert oder sie ihre Fabrik woanders hin verlegen. Und genau jene vergessen dann, dass das Neujahrskonzert in China und in Japan zum Brauchtum geworden ist. Gewisse Leute sehen nicht, dass die Grundlage Österreichs auch die Kultur ist.

STANDARD: Halten Sie den Trend zu Fachhochschulen - weg von Bildung hin zu Ausbildung - für sinnvoll?

Greisenegger: Nein! Bildung ist eine Grundlage. Fachhochschulen florieren nicht. Es hat einen Grund, warum naturwissenschaftliche und technische Ausbildungen seit Jahrzehnten zurückgehen, obwohl dort Studiengelder bezahlt werden und mit guten Berufschancen geworben wird. Ich halte es für verwegenen Josephinismus, wenn man sagt: "Wir wissen es besser, was für Studienwünsche junge Menschen haben. Die haben nicht die Übersicht und Reife, sich ihr Studium selbst zu wählen." Man sollte fragen: Warum ist der Studiumswunsch so stark? Was läuft in der Gesellschaft falsch, dass so viele etwa Psychologie studieren? Ich versuche seit Jahrzehnten die Wünsche der Studenten zu hinterfragen: Der Student weiß um die schlechten Studienbedingungen Bescheid - und er studiert trotzdem. Das hat doch einen Grund. A la longue wird Österreich endlich einmal nachdenken müssen, ob es bereit ist, Bildungsförderung zu betreiben oder nicht. (UNI-STANDARD, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2003)

  • Wolfgang Greisenegger
    foto: standard/uni

    Wolfgang Greisenegger

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